Konsumgesellschaft auf bestem Wege sozialer Ausgrenzung


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Fragwürdige Verhaltensmuster

Zum wiederholten Male wird nebenan eine komplette Wohnzimmereinrichtung einfach so auf den Sperrmüll geworfen, Ikea und Konsorten bieten billigen Nachschub, weil ohnehin der Trend vor zwei Jahren längst abgelaufen. Einen Spoiler können die Nachbarn sich auch noch leisten, während der Sohnemann bis morgens um drei die HiFi-Anlage lautstark plärren läßt, in wenigen Stunden beginnt die Frühschicht.

Derart kleine Widrigkeiten und Beobachtungen verdeutlichen die ganz normalen Alltagssorgen im sozialen Umfeld, wobei sich einerseits brüsk mit den Worten Luft gemacht wird, was die Belange des anderen einen scheren mögen, allerdings anderseits beim Überschreiten gewisser Grenzen sehr schnell tatkräftiger Handlungsbedarf einsetzt. Eine Stillhaltegesellschaft tickt im täglichen Einerlei zeitbombengleich vor sich hin, jederzeit bereit zu explodieren, wenn geeignete Momente dies rechtfertigen? Was geht solch Verhaltensmustern voraus?

Kaum noch Bedarf klärender Worte

Bereits in den 1970iger Jahren waren erste Bedenken zu hören, wohin wohl die Reise einer nimmersatten Konsumgesellschaft führen könnte, was dennoch kaum jemand dazu bewegte, ernsthaft gegenzusteuern. Wer will schon eine dermaßen rasante, weltweite Entwicklung aufhalten, bei der sich alles der Doktrin des ewig fließenden Geldhahns unterwirft?

Die Wirtschaft hatte stets besseres im Sinn: Die Vermarktung um jeden Preis und sei es halt, das menschliches Zusammenleben empfindlich gestört wird. Kann man schließlich irgendwie glattbügeln, Hauptsache der Dollar rollt. Gleichzeitig sorgt insbesondere die Unterhaltungsindustrie wunderbar für Ablenkung, Mensch funktioniert prima ganz im Sinne des grenzenlosen Konsums, dient förmlich als Drehscheibe immerwährende Kommunikationsdefizite.

Daher zeigen sich längst nicht nur in Problemvierteln vieler Großstädte die Folgen, es spielt sich vielmehr quer durch alle Gesellschaftsschichten ab, meist unerkennbar hinter schallisolierten Fassaden und „Trutzburgen“ beschönigten Familienidylls. Die Spitzen der Eisberge, die Gesprächsarmut und Ohnmacht eines zerrütteten Zusammenlebens schimmern manchmal dennoch durch, offenbaren sich in Gewaltszenarien zuhause bis hin zu Amoklauf, Isolation, zunehmenden Suiziden und blinder Wut.

Weg des geringsten Widerstandes

Natürlich fordert zunehmende Armut soziale Konflikte heraus, dieser Kontext sollte längst kein Novum mehr darstellen. Aber man muß der geistigen Armut einen größeren Stellenwert beimessen, dient gerade sie der Zunahme eines Klimas der Angst, der Häme und dem Mißtrauen untereinander. Wer sich komplexere Zusammenhänge nicht erklären kann, wählt halt den Weg des geringsten Widerstandes, macht sich Luft, was wiederum der vermeintlich Schwächere deutlich zu spüren bekommt.

Wir müssen nicht unbedingt Youtubegaffend uns die Clips manch extremer Mißstände reinziehen, hierzulande herrscht längst eine Zunahme gewisser Gleichgültigkeit dem Nächsten gegenüber, wie sonst sind recht spätes Eingreifen, wenn überhaupt, bei Gewalteskalationen zu erklären? Wenn man draußen in der Öffentlichkeit die Schwächen des anderen entdeckt, wird hämisch getuschelt bis hin zu sehr offensichtlichen Anfeindungen. Was nicht der eigenen Norm gefällig sich einordnen läßt, wird ganz simpel mal eben diffamiert, scheinbar ins rechte Licht gerückt, wer am heftigsten bösartig auftrumpft. Die wenigen, die sich eigentlich schützend einbringen möchten, halten lieber still, schweigen und ziehen ihres Weges: Zivilcourage bleibt aus.

Eine angewandte Nächstenliebe nur ein aufs Christentum beschränktes Bekenntnis, was ganz leicht im Alltag ignoriert wird? Haben sich ganz andere Eigenschaften in einer Welt des Glamours, des Stärkeren und im Wettbewerb zwischen Job, Statussymbol und Minderwertigkeitskomplexen durchgesetzt? Wer nicht wegschaut, kann dies vielerorten leider beobachten. Gleichwohl erscheint manchmal ein „Engel“, ein authentischer Mensch mit Herz und entsprechendem Mitgefühl, welcher sich schützend und helfend engagiert, ohne große Worte oder Erwartungen. Den gilt es zu bestärken, unabhängig davon, daß ein jeder von uns die selbstverständliche Pflicht hat, sowieso nicht nur hinzuschauen, sondern unbedingt zu helfen.

Lotar Martin Kamm

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3 Antworten zu Konsumgesellschaft auf bestem Wege sozialer Ausgrenzung

  1. cource schreibt:

    das größere leid/frust des anderen relativiert das eigene leid/frust und macht es erträglich, nach dem motto: so schlecht wie dem anderen geht es mir noch nicht also kann ich dankbar und zufrieden mit meinem schicksal sein, es gibt immer noch einem dem es schlechter im leben ergeht, das beruhigt und gibt die kraft die selbst auferlegten strapazen weiterhin zu erdulden, der gesamte niedriglohnsektor wurde gezielt von der SPD/Grünen geschaffen, damit sich die sklaven der mittelschicht besser fühlen als die sklaven der unterschicht

    Gefällt 2 Personen

  2. Gerhard Kugler schreibt:

    Dem Artikel füge ich noch einen Eindruck hinzu. Vielleicht steckt er schon drin, ich sage es dann in anderen Worten: Die Menschen scheinen nicht mehr berührbar, berührt. Leben und leben lassen, ist die Devise. Jeder soll es so machen wie er will, solange es nicht ungesetzlich ist. Da ist kaum noch ein Interesse. Vorgeheucheltes natürlich genug. Aber dann geht alles wieder unter, als wäre nichts gewesen. Berührt-Sein wäre anders: beunruhigt, nachdenklich, das Erlebnis auch später nochmal aufgreifend. Im Einerlei des Konsums und der reizvollen Neuigkeiten hat Berührtsein keinen Platz. Und so werden viele einsam. Durch ihre eigene Unberührbarkeit und durch die der anderen. Und sie merken es kaum noch, wenn sie nicht ins Depressive abrutschen. Aber dann sind sie ja schon ein Fall, für den man auch „gesorgt“ hat.

    Gerhard

    Gefällt 1 Person

  3. Carochan schreibt:

    Sehr wahre Worte…! Manchmal reicht es schon, darüber nachzudenken und seine moralischen Prinzipien beim Einkauf einzusetzen. Wie heißt es so schön im Film Fight Club: “Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen.”
    Danke für den schönen Artikel🙂

    Viele Grüße Caro

    Gefällt 1 Person

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