Abtritte oder die Scheißhäuser dieser Welt


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Ideenreichtum jagt Schlichtheit

Sein eigenes stilles Örtchen zu besitzen, ist für viele Menschen nicht möglich. Gemeint ist nicht der Rückzugsort, der Ort der Stille, das verwunschene Gartenhäuschen, die Ecke der Terrasse, an der der Wein rankt, das blaue Bänkchen, auf dem man über das Tal blickt, die versteckte Laube im Stadtpark neben dem angelegten Goldfischteich. Gemeint ist das Örtchen, das noch nicht allzu lange in fast allen Häusern leicht zugängig zu finden ist und das früher als 1,5 qm Häuschen, gern mit einem ausgeschnittenen Herz hinter dem Haus stand.

Der Abtritt ist natürlich das Abseitsgehen, das Verlassen der Bühne und wird auch in der Umgangssprache als der Übergang vom Leben zum Tod beschrieben. Der Abort ist ein abgelegener Ort, das Klosett ist die Abkürzung von watercloset, also von Wasser und entfernter Raum, closet aus dem Lateinischen clausus.

Toilette kommt aus dem Französischen, das Wort Toile ist eigentlich ein gemustertes Seidengewebe in Leinwandbindung, toilette ist die Verkleinerungsform, und es ist das Tuch, auf das man die Waschutensilien legt. Pissoir, Latrine, WC, Klo, Lokus, Pinkelbude, Null-Null, Klöchen, Pissbude, Scheißhaus, Lokalität, Örtlichkeit, Thron sind einige Begriffe mehr, wenn sie nach einem dieser Orte gefragt werden, so hat der Fragende ein gewisses Bedürfnis.

Sicher ist es für Sie nichts Neues, daß es bei diesen Bedürfnisanstalten weltweit die unterschiedlichsten Variationen gibt. Und zwar nicht nur, was die Größe eines solchen Örtchens betrifft, sondern auch in Bezug auf die Ausstattung. Die Blogger Julien und Sally zeigen auf ihrem Blog 365 Klos dieser Welt. Sozusagen eine winzig kleine Auswahl aus der Welt hier „sein Geschäft zu erledigen“.

Die Ausstattungen und dies nicht nur in der heutigen Zeit, sondern bereits seit Jahrhunderten, reichen von vergoldeten, aus feinstem Emaille hergestellten Kloschüsseln, bis zum einfachen Eimer. Das Inventar der stillen Örtchen wird großzügig mit den verschiedensten Accessoires ausgestattet. So gibt es natürlich die mannigfaltigste Auswahl bei den Klopapierhaltern oder den Klobürstenständern, die so individuell wie die Besitzer sein können.

Und so kurz mal dazwischen gefragt: Wer erinnert sich noch an die sehr oft gehäkelten Töpfchen, die auf der hinteren Autoablage ihren angestammten Platz hatten und jedem nachfolgendem Auto verzückende Momente der kreativen Möglichkeiten aufzeigten und unter denen immer eine volle Rolle Toilettenpapier spazieren gefahren wurde?

Apropos, selbstverständlich ist Toilettenpapier nicht Toilettenpapier, es gibt die 2-lagigen, 4-lagigen, mit Düften behandelte, etwa mit Lavendel, gemusterte, überhaupt farblich gestaltete, mit Geldscheinen, Herzchen, sogar in einigen Natioalflaggenfarben, mit Sprüchen versehene, also auch hier was das Herz begehrt, um sich im stillen Örtchen wohlzufühlen.

Das Wohlfühlen unterstreicht ebenso die Ablage für Zeitschriften, Bücher, Comics, die in einigen WCs zu finden sind, und ganz ehrlich, wer kennt nicht den ein oder anderen, der stundenlang das Klosett besetzt hält, nur weil er dort tief versunken im Blätterwald das Geschehen um ihn herum vergessen hat? Das stille Örtchen eröffnet für kreative Köpfe einen umfassenden Ideenreichtum, der zuweilen sofortigst an die Kacheln, Wände verewigt wird.

Überall diese noch so teuren oder schlichten Toiletten, die wir in unserm Leben zu Gesichte bekommen, sollten wir nicht vergessen, daß Millionen Menschen nicht die Möglichkeit haben, ein stilles Örtchen mit vier Ecken aufzusuchen und demzufolge die hygienischen Zustände zu schwerwiegenden Krankheiten führen können. Deshalb fordert Jack Slim: „Die Scheiße muß beim Namen genannt werden.“

Vielleicht sollten wir öfters bedenken, daß nicht nur die Bühne, auf der die Menschheit sich im Rampenlicht tummelt, sondern auch der Abtritt ein Raum darstellen sollte, der dazu beiträgt, uns wohl zu fühlen, und beklatschen, bejubeln wir nicht nur die Darsteller, sondern die Menschen, die dafür sorgen, daß die Abtritte und Scheißhäuser sauber bleiben.

Doris Mock-Kamm

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4 Antworten zu Abtritte oder die Scheißhäuser dieser Welt

  1. PachT schreibt:

    Man kann auch
    “ AUSSCHEIDUNGSTEMPEL “
    dazu sagen … !

    Gefällt 2 Personen

  2. gkazakou schreibt:

    mal wieder ein sehr informativer Artikel zu einem großen Thema, danke. Seine „Notdurft“ verrichten in notdürftig sicht-gesicherten Verschlägen – s wäre auch son Wort in der gegenwärtige Flüchtlingsdebatte. Mir fiel Bunuels Film „der geheime Charme der Bourgeoisie“ ein, wo das Essen, da unanständig, heimlich praktiziert wird, während die Entleerungstätigkeit wie ein Festbankett ausgestaltet ist. – Und die römischen Senatoren, die auf ihren Klo-Sesseln mit geraffter Tunika die nächsten Schritte der Stadtpolitik erörterten. .Mit herzlichem Gruß! Gerda

    Gefällt 2 Personen

    • quittenbluete schreibt:

      Danke Dir, ghazakou! Während des Schreibens sind auch mir unzählige Gesichtspunkte über die „Hinterlassenschaften“ der Menschen entgegengeflogen. Manche Themen können wahrlich eine ganze Flut von in sich geschlossenen Aspekten auslösen.
      „Wer würde heute wohl seine Gäste fragen »Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?« Obgleich nicht bei Luther nachzuweisen, würde die ihm in den Mund gelegte Frage gut zu ihm passen, hinterließ er uns doch Aussprüche wie »Wenn ich hier einen Furz lasse, dann riecht man das in Rom«, oder die treffende Bemerkung »Aus einem verzagten Arsch fährt kein fröhlicher Furz«. Dagegen klingt seine Feststellung »Wer es riecht, aus dem es kriecht« sehr gemäßigt.“ (Auszug aus mitteldeutsche-kirchenzeitungen) Und vielleicht könnten die politischen Verhältnisse sich bessern, wenn die Verantwortlichen bei ihren Entscheidungsfindungen ihre Hosen runterließen?

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  3. gkazakou schreibt:

    quis novit? Auch die römischen Konsuln machten oft genug Politik gegen das Volk.

    Gefällt 2 Personen

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