Erwachsen sein


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flickr.com/ h.koppdelaney/ (CC BY-ND 2.0)

Dabei sich die kindliche Narrenfreiheit bewahren

Als Kind darf man schon mal einen an der Waffel haben, wenn man für andere gefühlte Stunden, mit einem Bein auf einem Mäuerchen, mit dem anderen Bein auf der Straße hüpfend sich amüsiert. Wenn man aber mit sechzig Jahren diese Gleichgewichtsübung öffentlich vollführt, dann hat man für die Umstehenden nicht alle Tassen im Schrank, tickt nicht mehr richtig.

Warum eigentlich? Weil man als Erwachsener seinen körperlichen Spieltrieb nicht mehr öffentlich ausleben darf, es sei denn bei sportlichen Anlässen, die regelkonform aufgestellt sind und natürlich beim Training zu solch einem Ereignis. Spontane körperliche Aktivitäten wie etwa schaukeln, wippen, über Holzbalken balancieren, rutschen oder sogar aus Sand Burgen bauen, ohne daß ein Kleinkind in Begleitung ist, mit dem der Erwachsene den Spielplatz besucht, werden als kindisch, nicht angemessen angesehen. Es ist schlichtweg verpönt.

Ab wann dieses Erwachsensein vorhanden sein sollte, darüber gibt es keine Altersangabe, jedenfalls ist es nicht die Volljährigkeit mit achtzehn. Man bekommt eine gewisse Spanne der erlaubten Toleranz, in der man noch ein bißchen Narrenfreiheit genießen darf, das Hörner abstoßen erlaubt ist, etwas mehr für die männlichen Heranwachsenden als für die weiblichen. Für viele ist der Unfug vorbei, sobald sie Eltern werden, nicht weil sie ein Erwachsensein zu dieser Zeit empfinden, sondern weil der Druck der Gesellschaft danach verlangt, jetzt sei die Zeit der Vernunft gekommen, der Ernst des Lebens vollends eingetroffen, weil die Verantwortung über das Kind es nicht mehr erlaube, Firlefanz im Kopf zu haben.

Erwachsen sein, Reife besitzen, sein Leben selbständig zu meistern, auf eigenen Beinen stehen, ein Traum, eine Sehnsucht für viele Jugendliche, die aus dem engen Korsett von Familie oder Gesellschaft vermittelten Werte endlich in die eigenen Hände zu nehmen und unter eigener Verantwortung handeln zu dürfen, als erwachsen gelten, als vollwertiges Mitglied angesehen zu werden. Oft wird dieser Traum in dem Moment bereut, in dem man erkennt, seine eigene Persönlichkeit des Erwachsensein willens hintenangestellt zu haben, mit dem Effekt als Erwachsener nicht nur im Korsett zu stecken, sondern in Ketten. Denn die Beobachtung, ob man dem Anspruch des Erwachsenseins entspricht, wird ab diesem Zeitpunkt noch genauer beäugt. Es ist die Zeit, in der die Kindheit und Jugend zu Grabe getragen wird und Phantasie, Verspieltheit als kindisch tituliert werden. Manche Menschen fühlen sich allerdings in dieser Rolle des Erwachsenseins sehr wohl und achten in ihrem Umgang mit sich selbst und anderen streng an die Konvention, die als Normregel für das Erwachsensein zu gelten hat.

Wachsen bedeutet, die Entwicklungsphasen vom Samen zur Reife, die ursprüngliche Aussage das das Wort wahsen, mittelhochdeutsch, hatte, war vermehren, zunehmen. Wobei das Vermehren eher auf die Größe, Stärke sich bezog und nicht explizit das Zeugen von Nachkommen, obwohl das eine das andere nicht ausschließt.

Im Schwäbischen gibt es eine Redensart: „A Schwôb wird erschd mit vierzich gscheid“, ein Schwabe wird erst mit vierzig gescheit. Diese Aussage wurde durch Johannes Böhm, deutscher Volkskundler im 16. Jahrhundert, in die Welt gesetzt mit seinem Satz zu den Menschen, die im schwäbischen Gebiet wohnten, „sie kapieren spät“. Dies wurde 1781 durch Friedrich Nicolai revidiert, indem er den Schwaben eine Zufriedenheit, Ruhe und Treuherzigkeit gemischt mit einem unbefangenen Wesen attestiert hat. Sie seien ohne Arglist, deshalb setzten sie auch bei anderen keine böswilligen Absichten voraus. Weil sie also nicht auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien, würde ihnen dies als Dummheit ausgelegt werden. Der Schwabe würde erst spät im fünfzigsten Lebensjahr anfangen, seinen Verstand zum eigenen Vorteil zu benützen. Die Schwaben haben indes es sich nicht nehmen lassen, aus der Redewendung über sie ihren Vorteil heraus zu stellen, denn sie haben an: „A Schwôb wird erschd mit vierzich gscheid“, einfach folgendes zugefügt: „diâ andrâ ned en Ewichkeit.“ (die andern nicht in Ewigkeit)

Wer ist nun der Gescheiteste, der Erwachsene, der der seine kindliche Unbefangenheit einwechselt, um zu beweisen, daß er den Verstand besitzt, sich seiner Verantwortung in der Gesellschaft bewußt zu sein oder der, der seine kindliche Unbefangenheit auslebt, um zu zeigen, daß Verstand auch mit verspielter Phantasie sich verantworten kann?

Doris Mock-Kamm

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Eine Antwort zu Erwachsen sein

  1. Senatssekretär Freistaat Danzig schreibt:

    Hat dies auf behindertvertriebentessarzblog rebloggt.

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