Sigrun


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Sigrun hörte ihre Schritte im ungleichen Klang wie von weiter Ferne. Klick, Kli, Klick. Sie trug immer noch ihre Sommerlatschen, obwohl es bereits merklich kälter wurde und die Bauern fast alles Getreide, Kartoffeln, Rüben von ihren Feldern in die Scheunen und Keller gebracht haben. Ihre dicken Strümpfe, die sie mit Bändern an den Schenkeln festgebunden hat, schützten sie vor dem stärker werdenden Wind.

Einzelne Windböen, die sich durch kleine Gäßchen, die auf den Marktplatz führen, angestachelt fühlten, ihre Stärke unter Beweis zu stellen, versuchten immer wieder, ihre Haube vom Kopf zu zerren. Das Klick, Kli, Klick ihrer Schuhe, das über den gepflasterten Platz schallte und wieder zu ihr durch den Wind zurück fand, erinnerte sie an die Musikstunden im gräflichen Schloß, bei denen sie mit ihren Beinen im Takt baumelnd aufmerksam dem Musiklehrer zuhörte, der genervt sich abmühte, ihrer Freundin ein Gefühl für Musik beizubringen. Ein warmes Gefühl der Dankbarkeit durchströmte sie und war plötzlich froh, daß die hintere Sohle am linken Schuh noch nicht repariert werden konnte.

Ihre drei Kinder sind alle zur gleichen Zeit erkrankt, den Gang zum Heilmittelhändler war sie die letzten Tage schon oft gegangen. Nun war die Kräutermischung wieder aufgebraucht, die ihr der Drogist zusammengestellt hatte, sie konnte deshalb auch noch keinen neuen Stoff erstehen, um den Kindern wärmere Kleidung zu nähen. Ihr Großer hatte zudem nicht mal mehr Schuhwerk, weil er sie unterwegs verloren hat. Die Vermieterin hatte ihnen zwar wohlwollend einige alte Decken überlassen, um sich ein wenig von der Kälte zu schützen, aber sie konnte die Kinder nicht immer nur in den beiden angemieteten Zimmern verweilen lassen.

Und als sie neulich gemeinsam mit einigen Kindern in den Hängen gespielt hatten, waren sie, anstatt vom Regen nachhause zu flüchten, unter einer großen Buche sitzen geblieben. Nur die herannahende Dunkelheit hatte sie veranlaßt, doch schnellstmöglich den Heimweg anzutreten. In der Nacht fingen dann auch die ersten Fieberschübe an. Vom Erlös ihrer letzten Schmuckstücke waren zwar noch genug Münzen vorhanden, aber Sigrun war nicht sicher, ob ihr Gemahl Gernot wirklich gesund zu ihr zurückkam, um, egal wie der Zwist ausgehen sollte, ein neues Leben mit ihr und den Kindern irgendwo anzufangen.

Gernot war bereit, wenn dieser letzte Kampf gerungen war, auch als Fischer zu leben, um seine Familie zu ernähren.
„Sigrun, wir sind nun so viele Jahre von Ort zu Ort gezogen, es wird Zeit für uns, Ruhe zu finden. Aber verstehe, ich muß einen letzten Versuch unternehmen, mein angestammtes Gut zu erhalten.“
Ihr war bewußt, daß sie gegen diesen Wunsch, oder war es inzwischen ein Trieb, nichts hervorbringen könnte, ihn davon abzuhalten, endlich sein Recht zu bekommen.

Sie waren zusammen im Schloß aufgewachsen, so wurde es liebevoll genannt, obwohl es ursprünglich nur eine umgebaute Burg war. Er, der Enkel des Grafen, sie die Tochter einer Magd, die vom Altgrafen zur eigenen Hofdame erklärt wurde, nachdem ihr Mann bei einer Treibjagd sein Leben verlor. Damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe, einerseits verhinderte er dadurch, daß keiner mehr auf die Idee kam, ihm seine Tochter, Nichte oder sonstige Weiblichkeiten zur Heirat anzubieten, andererseits beschützte dieser Umstand Mutter vor Nachstellungen der Männer, die auf dem Schloß lebten oder zu Besuch kamen.

Ihre Mutter Marietta war dem Troß des Grafen, als sie durch ein ausgebranntes Dorf ritten, einfach gefolgt. Zuerst heimlich, bis die Reiter bemerkten, daß hinter ihnen ein immer wieder kehrendes Hundegebell erschallte. Einer der Reiter wollte den Hund abpassen und ihn töten, da sie vermuteten, daß er von der Wutkrankheit, Tollwut angesteckt war. Als er aber sah, daß der Hund in Begleitung eines kleinen Mädchens war, beließ er es und beobachtete vielmehr ihr Treiben. Das Mädchen verbrachte die Nacht in der Nähe des Nachtlagers der Soldaten, um kaum, daß diese weitergeritten waren, das Nachtlager nach Überresten der Mahlzeit zu durchsuchen und gierig an Knochenresten zu nagen.

Der Graf befahl daraufhin, das Mädchen mit ins Schloß zu bringen, um es in seinen Hausstand einzugliedern. Marietta, die beim Gesindel aufwuchs, entwischte immer wieder, um in die Nähe des Grafen zu gelangen oder um heimlich den Lernstunden seiner Kinder zuzuhören. Sie entwickelte ein Gespür fürs Unsichtbarmachen und überraschte durch ihre erlernten Kenntnisse. Nach dem Tag, als das Gesindel bei einem Fest lauthals über die allwissende Mariette schwatzte und sich über sie lustig machte, wurde sie vom Grafen zwar gerügt, aber sie durfte fortan, wenn sie ihre Arbeiten erledigt hatte, bei den Unterrichtstunden teilnehmen, und bald schon war sie als das wißbegierigste Mädchen weit und breit bekannt. Durch diese Sonderstellung und wohl auch, weil der Graf selber keine eigenen Töchter hatte, entwickelte sich zwischen den beiden eine väterliche Freundschaft, sehr zum Ärgernis seiner Frau und seiner beiden Söhne.

Nach dem Tod seiner Frau wurde Marietta noch mehr zum Mittelpunkt in seinem Leben, und nachdem ihr Mann verstorben war, waren sie so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft. Das war auch der Grund, warum Sigrun von klein auf die Möglichkeit erhielt, am Unterricht der Enkel und Enkelinnen des Grafen teilzunehmen. Sophia, die älteste Tochter seines ältesten Sohnes, behandelte sie stets wie Luft, genauso wie Gernot ihr Bruder. Harald, Mattias und Philine, die Kinder des jüngsten Sohnes, zeigten zwar Sympathien für Sigrun, aber nur wenn sie unter sich waren.

Als Gernot von seinen Lehrjahren zurückkam, war er ein stattlicher junger Mann, und beim saloppen Überspringen der Stufen zum Schloß, vor dessen Tür die versammelte Familie zur Begrüßung Aufstellung genommen hatte, stürzte er auf dem letzten Absatz und fiel Sigrun vor die Füße. Er erkannte sie im ersten Moment nicht und stammelte einige Entschuldigungen, die Sigrun lächelnd annahm. Das Eis, das er ihr gegenüber immer in sich getragen, hatte angefangen zu schmelzen und wurde ziemlich schnell zum reißenden Fluß einer stürmischen Liebe.

Der Graf vermachte Gernot die Besitzungen und die Burg Samfurth, auf der Sigrun und Gernot glückliche Jahre verlebten, bis sein eigener Vater und sein Onkel nach dem Tod des Grafen offen das Testament anzweifelten und schließlich sogar mit einer großen Reiterschar die Burg angriffen. Sie konnten mit den Kindern flüchten, aber ihre Mutter starb bei der ersten Angriffswelle. Schutz fanden sie bei Gernots Großcousin mütterlicherseits, bis er von einem Frühlingsfieber sich nicht mehr erholte und starb. Einige Gewährsleute des Großcousins und Getreue standen bis heute Gernot zur Seite, obwohl kein Silberling mehr übrig war, sie zu bezahlen.

Sigrun hörte wieder ihr Klick, Kli, Klick und ließ sich gedanklich an den Tönen der Harfe erwärmen, die ihr oft die Schmerzen aus dem Herz weggespült hatten. Der Wind wurde heftiger und zu ihrem Klick, Kli, Klick vernahm sie Pferdehufe, die sich schnell dem Marktplatz näherten. Sicher ein paar wilde Gesellen, die in der letzten Zeit nicht nur einzelne Dörfer und Gehöfte überfielen, sondern sich öfters auch den Spaß machten, in den Städten kurz für Unruhe zu sorgen. Sie tauchten aus dem Nichts auf und verschwanden genauso schnell wieder, sie raubten Marktstände leer und nicht selten nahmen sie Mädchen und Frauen als Gefangene zur Lösegelderpressung oder um sie sexuell zu mißbrauchen. Sigrun lief aus ihren Träumen gerissen, um sich beim Heilmittelhändler in Sicherheit zu bringen, sie stürzte und schlug mit ihrem Kinn aufs Pflaster, fürchterlich wütend über sich selbst, daß sie ihre Schuhe nicht zur Reparatur gebracht hatte.

Sie hörte Reiter von ihren Pferden springen und spürte eine Hand an ihrer Schulter: „Junge Frau!“ Weiter brauchte der Reiter nicht zu sprechen, sie drehte ihm ihr Gesicht zu und antwortete: „Junger Mann, wie habe ich dich vermisst, Gernot!“

Doris Mock-Kamm

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