Bayer-Monsanto-Deal eine neue Spielwiese – Interview mit Jan Pehrke


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flickr.com/ Cedric Wetzel/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Zwei Chemiegiganten mit fragwürdigem Image

Wer kennt sie nicht, die Hiobsbotschaften aus dem Munde berechtigter Genfood-Kritiker, genauso wie all jene, die keinesfalls einer zunehmenden Zerstörung durch die Agrarindustrie tatenlos zuschauen, vielmehr beherzt Widerstand leisten mittels Aufklärung und Demos an geeigneten Orten und bei gewissen Anlässen.

Nachdem in den letzten Wochen die Nachricht vom eventuellen Verkauf des in Verruf geratenen Saatgutherstellers Monsanto an den Leverkusener Bayer-Konzern erst Gerüchte kursierten, folgte bald ein Angebot, welches allerdings Monsanto als zu niedrig einschätzte. Müssen wir uns auf einen langen Verhandlungs-Marathon einstellen oder folgt eine zügige Abwicklung im Interesse beider Seiten?

Leiten wir doch diese und andere Fragen weiter an den Journalisten und dem Vorstandsmitglied bei der Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG), einem internationalen konzern-kritischen Netzwerk, welches ganz besonders dem Bayer-Konzern auf die Finger schaut, sich grundsätzlich für soziale Anliegen und dem Umweltschutz einsetzt.

Lotar Martin Kamm: Viel heiße Luft im Vorfeld zum Bayer-Monsanto-Deal, was nach außen eher einem inszenierten Schauspiel gleicht, zumal tatsächlich im Geheimen verhandelt wird. Und daran anknüpfend hier die logische Schlußfolgerung: Müssen wir uns auf einen langen Verhandlungs-Marathon einstellen oder folgt eine zügige Abwicklung im Interesse beider Seiten?

Jan Pehrke: Die Gespräche ziehen sich jetzt schon ziemlich lange hin. Bayer hätte sicherlich lieber im stillen Kämmerchen verhandelt, aber Monsanto konnte irgendwann Gerüchte über Verhandlungen nicht mehr fälschlicherweise als „wilde Spekulationen“ zurückweisen, sonst hätte das Unternehmen gegen Kapitalmarkt-Regeln verstoßen. Also musste es an die Öffentlichkeit gehen. Und jetzt tragen die vielen Berichte und Diskussionen nicht eben zu einer zügigen Abwicklung bei. Die Börsen haben eher negativ reagiert, viele haben Zweifel, ob Bayer den Deal finanzieren kann, was wiederum den Spielraum des Leverkusener Multis beim Preis-Poker einengt. Und so hat er auch bisher kein höheres Angebot als das ursprüngliche vorgelegt. Monsanto hingegen will sich nicht in die Karten gucken lassen und hat Bayer bisher keinen Einblick in die Geschäftsbücher gewährt. Es könnte deshalb alles noch eine Weile dauern.

Lotar Martin Kamm: Dürfen wir somit von einer denkbar ungünstigen bis gefährlichen neuen Fusion ausgehen, die alles bisher stattgefundene in den Schatten stellen wird, vom schlechten Image beider Großkonzerne bishin zu wesentlich mehr „Segnungen“ weiterer Schadstoffe der Chemielobby?

Jan Pehrke: Mit der Übernahme von Monsanto durch Bayer würde sich der Agrar-Markt weg von einem Oligopol hin zu einem Monopol entwickeln. „Baysanto“ wäre mit Abstand der größte Konzern der Branche. Bei den Pestiziden kommen Bayer und Monsanto zusammen auf einen Marktanteil von rund 25 Prozent, beim Saatgut für gentechnisch veränderte und konventionelle Ackerfrüchte auf einen von rund 30 Prozent. Allein die Gen-Pflanzen betrachtet, erreichten die beiden Konzerne vereint mit weit über 90 Prozent sogar eine klar dominierende Position. Damit würde Bayer große Teile der Welternährung kontrollieren. Der Multi könnte von den Landwirten mangels Konkurrenz noch mehr Geld für Saatgut, Pestizide und andere Betriebsmittel verlangen. Auch müsste der Global Player sich noch weniger anstrengen, neue Produkte zu entwickeln. Schon jetzt haben die oligopol-artigen Strukturen zu einem riesigen Innovationsstau geführt. Dem Ziel einer Landwirtschaft ohne exzessiven Gift-Einsatz sind Bayer & Co. in den letzten 10, 20 Jahren kaum einen Deut nähergekommen, sie schaffen es noch nicht einmal, Ersatz für ihre Uralt-Mittel zu finden: Bayers Glufosinat und Monsantos Glyphosat haben schon über 40 Jahre auf dem Buckel.

Zudem könnte durch die Übernahme die Debatte um die Gentechnologie in Deutschland eine andere Richtung nehmen. Wenn ein bundesdeutsches Unternehmen hier jetzt stärker mitmischt, steigt der Druck auf die Politik, sich in Sachen „Anbau“ konzilianter zu zeigen. Mit Arbeitsplatz-Argumenten ist man da ja immer leicht bei der Hand.

Lotar Martin Kamm: Im Grunde kann man sich dennoch die ganze Aufregung sparen, wer ein wenig hinter die Kulissen der Finanzwelt schaut. Mit Blick in Ihrem Artikel vor gut zwei Jahren hat demnach der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock die Fäden in der Hand, hält die meisten Anteile, beherrscht somit den Bayer-Konzern? Gilt das erst recht heute noch?

Jan Pehrke: Momentan ist die Capital Group mit rund zehn Prozent der Anteile der größte Bayer-Aktionär, Blackrock nimmt mit ca. sechs Prozent nur die zweite Position ein. Beide Gesellschaften mischen aber auch groß bei Monsanto mit. Öffentlich haben sie sich bisher nicht zu den Bayer-Plänen geäußert. Andere Investment-Gesellschaften aber schon. Und die sind eher skeptisch, eben wegen der hohen Schulden, die die Transaktion nach sich ziehen würde. Einige würden auch eher eine Stärkung des Pharma-Sektors bevorzugen. Gegenwärtig muss Bayer einigen Aufwand betreiben, um die Big Player von der Profitablität des Vorhabens zu überzeugen.

Aber abgesehen davon, wie einzelne Akteure den Übernahme-Versuch auch bewerten mögen: Insgesamt gesehen sind es schon die Kapital-Märkte, die den Druck aufbauen. Ihnen gegenüber steht Bayer in der Pflicht, Jahr für Jahr seine Profite zu steigern. Und das ist auf dem Agro-Markt momentan schwierig. In China, Argentinien und Brasilien geht das Wachstum zurück, und in den USA sinken die Nahrungspreise, weshalb die Landwirte nicht mehr so viel Saatgut und Pestizide kaufen. Investitionen in den Ausbau der eigenen Kapazitäten lohnen da kaum. Darum müssen die Unternehmen nach anderen Investitionsmöglichkeiten Ausschau halten. So begeben sie sich dann auf Shopping-Tour, locken doch bei Zukäufen die viel beschworenen Synergie-Effekte. Im Agrar-Bereich geht das schon seit einiger Zeit so. Dupont und Dow fusionierten, ChemChina erstand Syngenta, und jetzt auch noch der Verstoß von Bayer. Fragt sich nur, was danach passiert, wenn sich die Aktionäre an den Synergie-Effekten erfreut haben und sie nach neuen Beglückungen verlangen. Für eine neue Runde Monopoly sind dann nicht mehr genug Mitspieler da.

Lotar Martin Kamm: Zum Schluß des Interviews möchten wir Ihnen noch die Gelegenheit geben, ergänzende Bemerkungen loszuwerden.

Jan Pehrke: Für uns läuft da im Moment ein zynisches Spiel um eine sehr ernste Sache ab, vielleicht die ernsteste überhaupt: die Ernährung der Menschheit. Dem wollen wir Einhalt gebieten. Deshalb arbeiten wir nach Kräften daran, die Transaktion zu verhindern. Das reicht uns aber nicht. Lebenswichtige Güter sollten unserer Meinung nach überhaupt nicht dem Profit-Streben unterworfen sein. Darum fordern wir, die Agro-Multis unter gesellschaftliche Kontrolle zu stellen.

Lotar Martin Kamm: Da können wir uns nur anschließen, der Spekulation und dem Profit-Streben gehört in der Tat ein Riegel vorgeschoben, wie auch Querdenkende in seinen Beiträgen oft schon betonte. Herzlichen Dank für das aufschlußreiche Interview.

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2 Antworten zu Bayer-Monsanto-Deal eine neue Spielwiese – Interview mit Jan Pehrke

  1. Pingback: Beitrag von „Querdenkende“ – Interview mit Jan Pehrke |

  2. Arno von Rosen schreibt:

    Sehr lesenswertes Interview und falls die Kartellbehörde einzuschreiten droht, wird das Unternehmen aufgegliedert, damit formell alles seine Ordnung hat und schon haben wir einen neuen Monopolisten auf dem Weltmarkt. Da brechen gruselige Zeiten für mittelständische Landwirte an und dies global.

    Gefällt 1 Person

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