Die Verabredung – wenn aber auch alles schiefgeht


https://www.flickr.com/photos/goerlitzphotography/11628784374/sizes/z/

flickr.com/ GörlitzPhotography/ (CC BY-SA 2.0)

So, das Taxi ist also unterwegs. Abgespült, Schmutzwäsche versorgt, Bett gemacht. Wie seh ich aus? Vielleicht zu viel parfümiert? Die Zähne, ich hab die Zähne vergessen! Nein, ich geh jetzt nicht ans Telefon. Bimmel du nur, keiner da. Mist, die wirken immer noch leicht braun. Salz, Salz soll helfen. Boah, abscheulich. Ein bißchen besser, oder? Wo ist der Vergrößerungsspiegel, verdammt. Auf der Nase sind ja kleine schwarze Punkte. Wie krieg ich die weg? Auch mit Salz, nee, jetzt ist sie auch noch rot. Irgendwo hatte ich doch noch Puder. Nein, ich geh nicht ans Telefon. Und wenn’s wichtig ist.

„Ja, hallo! Ach du bist’s, Beate? Glückwünschen willst du mir? Mensch, ich bin so aufgeregt! Ist ja nicht meine erste Verabredung, aber ich hab jetzt schon weiche Knie. Nein, hab mir ein Taxi bestellt, du weißt doch, am Hauptbahnhof gibt’s kaum Parkplätze und stundenlang um die Ecke kurven, wollt ich mir nicht antun. Wir wollten vom Bahnhof aus ins „Klammer“ gehen. Ja, ich hab einen Tisch bestellt. Nein, hör mal, du, da ist noch jemand in der Leitung. Nein, meine Verabredung hat keine Telefonnummer von mir. Ich bin vorsichtiger geworden, die letzte Erfahrung hat gereicht. Du, ich glaub, ich übernehm jetzt doch mal den anderen Anruf. Danke, wird schon schiefgehen, ja, sag dir spätestens morgen Bescheid.“

„Pagel. Das Taxi soll noch einen Moment warten. Ja, natürlich zahle ich den Aufpreis. Noch fünf Minuten.“

Ohje, hätte ich doch nicht in den Vergrößerungsspiegel geguckt. Meine Nase ist ganz rot. Kaltes Wasser draufhalten. Mist, jetzt ist auch noch das T-Shirt naß. Das trocknet oder ist das Fett? Quatsch, abwarten. Ruhe bewahren, warum bin ich auch so zittrig, schließlich ist es doch nicht meine erste Verabredung. Vielleicht hätten wir uns doch lieber einfach nur im Stadtpark treffen sollen. Nein, ich mußte unbedingt auf das „Klammer“ bestehen. Der Fleck ist immer noch da, verdammt, das ist mein Lieblingsshirt. Ich werd’s einfach trocken föhnen. Immer noch da. Schon wieder Telefon! Sind die fünf Minuten schon rum? Elf Uhr dreißig, was, schon? Da sollte ich doch am Bahnhof stehen. Macht zwar keinen guten Eindruck, gleich beim ersten Mal zu spät kommen, aber ich bin freiberuflich, da können immer mal wichtige Gespräche dazwischenkommen.

Wo ist denn nur das grüne T-Shirt, das muß doch hier im Schrank sein? Ja, läute du nur, bin eh schön nervös, soll ich das braune anziehen?

„Pagel. Ja, ich weiß, daß das Taxi wartet. Nein, Sie brauchen kein neues Taxi schicken, auch wenn es in 10 Minuten hier sein könnte. Der Taxifahrer hat jetzt eigentlich Feierabend? Dann soll er Überstunden machen. Eine Aushilfskraft! Ich leg Trinkgeld drauf. Wichtiger Termin. Dann stellen Sie keine Leute ein, die wichtige Termine haben, mein Termin ist auch wichtig. Teuer, ja, ich weiß, daß das eine teure Taxifahrt wird. Noch fünf Minuten, dann bin ich unten.“

„Pagel, ich hab doch gesagt, daß ich in fünf Minuten unten bin. Ach du bist’s, Beate. Ja, ich bin noch hier, die wollten ein neues Taxi schicken, der Fahrer hätte einen wichtigen Termin. Nein, ist geklärt, muß nur noch ein anderes T-Shirt anziehen, hab das blaue versaut. Okay, ist gebont, wenn es ein Reinfall war, treffen wir uns heute abend bei „Willis“, mehr schiefgehen kann sowieso nicht mehr.“

Okay, okay, ganz ruhig, durchatmen, natürlich bleiben, cool, dann hat das Shirt eben einen Fleck, dann ist die Nase gerötet, wenn ich so nicht genehm bin, dann hat es sich eben erledigt mit der neuen Liebe. Ist sowieso verrückt genug, sich auf dieses spontane Treffen eingelassen zu haben, hätte vielleicht besser noch abgewartet, schlechte Erfahrungen habe ich inzwischen genug gesammelt, aber verdammt, bis heute morgen hat es sich richtig angefühlt. Warum bin ich bloß so nervös? Jetzt klingelt’s auch noch an der Wohnungstür. Wer will mich denn jetzt besuchen? Sicher nur ein Paketdienst, damit ich wiedermal Paketannahmestelle spiele, aber heute nicht, heute habe ich eine Verabredung!

„Nein, ich nehme heute kein, – Melanie?“
„Herr Pag.., Tom?“
„Woher hast du…?“
„Das Taxi, das Taxi bin ich.“

Doris Mock-Kamm

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Die Verabredung – wenn aber auch alles schiefgeht

  1. Arno von Rosen schreibt:

    Die besten Geschichten schreibt das Leben 😀

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Mittwoch, den 29. Juni 2016 | Kulturnews

  3. Beat(e)s Welten schreibt:

    Super erzählt. Allein das Lesen nimmt mich hinein in den Stress 😉

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s