Die Kirche im Dorf lassen


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flickr.com/ weidenskind/ (CC BY-ND 2.0)

Oder warum Patrioten ständige Rechtfertigungen nachlegen

Manchmal kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß gerade in der jetzigen Zeit vermehrt Menschen die Kirche nicht mehr im Dorf lassen. Sie hausieren, angesteckt durch Ängste, Sorgen, um nicht zu sagen, durch Hetze mit sämtlichen Meinungsbildern, die sie zur Rechtfertigung ihres Haßes auf alles und jenes gerne weiterverbreiten.

Dabei spielt es keine Rolle, woher sie ihr Wissen bezogen haben, es gilt nur, das Gesehene, Gehörte anzuprangern mit der Unvernunft eines trotzigen Kindes, das partout behauptet, vom Kuchen nicht genascht zu haben, obwohl an seinen Händen und im Gesicht eindeutige Spuren der Nascherei zu sehen sind.

Die Kirche im Dorf lassen bedeutet in etwa, nicht so übertreiben, realistisch bleiben. Die Herkunft dieser Redewendung bezog sich auf die Messen in den Kirchen, die gerne als Prozession, nicht nur in der Kirche, sondern auch außerhalb, um das Dorf herum abgehalten wurde. Heute sind diese Prozessionen größtenteils auf die Fronleichnam-Prozession eingeschränkt. Laut Überlieferung haben zu große Prozessionen dazu geführt, daß die Dorfgrenzen überschritten wurden und dies den Nachbardörfern nicht gefiel, deshalb sollte die Prozession das nächste Mal innerhalb der Dorfgrenzen bleiben. Also, die Kirche im Dorf lassen.

Anscheinend haben einige Menschen es derzeit nötig, mit viel Tamtam und einem gewissen Grad an „auffallen um jeden Preis“ und dies bei sämtlichen sich bietenden Gelegenheiten wichtig zu tun, anstatt mit differenzierten, belegbaren Wissen oder zumindest mit dem Feingefühl zur Harmonisierung eines Konfliktes an einem Gespräch teilzunehmen. Viele sind schlicht überfordert, konstruktive Inhalte zu vermitteln, teilweise weil sie mit der Thematik sich nicht auseinandergesetzt haben, teilweise, um absichtlich Lügen zu verbreiten, um damit Aufmerksamkeit zu erhaschen in der Hoffnung, an jeder Lüge klebt ein Stück Wahrheit.

Diese „Wahrheit“ wird im Handumdrehen zum Selbstläufer, denn jede Stellungnahme, die die Lüge enttarnen kann, wird nun zur Bestätigung begrüßt, daß man eben die „Wahrheit“ gesagt hat. Dieser Firlefanz wird angereichert mit „guten alten Werten“, Angst vor „nationalem“ Gefühl, Schuldkomplex, der zur Empathie führt, Disziplinlosigkeit, Verrohung der Gesellschaft, da ohne Ehre, Stolz, Loyalität kein zwischenmenschliches Zusammenleben möglich wäre und so weiter. Es folgt eine Vermischung der einzelnen Problemstrukturen zu einem Einheitsbrei aus „nur die eigenen Völker“ können die weltweiten Mißstände der Globalisierung retten, indem sie sich abschotten und Zuflucht in den gescheiterten Gesellschaftsformen der Vergangenheit anpreisen.

Romantisch verklärt werden diese Vorstellungen durch Hinzudichten oder Weglassen, je nach Belieben, wie perfekt doch die Ahnen ihre Vaterländer gestaltet und im Schweiße ihres Angesichtes das Beste, Größte für ihre Nachfahren geleistet haben. Allein das Wort Vaterland impliziert die patriarchalische Führungsrolle und zeigt eindeutig eine Respektlosigkeit gegenüber Frauen.

Wie erkennt man diese Hetzer, Heuchler, die der Welt ihre verklärte Sichtweise mit Phrasen gemischt unters Volk bringen, ähnlich wie die Wandermönche im Mittelalter, die durch die Dörfer zogen? Natürlich tragen sie keine Tonsur und kein Mönchsgewand, aber es gibt Haarschnitte und Kleidungsmerkmale genauso wie ein hämisches, überhebliches, süffisantes Lächeln, das ihrer erleuchteten Weisheit Nachdruck verleihen soll.

Sie kennen plötzlich, obwohl sie ansonsten nicht mit dem Thema beschäftigt waren, vielleicht überhaupt noch nie Interesse für gewisse Sachverhalte hatten, sämtliche Entwicklungsstufen, die zur jetzigen Situation der verschiedenen Problemstrukturen führten, diese sind ihnen bis ins kleinste Detail bekannt.

Sie berufen sich plötzlich auf das christliche Abendland, obwohl sie seit der Kommunion oder überhaupt noch nie eine Kirche von innen gesehen haben und der Papst und die Kardinäle für sie nur geldgierige Popanzen sind.

Sie sind plötzlich ernährungsbewußte Mitmenschen, die vor kurzem noch den Nachbar belächelt haben, der Gemüse anbaut, essen und trinken trotzdem die Lebensmittel, deren Konzerne sie dafür verantwortlich machen, daß ihre Gesundheit ruiniert ist, obwohl, wenigstens annähernd seit Jahrzehnten längst bekannt ist, daß verschiedene Inhaltsstoffe nicht der Gesundheit förderlich sind.

Sie zeigen plötzlich Mitgefühl für Menschen, natürlich nur für diejenigen, die sie zu ihrem eigenen Volk zählen, die aus welchen Gründen auch immer „gestrandet“ sind. Bis vor kurzem waren diese Menschen noch selbst schuld an ihrer Misere, denn wer arbeiten will, findet auch einen Job.

Sie verteufeln plötzlich wichtige Errungenschaften in der Familienpolitik, wie zum Beispiel das Scheidungsrecht, Abtreibungen, Schutz für Alleinerziehende.

Dies sind nur einige wenige Erkennungsmerkmale, ach ja, und sie betonen gebetsmühlenartig, ich bin nicht rechts, kein Nazi, ich bin Patriot.

Wenn diese aufgezählten Faktoren und einige mehr zutreffen, dann haben sie jemanden vor sich, der die Kirche nicht im Dorf läßt, sondern in übertriebener, aufdringlicher Form ihnen das neue heilsversprechende Zukunftsbild aufzeichnet, das, oh Wunder, alle Probleme wegzaubert.

Doris Mock-Kamm

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