Zuckerbrot und Peitsche


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flickr.com/ musenationaldeleducation/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Eine fragwürdige Methode verharrt bis in die Gegenwart

„Bist du damit nicht zufrieden, gibt es gar nichts.“ „Wenn wir dieses Spiel jetzt nicht spielen, bist du nicht mehr mein Freund, Freundin.“ „Sei pünktlich zuhause, sonst gibt es kein Abendbrot für dich.“ Zuckerbrot und Peitsche, hoffentlich nicht mehr in Erziehungsfragen eine angewandte Form.

Viele Kinder wurden mit dieser Methode groß und haben sie selbst auch bei ihren Kindern angewandt. Den Wert des Zuckerbrotes kann sicher nur noch von denjenigen verstanden werden, die den seltenen Genuß erleben durften Zucker auf einer Scheibe Brot, wie wunderbar, wenn auch noch mit Butter bestrichen, ablecken durften. Über den Wert der Peitsche, Rohrstock, Teppichklopfer oder ähnliche Gegenstände, die zur Anwendung kamen, um dem Kind Gehorsam beizubringen, muß wohl nicht näher beschrieben werden.

Die Herkunft dieses Ausdruckes kommt allerdings aus den Zuckerrohrplantagen, bei Erhitzung des Zuckers bleibt in karamellisierter Form Zucker auf dem Boden des Topfes hängen, dieses Zuckerbrot wurde den Sklaven oft als Belohnung überlassen. Auch in diesem Zusammenhang braucht die Peitsche nicht näher erklärt werden, oder?

Bismarcks Politik wird gerne in Zusammenhang mit den Sozialgesetzgebungen als Zuckerbrot und Peitsche-Politik beschrieben, weil die Vermutung oder sogar der berechtigte Einwand nahe lag, daß die Sozialgesetze nur die Funktion hatten, die Arbeiterklasse (und damit die sozialistische Bewegung) in den monarchischen Obrigkeitsstaat einzugliedern. Kurt Tucholsky veröffentlichte 1930 unter dem Pseudonym Theobald Tiger ein Gedicht, Zuckerbrot und Peitsche, in der Weltbühne.

Das Prinzip, Zuckerbrot und Peitsche, wird zurzeit auch in der Aufforderung „Fördern und Fordern“ im Zusammenhang mit Hartz IV angewandt. Auch hier ganz deutlich, parierst du nicht, wie ich es will, hat das negative Konsequenzen, machst du, was ich dir vorschreibe, passiert dir nichts. Diese Logik ist gespickt mit undifferenzierten Platitüden, die den Zweck verfolgen, Menschen in Wirklichkeit zu unterdrücken oder sie gefügig zu machen. Das Verhältnis ist Unterdrücker und Unterdrückte und nicht die Bemühung, auf gleicher Augenhöhe einen Disput zu klären.

Natürlich ist es nicht immer einfach, gerade im Hinblick auf das Zusammenleben mit Kindern und Jugendlichen, nicht selbst in dieses Muster zu verfallen, gerade in Streßsituationen. Dann kann schon mal das „Wenn-dann-Prinzip“ die Oberhand gewinnen und wird nicht zu großem Schaden führen, solange es nicht die generelle Handhabung für Auseinandersetzungen, Meinungsverschiedenheiten zwischen den Kindern und Eltern bleibt.

Zuviel Lob kann zu Selbstüberschätzung, der Tadel oft zu Ängsten, Beklemmungen und Furcht führen, die letztendlich keine Vertrauensbasis schaffen. Gerade heutzutage, nein, eigentlich immer schon, sollte das „Wenn-dann-Prinzip“ nur sehr selten zum Einsatz kommen, es wird aber bei politischen, wirtschaftlichen, sozialen Entscheidungen permanent angewandt, und bist du nicht willig, wirst du sanktioniert.

Jeder Programmierer weiß, wie zeitaufwendig und mit welcher akribischen Genauigkeit aller möglichen Aspekte das „Wenn-dann–Prinzip“ eingesetzt werden muß, um ein funktionsfähiges, ohne große Anfälligkeiten und Fehlerhinweisen, Programm zu erstellen.

Wenn dieser Zeitaufwand auch für zwischenmenschliche Konflikte angewandt werden würde, dann wäre irgendwann „Zuckerbrot und Peitsche“ für immer Vergangenheit.

Doris Mock-Kamm

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