Höflichkeit – ein Übrigbleibsel der Sitte des Hofes


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Türaufhalten als Zeichen des Respekts gegenüber Frauen?

Höflichkeit, die Sitte des Hofes, wird allenthalben als verlorengegangener Wert in der Gesellschaft angeprangert. Unterschiede im Bereich der Höflichkeitsfloskeln, je nachdem was für das einzelne Individuum als höflich empfunden wird, zeigen sich in den sogenannten sozialen Schichten und in den Fähigkeiten einzelner Mitmenschen, sich auf sein Gegenüber „einzulassen“.

So ist es nicht unbedingt unhöflich, wenn ein Kind, Jugendlicher bei der Begrüßung keinen Augenkontakt herstellen kann und nur flapsig etwas wie eine Begrüßungsformel murmelt. Als Erwachsener allerdings zeigt dieses Verhalten entweder große Unsicherheit, Abneigung gegenüber dem anderen oder im schlimmsten Fall eine zwischenmenschliche Störung.

Bei den Tischmanieren verhält es sich in Bezug auf Kinder und Jugendliche ähnlich, entweder sind sie noch zu klein, um Messer und Gabel zu beherrschen oder ihnen verlangt danach, bewußt „die Sitte“ zu stören, zu ignorieren. Erwachsene haben sich gewisse Verhaltensweisen, je nach Ort des Tafelns, verinnerlicht, um nicht als „Bauer“ abgestempelt zu werden. Inzwischen sind die Tischsitten selbst bei einem Bankett lockerer geworden und schätzungsweise blamiert man sich noch beim Hummer- oder Muschelessen.

Die immer wieder angesprochene Höflichkeit, der Frau die Türe zu öffnen als Zeichen des Respektes gegenüber der Frau, darf angezweifelt werden. Diese Galanterie, so nett diese Geste sich darstellen mag, ist eigentlich nichts weiteres, als der Frau den Hof zu machen. Das Bezahlen der Rechnung, ebenso als Höflichkeit der Frau gegenüber gerne tituliert, kommt noch aus Zeiten, da Frauen entweder über keine eigenen Einkommen oder wie auch heute noch weitverbreitet weniger verdienten als Männer. Natürlich abgesehen von den Frauen, die durch Geburt generell finanziell unabhängig waren.

Höflichkeitsbezeugungen sind zudem nicht unbedingt ein Zeichen von Respekt gegenüber dem anderen, sondern oftmals eine vorgetäuschte Achtung, die in Wirklichkeit nicht einer Ehrlichkeit entspricht. Oft wird übersehen, daß gerade bei Hofe, also den als Vorbild dienenden Verhaltensmustern, ein verworrenes, teilweise von Intrigen nur so wimmelndes Zusammenleben als Grundlage der bürgerlichen Existenz übernommen wurde.

Freundlich seinem Gegenüber zu begegnen, ihm durch eine Geste verstehen zu geben, ihn erkannt oder registriert zu haben, machen die meisten Menschen unbewußt. Sehr oft kann man dadurch den wirklichen Grad der Freundlichkeit besser wahrnehmen wie durch eine antrainierte Floskel. Kinder durchschauen dieses Ritual sehr oft, und wenn auf ihr Nachfragen hin nicht ehrlich geantwortet wird, werden sie diese Floskeln nicht übernehmen, sondern gegen die Sitte handeln.

Je ehrlicher wir den Kindern Höflichkeit, Sitte, Anstand erklären, desto wahrscheinlicher werden sie die Höflichkeit besitzen, danke, bitte zu sagen, jemanden die Tür aufhalten, ihren Sitzplatz Älteren anbieten, beim Essen weder schmatzen noch sich mit ihren Ellbogen auf der Tischkante beim Essen stützen.

Denn Höflichkeit, die Sitte des Hofes, ist vor allen Dingen der Umgang miteinander, innerhalb der Familie.

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Höflichkeit – ein Übrigbleibsel der Sitte des Hofes

  1. Arno von Rosen schreibt:

    So ganz ziehe ich da nicht mit liebe Doris, mir ist zwar grundsätzlich egal, wer bezahlt, aber meiner Frau (oder anderen Menschen) die Tür aufzuhalten, in den Mantel zu helfen, Regenschirm halten usw. sind nie Zeitverschwendung oder unzeitgemäß. Es ist Ausdruck tiefer Verbundenheit und meines Respekts gegenüber meiner Frau und Höflichkeit gegenüber anderen Personen. Ich grüße auch freundlich, wenn mir jemand in der Natur begegnet, und zumeist freuen sich die Menschen und erwidern die Geste, denn sie möchten es schon, haben aber oft Angst vor der Nichterwiderung. Ich bin sehr für die Gleichberechtigung unter allen Menschen, dies schließt aber nicht aus, sich höflich und respektvoll zu verhalten, und es kostet rein gar nichts. Inzwischen werde ich überall gegrüßt, wo ich öfter hinkomme, weil sich jeder freut, höflich und nett behandelt zu werden. Menschen damit einen schönen Tag zu machen, kann nie verkehrt sein 😉

    Gefällt 4 Personen

    • quittenbluete schreibt:

      Hallo Arno, natürlich habe auch ich nichts dagegen und finde es eine nette Geste, wenn mir die Tür aufgehalten, mir in den Mantel, Jacke geholfen wird. Und überhaupt das gesamte drum herum einer Frau gegenüber höflich zu sein. Mir ging es hauptsächlich darum, daß alle diese Gesten nicht unbedingt gleichzusetzen sind mit dem Respekt gegenüber einer Frau. Die Galanterie darf aber ruhig beibehalten werden. Eine ehrliche Höflichkeit, ein kleines Lächeln können Wunder bewirken und in ein trauriges Gesicht Helligkeit zaubern. Es ging um die Höflichkeit, die nicht aus dem Herzen kommt, die verlernt hat, daß kleine Gesten mehr bedeuten können als ein Schwall von wohlklingenden Worten. Das positive Verständnis dem nächsten gegenüber erlernen Kinder am besten, wenn man sie selbst höflich behandelt, dann können sie diese höflichen Sitten auch freudig weitergeben, im Gegensatz zur „höfischen Sitte“.
      Dir noch ein schönes Wochenende

      Doris

      Gefällt 3 Personen

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