Eine Fahrt ins Blaue dem Meer entgegen (Teil 2)


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flickr.com/ (vincent desjardins)/ (CC BY 2.0)

Träume sind Schäume mit jähem Ende

Autobahnfahren hat sowas eintönig wiederkehrendes, zumal Leitplanken, vorrüberhuschende Fahrbahnmarkierungen das Auge in Trance versetzen können, lediglich wachgehalten von großer Aufmerksamkeit, technikbeherrschend einer hohen Geschwindigkeit ausgesetzt. Steven, um auch mal den Namen des Journalisten zu nennen, saß gedankenversunken in seinem Sportwagen, nur sehr wenige nötigten ihn, mal kurz auf die Mittelspur auszuweichen, 260 km/h wollten erst mal überboten sein.

Schön, daß Kraftwerk selbst bei geringerer Geschwindigkeit ihren revolutionären Song in damaligen Zeiten komponierten, dachte Steven gerade, als eine kesse Rothaarige mit ganz vielen Sommersprossen im Gesicht, wie er für einen Moment registrierte, ihn überholte, nachdem kurz zuvor die aufgeblendete Lichthupe unmißverständlich ihn veranlaßte, elegant nach rechts auszuweichen. Freche Göre, schoß ihm mit einem Lächeln auf dem Gesicht durch den Kopf.

Die nächste Ausfahrt war ohnehin nicht fern, schon setzte er den Blinker und fuhr ab, folgte der Beschilderung gen Meer. Der Atlantische Ozean hat eine ganz eigene, unverwechselbare Seele, denn Meer ist längst nicht gleich Meer. Das Mittelmeer hingegen gleicht eher einem größeren See, ganz ähnlich wie der Vergleich zwischen Bodensee und Chiemsee oder Nord- und Ostsee. Hier in der Bretagne, dem wohl westlichsten Zipfel des europäischen Festlandes, spürte man das Aufbäumen bei Flut, die ganze Wucht, die aus der Neuen Welt Amerikas die alte heimsuchte, erst recht bei politischen Hintergedanken, die der Mittvierziger allerdings schnell beiseite schob.

Die Rothaarige ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, wohl ganz typisch für die Midlife-Crisis, so sinierte Steven, als lautes Hupen ihn zurückholte in die rauhe Wirklichkeit. Die Kreuzung war doch komplett frei, für lange Momente war er zu lang gestanden, beschleunigte und las noch rechtzeitig den Wegweiser zum Strand, à la plage 1,5km.

Dieses Blau, die salzige Luft, das Gekreische der Möwen, die heranschäumenden Wellen, die weit ausliefen am Strand, hie und da an zusammengewürfelten Steinfelsen lautstark brachen, aufgeregte Menschenstimmen etwas abseits, zwei bellende Hunde, wobei einer ständig vergeblich ins Wasser biß, der andere aufgeregt scharrend ebenso eine Sandburg bauen wollte wie manch Kinder hier. Steven beobachtete das emsige Treiben an jener malerischen Kulisse, die sich ihm bot, als er plötzlich die Rothaarige in der Sonne liegen sah, auf gelber, riesiger Decke.

Lässig schlenderte der Mitt-Vierzigjährige auf die rothaarige Sommersprossen-Versuchung zu, geballte Männerkraft überraschte andere am Strand, die wohlwollend hinschauten. Im letzten Moment aber endete unverhofft das vermeintliche Rendezvous. Eine hübsche rassig Schwarzhaarige stürmte salzwassernaß zur Liegenden, küßte diese auf den Nacken, die Lippen der beiden jungen Frauen fanden sich in trauter Gewohnheit, für Steven Grund genug, sich in die Fluten des Atlantiks zu stürzen, manch Badegast grinste.

Lotar Martin Kamm

Eine Fahrt ins Blaue dem Meer entgegen (Teil 1)

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