Lauschen – ein ungewollt oder zufälliges Unterfangen


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flickr.com/michael.litwa/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Eng geschnallte Gürtel und Bereicherung per rechter Indoktrination

Es geziemt sich nicht, doch jeder hat es schon getan, entweder absichtlich oder rein zufällig, denn unser Gehör können wir nicht abschalten. Gemeint ist das Lauschen, das Zuhören bei Gesprächen, die uns eigentlich nichts angehen sollten. Nun, wenn man unbeabsichtigt in einem Café, das seine Bestuhlung so aufgestellt hat, daß zwischen den einzelnen Tischen bequem auf den Stühlen zu sitzen, schon mit einem dicken Wintermantel Schwierigkeiten bereiten würde, ist es wohl zwangsläufig nicht zu vermeiden, ein Gespräch am Nebentisch mitzuhören.

„Über was du dir alles Gedanken machst?“

„Ne, das ist mir einfach so eingefallen. Damals als es hieß, den Gürtel enger schnallen, weil Rezension und so, da konnte man das doch gar nicht glauben, der Wirtschaft und den Leuten ging es doch verhältnismäßig gut. Die hatten doch unter anderem durch den Mauerfall unheimliche Gewinne eingeheimst.“

„Das hattest du gerade eben schon gesagt!“

„Also wurden überall Kürzungen vorgenommen, natürlich beim kleinen Mann, Lohnkürzungen, teilweise Weihnachts- und Urlaubsgeld gestrichen, mehr Stunden ohne Ausgleich, weißte noch?“

„Ja, mein damaliger Chef hat sich bei der letzten Weihnachtsfeier, die er für den Betrieb veranstaltete, das war, warte mal, 1998, hingestellt und gesagt, wenn er aus dem Fenster sehe, würde er nur dicke Autos sehen, seine Mitarbeiter in, ich glaube das war in Tschechien, würden zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit kommen. Und er müßte wegen der Erweiterung seines Betriebes Einsparungen vornehmen, damit die Firma konkurrieren könnte auf dem Weltmarkt, und nur damit sei es möglich, in ein paar Jahren wieder Gewinne zu erwirtschaften. Hinterher haben wir erfahren, daß er sich auf einem riesigen Grundstück ein fast herrschaftliches Haus mit Garten, Swimmingpool gebaut hat, seine Tochter hatte bei diesem Weihnachtsfest ein Pferd geschenkt bekommen und die Frau fuhr plötzlich Porsche. Mir brauchst du da nichts erklären.“

„Okay, so nach dem Beispiel deines damaligen Chefs sind dann so ziemlich alle Firmen vorgegangen, war plötzlich selbstverständlich, oder man hat Firmen verkauft, über Tochterfirmen eingekauft, danach den Mitarbeiten neue Verträge untergejubelt, die haben dann ihren langjährigen Mitarbeiterstatus verloren, obwohl der ehemalige Chef immer noch derselbe war. Zumindest bei einigen großen Firmen. Viele Mittelständische Betriebe sind Ende der Neunziger in die Pleitefalle geworfen worden. Und kannst du dich noch an die Immobilienblase erinnern? Reine strategische Vernichtungsmaschine für Menschen, man bot ihnen super Kredite an, in dem Wissen, daß ihre Arbeitsplätze auf Grund des getürkten scheinbaren Kollaps der Wirtschaft nicht sicher waren und sie die Häuser mittels Zwangsversteigerungen wieder in den Besitz der Banken bekommen, günstiger natürlich. Nicht die Bank selber, das war selten der Fall, aber durch andere Kaufinteressenten, so konnte man auch seine eigenen Gewinne unter den Teppich kehren.“

„Waren zu der Zeit nicht auch so viele Menschen auf die Fonds reingefallen?“

„Ja, eine Nachbarin hat ihre beiden Lebensversicherungen vorzeitig gekündigt, sie in einen ihr glaubhaft versicherten Fond gesteckt und alles verloren. Schließlich kann niemand den Banken und Versicherungen nachweisen, wo sie das Geld platziert haben, somit stand der Weg frei, das investierte Geld der Kunden vorläufig zu verbrennen, um es anderweitig zu benützen.“

„Ging damals nicht auch die Selbstmordrate in die Höhe?“

„Nach offiziellen Angaben nicht, aber selbst in den ländlichsten Gegenden haben Menschen sich das Leben genommen, sich sogar mit ihren Häusern in Brand gesteckt. Was ich dir aber sagen wollte, also das, was mir so in den Kopf kam, ohne nachzudenken, ist die Strömung in Europa, die jetzt überall den völkischen, patriotischen Finger hebt, die profitiert von den Geldern, die durch die Wegnahme der sozialen Verantwortung der Betriebe mehr Gewinne scheffelten, und diese Gewinne verteilen sie, ohne selbst Verluste einzufahren, an all jene, die dafür sorgen, daß eine alte verkrustete Gedankenphilosophie wieder gestärkt wird.“

„Wie kommst du denn da drauf?“

„Ganz einfach, Geld, das mal da war, kann nicht verschwinden, du kannst nur den Wert kleinreden. Zweitens, kannst du dir vorstellen, daß ein unter humanitärer, ökonomischer Sicht arbeitender Betrieb Menschen unterstützt, die die Hierarchie- und Lebensform unterstützen, die an die Anfänge der sogenannten Industrialisierung erinnern?“

„Du meinst, die Verarmung, der soziale Abbau, ist von langer Hand geplant? Das hört sich doch wieder nach Verschwörungstheorie an! Und wie passen die Identitären und die jungen Rechten da rein?“

„Ach, das sind meistens junge Menschen, denen es noch nie wirklich an etwas gefehlt hat, die keine Ahnung von Hunger, Leid haben und teilweise abgestumpft an Gefühlen sich an einer verlogenen Ideologie der idyllischen Gemeinschaft angezogen fühlen, ohne dabei zu wissen, mit welcher Kraft ihre Eltern und teilweise Großeltern sich die Freiheit, die sie die gesamte Zeit genießen durften, erstritten haben.“

„Du kommst auf Sachen, das hieße ja, wenn man die Strömung weiter zuläßt, würde man damit…“

„Hallo Schatz, mußtest du lange auf mich warten? Irgendwie ist die ganze Stadt wieder vollgestopft mit Autos, erst im zweiten Parkhaus habe ich Glück gehabt, dafür mußte ich aber dort, du weißt schon, in der Lindenallee, da kostet eine Stunde Parken fünf Euro, außer du läßt dir im neuen Einkaufszentrum abstempeln, daß du dort für mindestens 20 Euro was eingekauft hast. Brauchen wir noch etwas zum Wochenende? Vielleicht können wir noch kurz durchschlendern? War es arg schlimm beim Zahnarzt? Ach ja, Bruno hat angerufen, ich habe ihm gesagt, am Samstag könnte ich vorbei schauen, um ihm beim Bau der Hundehütte zu helfen.“

Das hat man davon, wenn man lauscht, man kann ohne weiteres ertappt werden, durch irgendetwas davon abgehalten werden, also gestört werden, muß damit weiterleben, ohne jemals das Ende des Gespräches zu erfahren. Irgendwie kommt man sich so vor, ein Buch gelesen zu haben, um erst auf der letzten Seite festzustellen, daß fünf Seiten bis zum Schluß fehlen.

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Lauschen – ein ungewollt oder zufälliges Unterfangen

  1. Arno von Rosen schreibt:

    So wie man sein Sehfeld erweitern kann, (peripheres Sehen), so ist es auch möglich, bei Gesprächen gezielt wegzuhören. Mit etwas Training und einer guten Portion „Unneugierde“ (Neologismus) kann man nicht nur stundenlang seinen Gesprächspartner überhören, sondern auch die Intimitäten fremder Menschen. Als erste Übung eignet sich ein Smartphone, denn der normale Mensch ist nicht multitaskingfähig und kann bereits bei Inbetriebnahme des Gerätes keine weitere Handlung mehr ausführen 😀

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  2. quittenbluete schreibt:

    Lieber Arno, das Phänomen der Unneugierde wird mir, vor allen Dingen seit ich das mittlere Alter überschritten habe, zuweilen nicht wirklich absichtlich zur Gewohnheit. Es wirkt ähnlich wie bei einem Kleinkind, das ein Spielzeug, weil schon ausreichend inspiziert und erkannt, dem Gesetz der Schwerkraft aussetzt. Liebe Grüße Doris

    Gefällt 2 Personen

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