Armenien-Resolution: Erdoğans Gewitterwolken ziehen nicht ab


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flickr.com/BrookingsInst/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Von Morddrohungen bis hin zur Geschichtsklitterung

Der Vergleich mit den Wettertiefs, die in den letzten Tagen weite Teile Deutschlands in Atem hielten, mag hinken, aber nach der nahezu einstimmig verabschiedeten Armenien-Resolution des Bundestags am vergangenen Donnerstag ziehen Erdoğans Gewitterwolken nicht ab.

Im Gegenteil, die Töne aus der Türkei werden aggressiver, ihr Präsident heizt die Stimmung weiter an, von Mordaufrufen gegen elf türkische Bundestagsabgeordnete ist die Rede. Welch politische Signale an die Weltöffentlichkeit, dies alles nur, weil ein begangenes Massaker der Türken an der armenischen Bevölkerung vor 101 Jahren bis heute die Führung in Ankara nicht als Völkermord definiert haben will. Wortklauberei ohne Sinn und Verstand, zumal die historische Aufarbeitung schon lange abgeschlosssen keinen anderen Schluß zuläßt.

Genozide – weiterhin Spekulationen bis hin zur Negierung ausgesetzt

Eines der tragischsten, weil mitten im Herzen Europas geschehen: die Leugnung des Holocausts. Besonders rechtspopulistische Kräfte und deren Gedankengut wagen es gerade heutzutage vermehrt, ihn in Frage zu stellen, die Zahlen herunterzurechnen, erheblich zu verharmlosen, bis hin zu wilden Theorien, die den Alliierten, insbesondere den USA angelastet werden, die Öffentlichkeit getäuscht zu haben.

Man sollte viel eher der ausführlich, akribisch untersuchten allgemeinen Stellungnahme zu den bekanntesten Völkermorden folgen. Der nicht seitens des Deutschen Bundestages per Resolution benannte Aufstand der Herero und Nama, der in einen Völkermord durch die deutsche Kolonialmacht (1904-1908) mündete, was der Historiker Jürgen Zimmerer jüngst rügte.

Vor dem Holocaust sei eben der Armenien-Genozid, zugleich der Porajmos (1939-1945), Völkermord an den Sinti und Roma, genannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg die Völkermorde in Burundi, in Ruanda und das Massaker von Srebrenica, ganz abgesehen von den Kongo-Gräueln, den Indianerkriegen, der Stalin-Säuberung, dem Holodomor (Tötung durch Hunger) in der Ukraine (1932 bis 1933) oder dem Massenmord an Kommunisten in Indonesien.

Wer schweigt, gar verharmlost oder droht, hat was zu verbergen

Allen voran eben jetzt die Türkei, an dessen Spitze ihr Präsident, der gern auch mal die USA nachäfft, bereits vor fünf Jahren deutlich seine Abneigung zur Aufarbeitung des Armenien-Völkermords unterstrich, in dem er das 30 Meter hohe „Denkmal der Menschlichkeit“ des türkischen Bildhauers Mehmet Aksoy abreißen ließ, welches der Versöhnung zwischen Türken und Armeniern galt.

Äußerst verwunderlich jene Haltung, zumal weder Erdoğan selbst noch ein anderer türkischer Zeitgenosse direkt für jene damaligen Massaker verantwortlich gemacht werden. Es geht lediglich um die Bekennung, ein Akt der Versöhnung. In sofern wollen dies wohl jene Morddrohenden und ein Herr Erdoğan mitnichten. Bei soviel unangebrachter Gegenwehr kann man schon ein Schuldeingeständnis deuten.

Lotar Martin Kamm

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Eine Antwort zu Armenien-Resolution: Erdoğans Gewitterwolken ziehen nicht ab

  1. Elisabeth G. schreibt:

    ach bitte, da steckt doch mehr dahinter , bei dieser Abstimmung, da die alleinige Schuld der Türken nicht bewiesen ist. Sogar das Europäeische Gericht für Menschenrechte hat den Genozid nicht anerkannt. Warum hat man diese Abstimmung gerade jetzt in Kriegszeiten vornehmen müssen ??

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