Vater und Mutter einer Idealisierung ausgesetzt


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Einkehr scheinheiliger Familienidylle fragwürdig

Die Festtage für Mutter und Vater sind vorbei, und der Alltag ist wieder ungebremst eingekehrt. Die Glorifizierung der Mutter als Gebärende, Umsorgende, des Vaters als Ernährer, Vorbild haben nach Muttertag und Vatertag für die nächsten Wochen und Monate eine Ruhephase.

Oder vielleicht doch nicht, denn in den Köpfen vieler schwirrt unablässig eine Idealisierung von der natürlichsten Sache der Welt, des Mutterseins, Vaterseins. Oftmals bis an die Grenzen des nicht oder nie Erreichbaren und zum Leidwesen von Frau und Mann unterlegt mittels veralteter Symbolik der Begriff von Mutter und Vater.

Kann Frau denn nicht Mutter sein ohne eigene Kinder, Mann, Vater sein ohne eigene Kinder? Selbstverständlich. Denn nichts, rein gar nichts, außer einer verlogenen Konvention über Sitte und Brauchtum, hindert sie daran.

Mutter, abgeleitet vom Stammlaut , im Sanskrit mâtṛ, im Lateinischen mater, gilt als eine der ältesten Verwandtschaftsbezeichnungen und bedeutet ausmessen, austeilen, womit die Mutter als Vorsteherin eines Haushaltes und Verteilerin des Bestandes bezeichnet wurde.

Vater, im Sanskrit, pitar, im Lateinischen pater, von Wortstamm pa abgeleitet, für nähren, schützen, hüten, gilt auch hier als die älteste Form der verwandtschaftlichen Beziehung.

Mit keiner Silbe, im wahrsten Sinne des Wortes, ist hierin die Gebärende oder der Zeugende benannt.

In Eltern, steckt alt, die Älteren, hier wird schon in früherer Zeit von, die geboren, gezeugt und aufgezogen haben, gesprochen.

Auch wird in den Begriffen Mutter, Vater keinerlei Bezug zu den oftmals selbstherrlich benützten Attributen, Liebe, Geborgenheit, Selbstaufgabe erwähnt. Und wenn dem so wäre, warum wird alleinerziehenden Müttern und Vätern nicht in dem Maße geholfen, daß sie sich den ehrenden Gefühlen mehr widmen können, als durch Doppelbelastung, Kind und Arbeit das Leben noch schwerer zu machen? Warum sind Alleinerziehende oftmals nicht in den gesellschaftlichen Ablauf integriert? Eher werden sie hämisch beobachtet, ihre „Leistung“ begutachtet, mit Genugtuung gelästert, wenn Probleme in der Erziehung auftauchen, die auch in anderen Familiengemeinschaften vorkommen?

Vätern spricht man oftmals von vornherein ab, ein Kind alleine großziehen zu können. Tiefverwurzelt scheint auch zu sein, daß Stiefmütter, Stiefväter nie die richtige Mutter, den Vater ersetzen können. Wobei völlig außer acht gelassen wird, wie schwierig eine Annäherung für beide Seiten, Kind wie neuer Partner eines Elternteils sein kann.

Natürlich ist es wundervoll, wenn eine Partnerschaft harmonisch mit ihren Kindern erlebt werden kann, für die Partner und die Kinder. Aber liest man nicht hin und wieder in den Biographien von Berühmtheiten oder weniger Berühmten, wie schwierig ihr Leben als Kind aufgrund der Verhältnisse im Elternhaus war? Dabei spielt die finanzielle Grundlage eine absolute Nebenrolle, es sind die zwischenmenschlichen Wertigkeiten, die Menschen formen. Und es sind die als Vorgaben für eine „gute Ehe“ aufgesetzten Moralvorstellungen. Nicht wenige Menschen zerbrechen daran und übertragen ihr vermeintliches Scheitern auf ihre Kinder.

Frauen auf eine Mütterlichkeit zu reduzieren und Männern „Mütterlichkeit“ abzusprechen, gehören nicht mehr in eine moderne Gesellschaft. Vielmehr sollte auf all jene „Schicksalsgemeinschaften“ hingewiesen werden, die durch all die Jahrhunderte, bedingt durch viele Unwegsamkeiten des Lebens, Kindern ein liebevolles, Vertrauen aufbauendes, Toleranz förderndes Verständnis für Familien, Gemeinschaften und Gesellschaften aufgezeigt haben. Das zurzeit gepriesene Familienidyll kann keine Zukunft haben, außer in verlogenen, hemmungsgeladenen Strukturen, die das einzelne Individuum abwerten.

Frau und Mann können auch ohne Kinder Mutter und Vater sein, und nicht jede Mutter und jeder Vater kann der Norm entsprechend Mutter- oder Vatergefühle aufbringen, das zu erkennen und einzugestehen, sollte die Tendenz für die Zukunft darstellen, anstatt einer Ideologie zu verfallen und wegzusehen, wenn hinter den Wohnungstüren eine kräfteaufreibende scheinheilige Familienidylle wieder einkehrt.

Doris Mock-Kamm

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Eine Antwort zu Vater und Mutter einer Idealisierung ausgesetzt

  1. Sabine Adameit schreibt:

    Prima, dann darf ich ja nun auch endlich mal Muttertag feiern 🙂

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