Seifenkistenrennen ein Tränenmeer der Freude oder Trauer


flickr.com/ Tom Hiller/ (CC BY-NC-ND 2.0)

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Karriere auf der Laufbahn des Lebens

Ist es nicht manchmal erstaunlich zu sehen, wenn kleine Dinge, nicht klein von Größe, sondern Dinge, die an und für sich keine große finanzielle Wertigkeit besitzen, Menschen ob jung oder alt die Tränen in die Augen treibt? Entweder, weil man selber sich damit eine Freude bereitet oder ein Familienmitglied, guter Freund, Bekannter gerade eben siegreich durchs Ziel gefahren ist?

Die Rede ist vom Seifenkistenrennen. Oberursel bei Frankfurt wird als der Geburtsort von Kinderautomobilrennen genannt, weil dort 1904 und 1907 nach dem Vorbild des Gordon-Bennett-Cup und dem Kaiserpreisrennen Väter ihre Söhne mit mehr oder weniger originalgetreuen nachgebauten Sportwagen auf die Piste schickten. Das waren natürlich nicht die Seifenkisten, die wir kennen und die aus Amerika kommend bei uns Einzug gefunden haben. Nichtsdestotrotz gehören diese Rennen mitaufgezählt, da es sich bei diesen Rennen ebenso um selbstgebaute „Eigenmarken“ handelte.

Den Begriff „soap box“ kreierte Myron E. Scott, nachdem er Jugendliche beim Bau von Kinderautomobilen beobachtet hatte. Am 19. März 1933 fand in Dayton das erste größere Seifenkistenrennen statt. Ab 1949 fuhren auch wieder in Deutschland die ersten Seifenkisten über eine Rennstrecke. Und seither ist ihr „Siegeszug“ und die Faszination über die Kisten ununterbrochen. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz stehen die folgenden Rennen für 2016 noch an, die im Seifenkistenrennkalender einzusehen sind.

Sicher ist der Reiz des Sieges nicht der alleinige Umstand, schon beim Anblick einer Seifenkiste mit benetzten Augen das Prunkstück anzusehen. Es sind die Arbeit, die Stunden, das Austesten, das Verwerfen, die Suche nach einem bestimmten Teil, das Hämmern, das Schleifen, das Formen, Bemalen, Lackieren, Kleben, Messen, das Erwachsenen und Kindern Gefühle des Stolzes über das Geschaffte, ein Tränenmeer der Freude entlockt. Wenn dann noch das Gefährt als erstes die Ziellinie erreicht, erleben die Erbauer Weihnachten, Ostern und Geburtstag in einem. Und nicht zu vergessen, die mißlichen Umstände, die im Vorfeld geschehen können, vom Abkupfern der Konstruktion bis zum Behindern während eines Rennens. Die Filmreihe „Ein toller Käfer“ ist nur ein Beispiel dafür, was so alles vor, während eines Rennens passieren kann.

So eine Kiste, umgangssprachlich auch Karre, kann sämtliche Höhen und Tiefen des eigenen Talents bei der Konstruktion, beim handwerklichen Geschick, bei der Fahrkunst bis hin zum Erleben eines Sieges oder einer Niederlage und den Umgang mit diesen dabei erfahrenen Erkenntnissen wiedergeben.

Gar nicht so abwegig ist daher für einen beruflichen Werdegang, der vom Tellerwäscher zum Millionär führen kann, mit Karriere zu umschreiben. Die Karriere, abgeleitet von karre, karro, aus dem Lateinischen carrus, vierrädriger Wagen, carraria, der Fahrweg und vom Französischen carriére, Rennbahn, Laufbahn, steht in vielerlei Bezug eng mit den Wegen in Zusammenhang, die wir Menschen begehen.

Wir sind mit Talenten ausgestattet, die anfangs durch andere erkannt und gefördert, aber in die wir manchmal erzwungenermaßen hineingestoßen werden. Auf dem Weg zur beruflichen Ausbildung wird an uns geformt, geschliffen, kommen wir schon mal vom Weg ab, werden Steine in den Weg gelegt, wird gemobbt, fällt uns der Zufall zu Hilfe, werden wir gefördert, strengen wir uns an, wenn Rückschläge unvermeidbar waren, sind Menschen an der Seite, die uns unterstützen, den Rücken freihalten und haben wir den Beruf oder die Berufung erreicht, dann fängt das Spiel von vorne an. Manche benützen gern ihre Ellbogen, Beziehungen, gönnen sich keine Freizeit mehr, werden gesponsert, obwohl kein wirkliches Talent vorhanden, werden fallengelassen wegen den kleinsten Unstimmigkeiten.

Einige schaffen es bis ganz oben, sagt man so. Aber ob wirklich immer diejenigen den besten Platz bei diesem Lebensrennen erreichten, die auch die Kompetenz, die Erfahrung, den Sieg „verdient“ haben, scheint manchmal zweifelhaft. Beispiele dafür gibt es genügend, sei es im gesamten künstlerischen, wirtschaftlichen, politischen Bereich oder einfach im eigenen Umfeld.

Deshalb ist es umso wichtiger, sich vor Augen zu führen, nicht das Ziel, der Sieg ist der Lebensinhalt, sondern der Weg, ob als permanenter Zuschauer oder als aktiver Fahrer auf der Laufbahn des Lebens.

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Seifenkistenrennen ein Tränenmeer der Freude oder Trauer

  1. Sabine Adameit schreibt:

    Frei nach dem Motto: der Weg ist das Ziel?

    Gefällt 2 Personen

    • quittenbluete schreibt:

      Liebe Sabine, der Weg ist das Ziel, oder Dabeisein ist alles. Beides verdeutlichen unsere Lebenswege. Ansonsten müßte es heißen, nur der Beste erreicht das Ziel. Da die Realität aber dem nicht entspricht, ist es vernünftiger, die Freude des Bauens der Seifenkiste und die Teilnahmemöglichkeit hervorzuheben, anstatt weiterhin die Lehre zu verbreiten, wie man am besten durch List und Tücke andere Teilnehmer am Lebensrennen aus der Fahrbahn werfen kann. Vielleicht wäre dann die Chance größer, daß wirklich nur der „Beste“ als erster das Ziel erreicht. Liebe Grüße Doris

      Gefällt 1 Person

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