ESC 2016: Größte Musikshow zwischen Kommerz und Politik


flickr.com/ webbgun/ (CC BY 2.0)

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Jamala gewinnt den Wettbewerb – Jamie-Lee wird auf den letzten Platz verbannt

In Stockholms Ericsson Globe Halle schauten gestern gute 10.000 Menschen zu, 200 Millionen an den Bildschirmen, wie die Sänger der 26 teilnehmenden Nationen mit oder ohne Begleitung auf großer Bühne mit viel Lichttechnik ihr bestes präsentierten. Die größte Musikshow der Welt zwischen Kommerz und Politik, wobei am Ende Jamala für die Ukraine den Wettbewerb gewann, Jamie-Lee für Deutschland auf den letzten Platz verbannt wurde.

Während stets betont wird, der ESC möge sich nicht politisch beeinflussen lassen, muß man der Fairneß halber feststellen, daß politische Neutralität faktisch nicht existiert. Das Leben ist Politik, daher kann auch ein ESC sich davon keineswegs befreien.

Eurovision Song Contest – ein paar Fakten

Was am 24. Mai vor 60 Jahren im Teatro Kursaal von Lugano in der Schweiz unter dem Namen „Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne“ begann, bei dem sieben europäische Nationen (Belgien, BRD, Frankreich, Italien, Niederlande, Luxemburg und die Schweiz) in diesem musikalischen Wettbewerb mit zwei Musiktiteln antraten, setzte sich daraufhin unter wechselnden Namensbezeichungen und stetig steigenden Teilnehmernationen fort. Ab 1992 im schwedischen Malmö entschieden, verbleibt der Name „Eurovison Song Contest“.

Obwohl die EBU (Europäische Rundfunkunion) im Rahmen der Eurovision den ESC veranstaltet, der ebenso etliche Staaten Nordafrikas angehören, nimmt nur Israel außereuropäisch beim Songcontest teil. Australien wurde sowohl im letzten Jahr als auch diesjährig seitens der EBU zur Teilnahme eingeladen, eine Entscheidung, ob Australien in Zukunft als assoziiertes Mitglied dauerhaft teilnehmen darf, steht wohl noch aus.

61. Songcontest – nur im Zeichen medialer Häme?

Darüber hinaus viel Frust sich entlädt? Dazu später. Zunächst ein paar Eindrücke zum Verlauf der Live-Veranstaltung im weltweit größten sphärischen Gebäude, in der Ericsson Globe in Schwedens Hauptsstadt Stockholm, vor 27 Jahren erbaut, mit einem Durchmesser von 110 Metern und einer Höhe von 85 Metern, in der bis zu 16.000 Zuhörer bei Konzerten Platz finden.

Lichttechnik trifft Videotechnik mit enstprechenden Klangbildern ein Ereignis der Superlative für menschliche Sinne, kaum noch zu toppen, wobei jeder Interpret sein individuell abgestimmtes Bühnenszenarium erhält, ein ganz normaler Vorgang in der Welt der Performances.

Peter Urban, der mal wieder den Songcontest moderierte, leistete sich zwei größere Schnitzer, zum einen kündigte er Nina Kraljić für Kroatien als Nummer 15 an, obwohl sie an 17. Stelle dran war, zum anderen zitierte er den nächsten Song des Russen Sergey Lazarev als „You Are Not The Only One“. Was hat ihn bloß geritten, dort ein „not“ unterzubringen?

Poli Genova für Bulgarien präsentierte sich in tollem Kostüm, Jamie-Lees Song und Ohrwurm überzeugte, die Serbin Sanja Vučič vertrat auch stimmlich Frauenpower, aber Sergey Lazarevs gesangliche Qualität wurde viel eher per Video-Technik kaschiert, zurecht kündigte Urban den Song als „Eurovision Video Contest“ an. Bei der Spanierin Barai kochte der Saal nicht nur wegen des Songs selbst, sondern auch aufgrund ihrer fuß-tänzerischen Darbietung. Auffällige Parallele zu Depeche Mode der Song von Justs für Lettland. „Midnight Gold“ für Georgien musikalische Begleitung per Indie-Rock mit Kaleidoskop-Effekten. Sprachlich sorgte neben den meistens Englisch gesungenen Songs die Österreicherin Zoë für eine Überraschung, sang „Loin d’ici“ entsprechend konsequent Französisch, während der Franzose Amir selbst den Refrain in Englisch trällerte.

Was soll dieser mediale Hype, wie die Süddeutsche zum besten gibt? Dabei eines entscheidend außer acht läßt. Sicher doch, der NDR hat vieles falsch gemacht, weil bekanntlich eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, dennoch versäumt das Blatt erneut die richtige Herleitung. Wurde etwa Jamie-Lee, die letzte Voice of Germany-Siegerin, die mal eben Politik verbannte, Axel Diehl ihr im Vorentscheid unterlag, selbst Opfer politischer Haltungen? Man kann das so interpretieren, Deutschland soll sich nicht unbedingt so wichtig nehmen, schon gleich gar nicht mit solch einer Kanzlerin an der Spitze, dies hat auch europäische Zuschauer beflügelt, da 10 Punkte für sie eine deutliche Sprache sprechen, im direkten künstlerischen Vergleich sich widersprechen.

Und die FAZ? Die läßt sich erwartungsgemäß zu einer pro-politschen Stellungnahme in Richtung US-Führung hinreißen: Ein Sieg auch für die Krim. Soviel Zufall kann es nicht geben, daß eine Jamala ins musikalische Rennen geschickt wird, deren eigene Familiengeschichte durchaus sich so abgespielt haben mag, aber dennoch ein Fauxpas gen Russland bedeutet. Die Zuschauer selbst gaben schließlich Russland die meisten Stimmen (361), was am Ende nur den dritten Platz bedeutete, da die Jury Dami Im für Australien favorisierte, welche schließlich den zweiten Platz erreichte. Alles in allem ein lauter, durchaus politischer Songcontest.

Lotar Martin Kamm

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