Ein Loch ist im Eimer


flickr.com/ 3ds/ (CC BY-NC-ND 2.0)

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Kein Grund zur Sorge, außer wir sitzen Probleme aus

„Ein Loch ist im Eimer, im Eimer, im Eimer ein Loch.“ Vielleicht ist Ihnen der Anfang des Liedes, das von Medium Terzett 1964 in der von ihnen stammenden deutschen Interpretation veröffentlicht wurde, noch bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, daß es sich um ein Volkslied handelt, welches im „Bergliederbüchlein, erschienen um 1700, veröffentlicht wurde.

Noch weniger bekannt ist wohl der Umstand, daß Eimer kein neuzeitliches Wort ist, sondern von „amphore“ abgeleitet mit eimbar (mittelhochdeutsch) in unseren Sprachgebrauch übernommen wurde. Der Eimer, ein einhenkeliges Gefäß aus Holz, Blech, Porzellan und einem beweglichem Griff zum Tragen. Nein, Plastik gab es damals nicht, obwohl allein nur das Wort Eimer bei den meisten Menschen die Assoziation eines farbigen Plastikgefäßes inzwischen als erste gedankliche Vorstellung festgesetzt hat.

Wir haben jetzt also einen Eimer, der aus oben genannten Materialen hergestellt und in ihm ist ein Loch. Schätzungsweise werden wir ihn, wenn sein Material aus Plastik besteht, entsorgen und einen neuen kaufen, da eine Reparatur sich nicht lohnt. Bei den andern Materialen wäre eine Entsorgung zu überdenken, oder? Beim Eimer aus Holz wäre auch eher von Reparatur abzuraten, vorausgesetzt er wäre noch ziemlich neu. Beim Porzellan wäre eine Erneuerung auch nicht so wirklich zu empfehlen. Bleibt also der Eimer aus Blech, Blech kann gelötet werden. Der Kesselflicker war deshalb ein manchmal sehnlichst erwarteter Handwerker, der auf den Höfen und in kleinen Dörfern verweilte, um die aus Metall bestehenden Gegenstände zu reparieren. Vielerorts waren Kesselflicker aber auch ansässig, oder der Schmid verrichtete diese Arbeiten nebenbei.

Durch das Stopfen des Loches können wir also wieder fleißig den Eimer benützen, bis das alte Loch wieder aufbricht oder der Eimer an einer anderen Stelle leckt. Der Kesselflicker hat also eine dauernde Beschäftigung.

Übertragen wir das Ganze einmal auf eine Problemsituation. Der Eimer ist natürlich das Problem, das es zu lösen gilt. Und wir haben ihn über all die Jahre „liebgewonnen“, obwohl er Kosten und Nerven verursacht hat. Aber war er nicht trotzdem immer zuverlässig? Probleme sind ebenso zuverlässige Lebensbegleiter, die uns mitunter regelmäßig aufsuchen, wenn wir nicht im Stande sind, sie neu zu definieren, sie in den Griff zu bekommen. Wobei manche Probleme sich automatisch auflösen können, aufgrund von dem Erfahrungsschatz des Älterwerdens.

Gesehen auf wirtschaftliche, politische Probleme gibt es in dieser Hinsicht natürlich gerne die Lösungsvariante des Aussitzens. Das ist die Situation, um beim Beispiel Eimer zu bleiben, hier ist ein Loch, das Wasser wird aber trotzdem mit diesem Eimer transportiert, solange bis der Kesselflicker vor der Tür steht, dann geht man eben nicht nur einmal zum Brunnen, sondern zweimal. Dadurch gewinnt man den Eimer noch lieber, gewöhnt sich aber ebenso daran, zweimal zu gehen, war doch machbar, und aus seiner Not wurde eine Gewohnheit. Diese Gewohnheit gesellt sich zum ersten Problem, dem Loch.

Wir haben jetzt ein Doppelproblem, das Loch und die Gewohnheit. Und gesellt sich aufgrund von Materialermüdung noch ein Loch dazu, dann läuft man eben dreimal, da sich das zweimal Laufen als Lösung geeignet hatte. Der Eimer wird einem noch lieber, weil er trotz dreimaligem Transport immer noch seinen Dienst leistet. Macht allmählich Spaß, dies niederzuschreiben, denn es löst das Problem, sich etwas Neues einfallen zu lassen, man kann seitenlang ein Loch mehr für den Eimer ausdenken und niederschreiben.

Anders ausgedrückt: „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.“ Das bedeutet, irgendwann ist der Eimer, das Problem, der Krug so zerstört, daß an eine Reparatur überhaupt nicht mehr zu denken ist. Dieses Ausreizen erleben wir in Hinblick auf einige wichtige Probleme unserer Zeit. Noch sind Wege und Türen geöffnet, um eine neue Form des gesellschaftlichen Lebens in allen Bereichen, mit neuen Eimern (Gedanken) auszustatten.

Werden diese „neuen Wege“ nicht beschritten, werden die alten Eimer weiterhin nur repariert und der Bevölkerung angepriesen mit den Begriffen Tradition, Heimat, Familie, Ordnung, Treue. Aber das alte gewohnte Muster bleibt, nur mit strengerer Disziplin, denn dreimal zum Brunnen gehen, reicht dann nicht mehr aus.

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Ein Loch ist im Eimer

  1. Sabine Adameit schreibt:

    Leider müssen immer die falschen zwei-fünfmal zum Brunnen laufen, damit andere trinken können :-/

    Gefällt 2 Personen

  2. gkazakou schreibt:

    das wusste ich nicht: Eimer kommt von Amphore? griechisch, zusammengesetzt aus amphi – beidseitig, zweihenklig – und phorein – tragen. Zu dem Thema „Loch im Eimer“ fiel mir spontan das Lied „wenn der Topf aber nun ein Loch hat“ ein, das eine andere untaugliche Lösungsstrategie illustriert. Zu viele Bedenken im Vorfeld führen zu Handlungsunfähigkeit (Handlungsvermeidung). (Hamlets „von des Gedankens Blässe angekränkelt …“

    Gefällt 1 Person

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