Zäune vermitteln gesteckte Grenzen


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Um die Kirschen in Nachbars Garten zu kosten?

Die Kirschen in Nachbars Garten schmecken am besten. Ob man nun wirklich die Gelegenheit hatte, in Kindertagen über den Zaun zu klettern, um die süßen Früchte zu ergattern oder auch nicht, kaum einer kann sich davon freisprechen, nicht schon einmal neidvoll nach anderem Besitz geschielt zu haben. Das Ergattern verdeutlicht, ähnlich wie das Ersteigen, die Überwindung eines Hindernisses.

Der Einleitungssatz impliziert aber auch, daß im eigenen Garten Kirschen vorhanden sind oder zumindest, daß an einem andern Ort ebenfalls Kirschen vorhanden sein müssen. Er sagt aber nichts darüber aus, ob die Kirschen in Nachbars Garten besser schmecken, weil uns der Hunger hinüber treibt oder eine andere Motivation vorliegt. Dann kann man schon die Frage zulassen, liegt der Reiz an der Umzäunung, die Grenze zu übertreten?

Es ist sicher müßig zu hinterfragen, warum Menschen anfingen, Zäune für ihr Hab und Gut zu setzen. Eine schlichte Erklärung finden wir in der Natur selbst, denn kaum eine Tierart steckt ihr Territorium nicht ab, selbst Pflanzen „verteidigen“ ihren Platz. Wenn wir davon ausgehen, daß Abgrenzung so etwas wie ein Urinstinkt darstellt, kann man vielleicht besser über den Zaun spähen.

„Wir hatten kurz nach dem Einzug in unser neues Haus im Garten ein Teilstück durch einen Zaun abgetrennt, damit der Hund und die Katzen nicht die Gemüsebeete als Toiletten benutzen können. Die Katzen haben zwar trotzdem einen Weg durch den Zaun gefunden, indem sie sich entweder unter dem Draht durchwanden oder ihn einfach mit einem Sprung überwunden. Dennoch haben sie irgendwann akzeptiert, daß die Beete nicht für sie angelegt wurden. Nun, nach einigen Jahren wurde der Zaun abgebaut, da er witterungsbedingt am Zerfallen war.

Die Katzen und der Hund waren beim Abbau anwesend. Es war für sie also keine Überraschung, daß der Zaun fehlte. Wir stellten allerdings fest, daß sie den anderen Teil des Gartens immer noch über das nicht mehr vorhandene Gartentörchen betraten. So konnten wir die Beobachtung machen, daß sie den Zaun weiterhin als real wahrnahmen. Selbst wenn wir auf der sogenannten anderen Seite waren und sie nur zwei Schritte von uns entfernt, nahmen sie den Umweg des alten Weges. Die Katzen schlichen sogar am unsichtbaren Zaun entlang und duckten sich an der alten Stelle, die ihnen früher als Durchgang gedient hatte. Sie weigerten sich trotz Aufforderung der Tatsache, daß hier kein Hindernis mehr vorhanden war.“

Gesetzt den Fall unser Nachbar, dessen Kirschen am besten schmecken, würde seinen Zaun abbauen und der Garten wäre ab jetzt ohne Hindernis begehbar, würden seine Kirschen immer noch am besten schmecken? Vorausgesetzt wir nehmen wahr, daß der Zaun wirklich nicht mehr vorhanden ist. Oder verhalten wir uns wie die Tiere im oben genannten Text, der übrigens der Wahrheit entspricht, und akzeptieren die neue Bewegungsfreiheit nicht und damit der direkte Zugriff auf die Kirschen ohne „Bestrafung“?

Zäune, Grenzen, Gatter, Hecken hindern nicht nur landschaftlich, sondern ebenso im Geiste freie Wege, freie Gedanken zu begehen, egal ob sie von uns selbst oder durch andere aufgestellt wurden. Wenn man zudem davon ausgeht, daß es in der Natur liegt, Grenzen zu überschreiten, nicht nur um etwas zu ergattern, sondern um neue Kenntnisse zu erlangen, dann wird man immer bestrebt sein, diese Grenzen zu mißachten oder aufzulösen..

Je weniger Grenzen uns umgeben, desto freier kann man sich entscheiden, welche Wege man beschreitet, desto freier kann man dem anderen entgegentreten, desto freier kann man Neues entdecken, desto freier kann man den Blickwinkel wechseln, desto uninteressanter werden Nachbars Kirschen, denn die gibt es jetzt ohne Anstrengung.

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Zäune vermitteln gesteckte Grenzen

  1. gartenkuss schreibt:

    Interessanter Gedankengang. LG von gartenkuss 🙋🌱🐝

    Gefällt 1 Person

  2. Sabine Adameit schreibt:

    Hat dies auf Emotions rebloggt und kommentierte:

    Innere und äußere Grenzen…

    Gefällt 3 Personen

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