Urteilsvermögen zwischen Spontanität und Erfahrung


flickr.com/ _Pixelmaniac_/ (CC BY-NC-ND 2.0)

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Vom Geheimnis der Fehlbarkeit

Manchmal geschieht es ganz schnell, wir haben ein Urteil gefällt und hatten nicht mal die Zeit, wirklich darüber nachzudenken. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um eine wichtige Entscheidung handelt oder um belangloses Alltägliches. Wir urteilen spontan. Nicht alle Urteile sind somit wirklich immer konform mit dem neuesten Wissensstand, der uns vorliegt.

Warum ist das so? Ist es Zeitmangel? Ist es Bequemlichkeit? Ist es Schubladendenken? Es ist wohl von allem ein bißchen, aber in erster Linie ein urzeitlicher Schutz. Manchmal ist das Urteil deshalb eher ein Reflex. Ein blitzschnelles Beurteilen einer Situation, eine 50:50-Option. Die Ergebnisse von Beurteilungen, ob sie nun reflexartig oder nach langem Nachdenken gefällt werden, führen öfters zum gleichen Resultat. Das ist übrigens nicht verwunderlich, denn wir bleiben in der Regel uns selber treu, es sei denn, andere Aspekte haben unser Urteil entweder vernebelt oder in ein besseres Sichtfeld gerückt.

Die Urteile, die wir gegenüber anderen Mitmenschen fällen, die uns noch fremd sind, nennt man auch Vorurteile, weil sie im Vorfeld des Kennenlernens ihren Eingang in unsere Empfindungen finden. Ein ebenso wichtiger Aspekt des Überlebens wie das Beurteilen einer bis dato unbekannten Situation. Die Beurteilung, ob sie das vor Ihnen fahrende Fahrzeug überholen, hängt von mehreren Faktoren ab, das Fahrzeug vor Ihnen ist ein langsamer Autofahrer, Sie kennen die Strecke, gleich kommt eine unübersichtliche Kurve, eine Kreuzung, eine Kuppe, die Sichtverhältnisse sind schlecht, die Streckenführung ist gut einsehbar. Diese Urteile haben Sie, wenn Sie kein Fahranfänger mehr sind, in einer Schnelligkeit vollzogen, daß es Ihnen manchmal gar nicht mehr bewußt wird, wie viele Urteile sie im Vorfeld des Überholens bedacht haben.

Die Voranstellung von „Ur“ und „ur“ bei Adjektiven und Substantiven bedeuten je nach Wort, sehr, von Grund auf, durch und durch, am Anfang, als Erstes, und unterstreicht dadurch die Stellung des Zuerst-Prinzips. Was bei dem Wort Vorurteil noch verstärkt wird, denn das „vor“ impliziert ein erstes Abwägen (Teilen) vor dem eigentlichen Anfang.

Nun gibt es Menschen, die ein ausgeprägtes Urteilsvermögen besitzen, sei es durch das als „Bauchgefühl“ genannte Wissen, durch Schulung der vielfältigen Möglichkeiten und deren Reflexionen, durch den „siebten Sinn“. Und die Menschen, die durch welche Umstände auch immer, Urteile lange und breit zerfleddern und trotzdem keine konkrete Entscheidung treffen können. Die Letztgenannten sind oftmals diejenigen, die ständig mit sich selber, mit Situationen, mit allen Dingen in immerwährenden Konflikten leben.

Natürlich würden Sie sich bei einem Problem eher an Menschen mit ausgeprägten Urteilsvermögen wenden, um Hilfestellung zu Ihrer Frage zu ergattern. Logisch! Aber auch wieder nicht! Denn bei diesen Menschen ist ein Teil ihres Urteilsvermögens durch Vorurteile, Urteile, die sie verinnerlicht haben, also vorgefaßte Urteile vorhanden. Wohingegen bei den Unschlüssigen, durch ihre „Inkompetenz“ sich festlegen zu können, Urteile noch nicht „vorgeteilt“ sein können.

Durch das Rechtssystem werden Urteile im Namen des jeweiligen Staates formuliert. Die Gerechtigkeit (Justitia, altrömische Göttin) wird in der Regel mit Augenbinde, Waage und Schwert dargestellt. Durch die Augenbinde soll die Fähigkeit symbolisiert werden, jeden gleich zu behandeln, die Waage steht für das objektive Abwägen aller Faktoren, und das Schwert verdeutlicht den Schutz und die Umsetzung des Rechts.

Allein diese drei Symbole reichen bei weitem nicht aus, um immer ein gerechtes Urteil zu ermöglichen. Selbst die Göttin Justitia ist also fehlbar. Brauchen wir uns da noch zu wundern, wenn wir es auch sind? Ergo fehlbar Sein ist wohl jedem eigen, immer schon und zukünftig. Vielleicht liegt das Geheimnis eben in der Fehlbarkeit beim Beurteilen. Denn fehlt ein Teil oder mehrere Teile schon vor dem „Vor“, dem „Ur-„ und in dem Teil selbst, so ist das Urteil, sowie das Vorurteil immer unvollendet. Und das Unvollendete, das Fehlerhafte gibt uns die Möglichkeit, unser Urteil neu zu überdenken, oder?

Doris Mock-Kamm

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