Fremdeln ein vollkommen natürlicher Selbstschutz


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Chancen sich von Angst und Skepsis zu befreien

Die Situation ist sicher jedem bekannt, auch wenn er, natürlich auch sie, selber keine Kinder haben. Das Kleinkind versteckt sich hinter dem Papa oder klammert sich an Mamas Beine, sucht ihre Hand, drückt das Gesicht hinter den Kopf von Oma oder Opa. Das Kind fremdelt. Eine entwicklungsnotwendige Phase, die bereits ab dem achten Lebensmonat ihren Beginn einläuten kann.

Ein Kind reagiert auf Menschen, indem es plötzlich, selbst bei Menschen, die es kennt, weint, sich verkrampft, wegdreht, denn ab hier beginnt das bewußte Erkennen der Umwelt, hier geht das blinde Vertrauen des Babys in ein gesundes Mißtrauen über. Die Einschätzungsfähigkeit von Gefahren wird trainiert, nicht nur „fremden Menschen“ gegenüber, sondern ebenso der Umwelt.

Nicht von ungefähr ist diese Phase bei jedem Kleinkind eine wichtige Entwicklungsperiode. Der Begriff Infantizid bedeutet in der Zoologie das Töten des Nachwuchses durch die eigene Spezies. Und das nicht nur bezogen auf Säugetiere. Es wird sogar davon ausgegangen, daß Infantizid ein natürliches Verhalten im Tierreich darstellt. Die Kindstötung kommt aber auch beim Menschen vor. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig und durch die gesamte Geschichtsschreibung bis in unsere Zeit belegt.

Ist es da nicht verwunderlich, daß eine gesunde Skepsis für den Lebensweg erforderlich ist, im Hinblick auf alle erdenklichen Gefahren? Das Fremdeln ein genereller Schutz für alle Zeiten? Nicht ganz! Jedes Wesen durchlebt das Fremdeln in seiner ihm eigenen Persönlichkeit, daher gibt es Kinder, die das Fremdeln nur in einer kurzen Zeitspanne durchleben. Kinder, die das Fremdeln bereits überbrückt haben und zu einem späteren Zeitpunkt nochmal durchleben. Kinder, die das Fremdeln über einen sehr langen Zeitraum, eventuell über Jahre durchleben.

Wichtig scheint in diesen Phasen, eine Vertrauensperson an der Seite zu haben, die das Kind weder ermahnt, gib Oma einen Kuß, stell dich nicht so an, du kennst doch Tante soundso, sondern dem Kind anhand von Verständnis und schutzbietender Person, das Vertrauen zu stärken. Auffällig ist allerdings, daß Kinder von aufgeschlossenen, kontaktfreudigen Erziehungsberechtigten die Fremdelphase schneller durchlaufen können.

Es kann also durchaus möglich sein, daß Ängste, die in der „Fremdelphase“ entstanden sind, noch immer das Dasein als Erwachsener prägen. Sicherlich ist Skepsis oder sogar Angst ein Lebensbegleiter, die als eine innere Schutzfunktion uns vor vielen Dingen bewahren können. Trotzdem reichen sie manchmal nicht aus, weil wir auf falsche Freunde hereinfallen, weil wir einen Partner geheiratet haben, der bereits schon verheiratet ist, weil wir unachtsam über die Straße gehen.

Es gibt kein Rezept für einen hundertprozentigen Schutz. Aber es besteht die Möglichkeit, aus Erfahrung, gesundem Mißtrauen, Enttäuschungen und Unfällen vorzubeugen. Aus Angst keine neuen Kontakte pflegen, weil wir oft schon auf falsche Menschen hereingefallen sind, nicht mehr Auto fahren, weil wir in einen Unfall verwickelt waren, keinen Hund mehr in unsere Nähe lassen, weil wir schon mal gebissen wurden, sind sicherlich keine guten Lösungen.

Fremdeln überwinden bedeutet, nicht nur das eigene Vertrauen in die verinnerlichten Erfahrungen stärker auszuprägen, sondern auch sich immer wieder zu befreien von festgefahrenen Ängsten. Jeder Schauspieler, Sänger, Artist geht nach mißglückten Auftritten wieder auf die Bühne, wir ermutigen Kinder nach einem schmerzlichen Sturz vom Fahrrad, es wieder zu versuchen, wir trösten Freunde, die vom Schicksal gebeutelt wurden, damit sie ihre innere Stärke wiederfinden.

Warum also sollten wir nicht uns selber die Stärke verleihen, Fremde mit neugierigen Blicken, Fragen kennenzulernen, vielleicht fremdelt der Fremde genauso wie wir.

Doris Mock-Kamm

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