Spazieren gehen alles andere als veraltet


flickr.com/ Pixelteufel/ (CC BY 2.0)

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Beeinflußt uns hektisches Treiben bis weit hinein in die Sprache?

Ab und zu geht es hinaus an die frische Luft, als Kind zum Toben, als Jugendlicher zum Abhängen mit Freunden und als Erwachsener um spazierenzugehen. Laut Duden, man staune, wird „spazieren gehen“ als veraltet angegeben. Nein, keine Sorge, das veraltet bezieht sich nicht auf das Alter der Menschen, die spazierengehen. Die Formulierung sei veraltet, meint der Duden. Gemächlich gehen, schlendern, werden als Alternative vorgeschlagen. Vielleicht auch deshalb, weil spazierengehen in der Liste der schwierigen Wörter verzeichnet ist. Aber über deren Sinn und Unsinn soll hier nicht geschrieben werden, sondern übers Spazieren.

Unabhängig von den Erlebnissen und Sehenswürdigkeiten, die uns während eines Spazierganges beeindrucken können, ist die Gangart ein besonderes Kennzeichen für dieses Tun. Setzen Sie sich in ein Café, eine Kneipe, Restaurant mit Blick aus dem Fenster und beobachten Sie die Menschen auf dem Bürgersteig oder auf einem großen Platz. Sie werden anhand der Unterschiede in der Fortbewegung erkennen, wer da schlendert, bummelt, eilt, geht, flaniert, rennt, gemächlich geht, stolziert. Auch wenn Sie auf einer Parkbank sitzen, fällt Ihnen sicher auf, wer wirklich spazierengeht und wer nicht. Woran erkennen Sie es?

Die Körperbewegung ist eine andere, bummeln und schlendern kann man eher nicht so schnell voneinander unterscheiden, bei längerem Betrachten aber schon. Der Bummler schlendert zwar ebenso, doch will er in erster Linie die Zeit totschlagen, wer schlendert, hat kein Gefühl dafür, er ignoriert und genießt die freie Zeit. Der Unterschied zwischen flanieren und gemächlich gehen ist schon zu erkennen, denn der Flaneur will gesehen werden, stolziert eher, als der mit dem gemächlichen Gang. Der Spaziergänger ist derjenige, der alles gleichzeitig beziehungsweise hintereinander, je nach Stimmung und Situation vereint, er spaziert. Er betrachtet die Umwelt, ist in sich versunken, in einem anregenden Gespräch, beobachtet andere Menschen, hat viel Zeit und will dennoch nicht ewig an diesem Ort sein.

Spazieren ist dem lateinischen Wort „spatium“ entlehnt. Zwischenraum, Leerschritt, Abstand. Spatium, zwischen Wörtern, nach Satzzeichen eingefügter Zwischenraum. Einige Begriffe im Druckwesen werden noch heute verwendet, die auf „spatium“ zurückzuführen sind. Spatiös, geräumig, weit, licht. Spatienkeil, zu Erzeugung eines Zwischenraums (Leerzeichen) dienendes Element. Spatienbreite, erklärt sich wohl von selbst.

Ein Spaziergänger ist zwischen den Räumen, in der Natur ebenso wie in der Zeit. Er verweilt in den Dimensionen: Länge, Masse, Zeit (physikalisch). Die Dimension Masse gehört unbedingt zum Spazierenden, denn er zeigt in der Körpersprache, durch die Gemächlichkeit eine gewisse Trägheit. Andererseits zeigt der Spazierende aber auch eine gewisse Leichtigkeit, je nachdem, in welchem Zwischenraum er sich gerade befindet.

Kinder können noch nicht spazierengehen, obwohl die Erwachsenen sie bisweilen dazu auffordern, denn sie haben den Faktor Zeit  nicht verinnerlicht. Jugendliche sträuben sich, spazierenzugehen, sie könnten, tun es bisweilen, aber es widerstrebt ihnen, denn die Zeit ist ihnen zu kostbar für so einen Quatsch. Erwachsene hingegen genießen Spaziergänge, weil sie sich fallen lassen können in ihre eigenen Dimensionen.

Selbst wenn der Duden „spazierengehen“ als veraltet ansieht, spazieren Sie ruhig mal wieder und leeren Ihre gefüllten Zwischenräume oder füllen Sie neu auf, je nachdem, in welcher Verfassung Sie sich befinden.

Doris Mock-Kamm

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3 Antworten zu Spazieren gehen alles andere als veraltet

  1. Sylvia Kling schreibt:

    Ein hervorragender und interessanter Beitrag – danke! Ich musste an PEGIDA denken, die ja auch behaupten, spazierenzugehen ….
    Nein, ich höre auf damit. Es war mir wirklich neu, dass es der Duden als veraltet ansieht – danke.
    Ich gehe dennoch gern spazieren, ob es dem modernen Duden nun gefällt oder nicht.

    Herzliche Grüße

    Sylvia

    Gefällt 4 Personen

    • quittenbluete schreibt:

      Laut Duden ist „spazieren gehen“ veraltet, „spazieren“ aber nicht. Aber das erinnert mich daran, daß einige Schulkameradinnen meine Eltern nicht immer verstanden haben, weil sie viele Begriffe entweder mit Dialekt oder eben eine nicht mehr zeitgemäße Form dafür benutzt haben. Ich spielte Übersetzer und wer weiß, ob ich irgendwann von den Freunden meiner Enkelkinder noch verstanden werde!

      Gefällt 2 Personen

  2. schlingsite schreibt:

    Spazieren lat. (sich ergehen) laut Duden 1973

    Gefällt mir

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