Mit dem linken Fuß aufstehen


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Täglich auf Brast sein eine typisch deutsche Tugend?

Wenn sie heute mit ihrem linken Fuß aufgestanden sind, so können Sie sich einreihen zu der vermeintlichen Gruppe, die diesen Tag günstigstenfalls ohne große Blessuren übersteht, oder Sie gehören zu der Gruppe, bei der an solchen Tagen die Post abgeht, sei es durch Unfälle oder weil Ihnen der Kragen platzt und Sie Ihrem Unmut freien Lauf lassen, ohne irgendwelche Bedenken.

Dies sind die Tage: Störe meine Kreise nicht! Daher ist es ratsam, bei Ihren Mitmenschen vorzeitig lieber einen Rückzieher zu machen, wenn Sie bemerken, daß hier jemand auf Brast aus ist, als sich Ihnen in den Weg zu stellen, gar noch mit guten Ratschlägen, denn an diesen Tagen ist es vollkommen unerheblich, welcher Stein des Anstoßes vorliegt, mit linkem Fuß aufgestanden, bleibt mit linkem Fuß aufgestanden. Oder auf dem falschen Fuß erwischt.

Um es vorweg zu nehmen, bevor Sie jetzt links oder rechts politisch orientiert und sich schon die Hände reiben, hab ich doch schon immer gewußt, es ist vollkommen unwichtig, ob jemand mit dem linken, rechten oder mit beiden Füßen morgens aus dem Bett steigt, ob weiblich, männlich, auch spielt die Nationalität keine Rolle, wenn jemand muffelig drauf ist oder zu kleineren und größeren Unfällen während eines Tages, über eine unbestimmte Periode neigt. Es ist reiner Aberglaube. Eine einleuchtende Erklärung, woher dieser Begriff stammt, gibt es nicht, Vermutungen allemal.

Daß man aber manchmal dazu neigt, diesen Menschen, die durch dieses Mißgeschick nicht gut gelaunt sind, eher zu verzeihen, weil wir eine Erklärung gefunden haben, die ihn sozusagen „frei“ spricht, es passiert ja nicht mit voller bewußter Absicht, morgens die Beine zu verwechseln, hat mit „aber Glaube“ zu tun.

Nun, da die Kolumnistin Ihnen in ausführlichen Sätzen erläutert hat, wie Ihre Stimmung heute aussieht, steht dem folgenden Abschnitt nichts mehr im Wege:

„Deutsche Werte, deutscher Stolz, deutsche Arbeit, deutsch, deutsch, deutsch, dabei können einige, die auf diesen völkischen Zug aufspringen oder längst mitfahren, teilweise nicht mal die deutsche Sprache in Schrift und Form ausüben. Hauptsache deutsch, was immer das sein mag. Hauptsache anprangern, ohne selbst Lösungswege im Miteinander zu vermitteln.

Draufschlagen, wird schon seine Wirkung zeigen. Kein noch so kleines belangloses Thema wird ausgespart, um Menschen gegen, aneinander aufzuhetzen und alles immer wieder untermalt mit deutscher, ach so, vorbildlicher Lebensleistung. Sie sei dahin. Sie war nie da, wäre wohl die bessere Formulierung. Die geschönte Welt von Friede, Freude, Eierkuchen ist eine Illusion, egal übrigens in welchem Land. Mißstände, Probleme, Reibereien gab es und wird es in allen Zeiten geben, da hilft kein Schreien nach vorgestern.

Ihr, die Ihr jetzt so gerne nach den deutschen Werten ruft, wo übt Ihr diese Werte aus? Indem Ihr Zucht und Ordnung, Disziplin hofiert und damit die Freiheit des Individuums einschränkt, das Euch dafür noch Respekt zollen soll? Woher nehmt Ihr die Frechheit, zu bestimmen, was deutsch ist und was nicht? Wie deutsch auszusehen hat und wie nicht? Woher die Unverschämtheit, Menschen zu verurteilen mit dem Titel „Gutmensch“, weil sie im Gegensatz zu Euch Respekt vor dem Leben anderer, auch anders Denkender haben? Sie absaufen zu lassen, ist das deutsch? Ist es deutsch, Menschen wieder in Ehen gefangen zu halten, wenn die Liebe und das gemeinsame Glück nicht mehr vorhanden ist, ist es deutsch, bewaffnet durch die Straßen zu laufen, ist es deutsch, explizit nur „deutsches Gedankengut“ (was soll das sein?) in den Schulen zu lehren, vielleicht durch Aufsätze: Wie werde ich Nationalist?

Mit Eurem Lug und Trug durchsetzten Informationen, die unablässig durchs Netz flattern, zeigt Ihr nur Eure eigene Unfähigkeit, an bestehenden Problemen mitzuwirken. Ihr habt weder die Kompetenz noch geeignete Vorschläge, wirklich Lösungen zur Stabilität der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bereiche beizutragen. Ihr seid nicht Deutschland.“

Wie Sie lesen konnten, war dies heute nicht der Tag, der ansonsten von der Kolumnistin gelebt wird. Aber es ist die hundertste Kolumne, und falls Sie jetzt die Schnauze voll haben, so einen Mist weiterhin zu lesen, so laden Sie sämtliche Freunde und Bekannte ein, damit sie diese Kolumne liken. Denn sollte diese Kolumne 1.000 Likes bekommen, wird sich die Kolumnistin vielleicht nicht mehr an eine Tastatur trauen, vor lauter Erstaunen über so viel Blödheit dieser Aufforderung nachzukommen, denn das heißt, täglich mit dem falschen Fuß aufstehen.

Doris Mock-Kamm

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2 Antworten zu Mit dem linken Fuß aufstehen

  1. kat+susann schreibt:

    Schon lang nicht mehr gehört :Brast. Ich dachte als Kind, es hiesse Brass, voll den Brass haben. Egal.Gelesen hab ich dieses Wort noch nie. Hab ich dich wieder gefunden, alter Freund! Kat.

    Gefällt 1 Person

    • quittenbluete schreibt:

      Hallo Kat,
      Brast kommt von bresten, gebrechen, mangeln. Die Gebrüder Grimm haben „gottlob“ viele Wörter gerettet. Hier noch ein Beispiel: (brast, m. aerumna, cura, schwerer kummer und sorge, scheint bald aus dem begrif des mangels und entbehrens, bald aus dem des krachens und seufzens, bald der last und menge hervorgegangen. Maaler und Henisch haben diese bedeutung nicht, zuerst hat sie Stieler 237. durch schwermut und brast gestorben. Kirchhof wendunm. 300b; inmittelst wollten ew. gn. deroselben väterliches gemüt meinetwegen gnädig zufrieden stellen und ihro keinen brast zu ziehen)
      Im Duden ist Brast bedauerlicherweise nicht aufgeführt! Schade, denn den Ausdruck, auf Brast sein, verdeutlicht viel besser eine ohnmächtige oder blinde Wut. Freue mich sehr, daß du einen alten Freund wiedergefunden hast!
      Liebe Grüße Doris

      Gefällt 1 Person

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