Böhmermann-Affäre: Erdoğans Satire-Phobie gerät außer Kontrolle


flickr.com/ Image Editor/ (CC BY 2.0)

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Ein „türkischer Pascha“ braucht viel zerbrochenes Porzellan

Was geschieht hier vor aller Augen? Die Unterwanderung völlig selbstverständlicher Grundrechte wie die Meinungsfreiheit und erst recht die Presse- und künstlerische Freiheit, in dem ein Herr Erdoğan Einfluß in die bundesdeutsche Politik und Justiz nehmen darf, weil die politischen Seilschaften zum NATO-Partner so weit reichen, bücklingshaft einzuknicken?

Ein „türkischer Pascha“ braucht wohl viel zerbrochenes Porzellan, um eindrucksvoll seine Macht zu demonstrieren, stellt nunmehr Strafantrag gegen Jan Böhmermann wegen angeblicher Beleidigung. Seit wann kann Satire denn beleidigen? Sie mahnt an, übrtreibt bewußt maßlos, das muß sie, weil jene künstlerische Freiheit dies verlangt.

Die Kette politischen Einflußes zu künstlerisch verarbeiteter Kritik reißt nie ab

Kommt uns das nicht bekannt vor? Denken wir an Kurt Tucholsky, den Meister der Satire, der in der Nazi-Ära für Unmut und Wut sorgte, ins schwedische Exil flüchtete, ziemlich genau wußte, was da geschah, am Ende dort weit vor dem Zweiten Weltkrieg viel zu jung verstarb.

Oder an Dario Fos „Mistero Buffo“, welches im Nationaltheater Mannheim erstmalig in der BRD uraufgeführt wurde, der baden-württembergischen CDU ein Dorn im Auge war, so daß es beinahe zur Absetzung des Stückes kam, schließlich prangerte die Inszenierung heftigst die Katholische Kirche an. Auch Heinrich Böll bekam dies zu spüren genauso wie sämtliche scharfe Satiren, die sich in Büchern oder im Fernsehen dennoch hierzulande tummeln durften.

Solidarität mit Jan Böhmermann ein Muß

Das Verhalten des ZDF kann nur als äußerst bezeichnend gewertet werden. Erst verschwand die Schmähkritik gegen Erdoğan in der ZDF-Sendung „Neo Magazin Royale“ aus der Mediathek, in der Jan Böhmermann kein Tabu ausließ, um den „türkischen Pascha“ bloßzustellen, nachdem zuvor die Bundesregierung um Schadensbegrenzung ringend ein Herumgeeiere vollführte, was seinesgleichen sucht.

Anstatt selbst zu den Errungenschaften einer freien Demokratie zu stehen, in der die Presse- und Meinungsfreiheit selbstverständlich stattfinden darf, äußerte sich die Kanzlerin in bekannter Bücklingsmanier, Böhmermanns Gedicht sei „bewußt verletzend“. Kein Wunder, daß daraufhin das ZDF die Sendung wieder in der Mediathelk aufnahm, und zwar ohne den Böhmermann-Beitrag. Wird hier etwa mit zweierlei Maß gemessen, wenn Frau Merkel in der ersten Reihe bei der Trauerfeier zum Charlie-Hebdo-Attentat mitmarschiert, bekanntlich das französische Sarire-Magazin extrem bewußt verletzende Texte und Zeichnungen abdruckt, in der BRD aber das Böhmermann-Gedicht angeprangert wird?

Ganz offensichtlich. In sofern eine Solidarität mit Jan Böhmermann ein Muß, zumal die künstlerische Freiheit auf dem Spiel steht. Dieter Hallervorden reagierte vollkommen folgerichtig mit seinem Lied „Erdogan, zeig mich an!“.

Heute schließe ich mit eigenem Zitat:

„Menschliche Kreativität muß sich schier grenzenlos entfalten dürfen, solange sie dabei niemand schadet. Comics und Satiren mögen für gewisse Machthaber ein Dorn im Auge sein, was sie aber nicht berechtigt, sie verbieten zu wollen. Geschieht dies dennoch, geht jedwede demokratische Mündigkeit verloren, siegt der Tyrannen-Weg.“

Lotar Martin Kamm

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4 Antworten zu Böhmermann-Affäre: Erdoğans Satire-Phobie gerät außer Kontrolle

  1. Arno von Rosen schreibt:

    Es scheint so, als ob der Humor zuerst bei solchen Verrückten stirbt. Sich dermaßen über eine kleine, von mir aus auch geschmacklose Satire aufzuplustern, zeugt davon, dass es offensichtlich keine Berater mehr an seiner Seite gibt, die ihm den tatsächlichen Gesichtsverlust ersparen könnten.

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  2. Sven Korte, Attendorn schreibt:

    Ach, die Merkel spekuliert nur darauf, dass sich das Problem mit Böhmermann von selbst löst. Ein türkischer Patriot wird ihn demnächst zu Hause aufsuchen, und ihm klarmachen, was Satire in Deutschland darf oder eben nicht. Und falls das doch nicht geschehen sollte, kann die Merkel ihn ja immer noch an die Türkei ausliefern…

    Gefällt 1 Person

    • Arno von Rosen schreibt:

      Kein Begriff wird so stark von Faschisten missbraucht wie Patriotismus, aber vielleicht könnten wir in diesem Zuge Erdogan an den Gerichtshof der Menschenrechte ausliefern. Es gäbe ja eine Menge zu verhandeln, da mache ich mir über ein paar trübe Sprüche von Böhmermann wirklich überhaupt keine Sorgen.

      Gefällt 2 Personen

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