Die gute alte Stube


flickr.com/ pilot_micha/ (CC BY-BC 2.0)

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Nostalgie oder noch vorhandenes Aushängeschild?

Wer kennt sie noch: die gute Stube? Das für viele Kinder ehrfürchtig zu betretende Zimmer der Wohnung. Stube, eigentlich beheizbarer Baderaum, laut Duden, Herkunft ungeklärt, der Ort in der Wohnung, der bei vielen Familien nur zu Essenszeiten und sonn- und feiertags betreten werden durfte. Und natürlich, der Raum, der, außer der Küche, beheizbar war.

Was heute unser Wohnzimmer genannt wird, war vor gar nicht so langer Zeit ein Ort in der Wohnung, der aufs peinlichste gesäubert und nur für die Eltern und Gäste meistens zugänglich, bis auf oben erwähnte Ausnahmen. Und natürlich nur in den Familien, in denen so eine Stube vorhanden war, denn so selbstverständlich gab es die Stube nicht. Vielmehr gab es für die meisten Menschen gerade mal einen Kochraum und ein oder zwei Zimmer zum Schlafen. Innentoilette und Bad ein Traum. In Mietshäusern war die Toilette ein Stockwerk tiefer oder höher, je nachdem. Eine Waschmöglichkeit befand sich nur in der Küche.

Stubenhocker! Wurden Sie auch schon mal so beschimpft? Der Ausdruck galt all jenen, die gerne ihre Zeit in der Wohnung verbrachten oder aufgrund einer Krankheit nicht so oft nach draußen gingen. Es gibt sogar eine Gesichtsfarbbenennung, die Stubenfarbe bezeichnet, eine sehr blaße Gesichtsfarbe, wie bei jemandem, der selten an die Luft kommt, sagt man.

Oder sind Sie einer jener Stubenarrestler gewesen? Jene Kinder, die als Strafe nicht nach draußen zum Spielen durften, weil sie über die Stränge geschlagen hatten. Schätzungsweise saßen die Kinder die Strafe auf keinen Fall in der Stube ab, sondern eher in der Besenkammer oder wenn ein anderes Zimmer zur Verfügung stand, dann mußten sie dort über ihr Fehlverhalten nachdenken. Denn die Stube war „heilig“. Sie war das Aushängeschild eines guten Hausstandes und der Hausfrau.

Vielleicht kennen Sie den Ausdruck Stubengelehrter noch, oder Sie selber benutzen ihn, um anderen damit zu sagen, daß er sein Wissen ja nur aus Büchern kenne und keine Lebenserfahrung besitze. Heute vielleicht vergleichbar mit den vielen Internetnutzern, die sämtliche geschriebenen Texte, die so durchs Internet brausen, als bare Münze nehmen, ohne zu hinterfragen oder nachzuforschen. Internetgelehrte in heutiger Sprache.

Mag sein, daß die gute Stube deshalb verschwunden ist, weil sie immer mehr zum Versammlungspunkt fürs fern Sehen geworden ist. Denn in den Wirtschaftsjahren der 60iger des letzten Jahrhunderts nahmen immer mehr die Kästen, teilweise versteckt im Fernsehschrank, den Einzug in die Wohnungen, und mit Beginn von Kinderprogrammen war auch der Nachwuchs nicht mehr so schnell, jedenfalls ohne Streitereien aus der Stube zu vertreiben. Man ging mit der Zeit und die bestimmte fortan einen Teil des Tagesablaufs. Wenn nämlich Bonanza, Daktari, 77 Sunset Strip, Verliebt in eine Hexe, Lassie, um nur einige zu nennen, über den Schirm flimmerten, saßen selbst die quirligsten Kinder still vor dem Fernseher.

Natürlich ist uns doch ein bißchen die gute Stube geblieben, denn auch heute noch führen wir unsere Gäste selbstverständlich ins Wohnzimmer oder in die Wohnküche. Dort sind all jene Gegenstände besonders platziert, deren stolzer Besitzer wir sind. Wir können den Besuch doch nicht ins Schlafzimmer führen, um unsere neueste Errungenschaft, den super großen Flatscreen TV zu zeigen.

Ein Hinweis auf die stets reine und ordentliche Stube finden wir heute vor allem in der Aussage: Der Hund, die Katze ist stubenrein. Womit verdeutlicht wird, daß der Stubentiger seine Notdurft entweder im Katzenklo tätigt oder aber der Hund sich rechtzeitig meldet, wenn es Zeit ist, Gassi zu gehen.

Selbst für uns Menschen ist ein Stück der alten Zeit noch übrig geblieben, denn wird Ihnen attestiert, Sie hätten eine gute Kinderstube gehabt, so ist dies ein Kompliment für Ihr vorzügliches gutes Benehmen und Verhalten.

Und wenn Ihnen die Stubenfliege wieder mal zu arg auf die Nerven geht, schnappen Sie Ihre Stubenhocker, damit diese Ihre Stubenfarbe verlieren, Sie Ihre Stubengelehrsamkeit erweitern können und genießen die Welt außerhalb der guten Stube.

Doris Mock-Kamm

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4 Antworten zu Die gute alte Stube

  1. schlingsite schreibt:

    Wo ist denn der Mann?

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    • quittenbluete schreibt:

      Liebe(r) Schlingsite, falls du Mann in dieser Kolumne vermißt, so war er wahrscheinlich bei meinem Besuch in der guten Stube in der Besenkammer eingesperrt. Es ist leider Tatsache, daß die gute Stube ein Zeichen der Reinlichkeit, Ordnungsliebe einer Frau zugesprochen wurde. Der Mann, jedenfalls (damals) war der Nutznießer dieser Stube, er ist in Bezug auf die Stube eher bei den Stubengelehrten zu finden, das wiederum hat man den Frauen abgesprochen. Sicher ein interessantes Thema, die Stellung des Mannes in der Erwartungshaltung der Gesellschaft Mitte des 20. Jahrhunderts. Ich lade dich ein, eine Kolumne darüber zu schreiben, gleichzeitig mit mir, über dieses Thema. Wäre sicher spannend, oder?

      Gefällt 1 Person

      • schlingsite schreibt:

        Liebe Doris, auch heute noch gestalten Frauen gerne das Nest. Der Artikel über die Stube beschreibt diesen Begriff anschaulich und unterhaltsam. In Berlin gibt es ein Hotel in der ehemaligen dänischen Botschaft namens Das Stu, was auf eine mögliche Herkunft des Wortes hindeutet. Über gesellschaftliche Konventionen lassen sich schöne Streitgespräche führen. Wie wäre es, über den Gebrauch des Wortes : man zu diskutieren? Oder:´wie soll der heutige Mann sein? Viele Grüße. Peter

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  2. quittenbluete schreibt:

    Hallo Peter, das Wort „man“ alleine gibt, denke ich, nicht genügend Ansatzpunkte, aber in „Wie soll der heutige Mann sein?“ sehe ich genügend Schreibstoff! So let´s do! Den weiteren Ablauf über die Veröffentlichungen können wir über die im Impressum angegebene E-Mail-Adresse bereden. Sonnige Wochenendtage Doris

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