Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 6)


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Ein Drama mit offenem Ende

Kurzer Umbau zur zehnten Szene. Im Herzen Berlins, am Kottbusser Tor, lauter Verkehrslärm. Emsiges Treiben auf der Straße, ein Obdachloser sitzt auf dem Bürgersteig, neben ihm ein Plastikbecher, gefüllt mit etwas Kleingeld.

Passant beugt sich zum Obdachlosen: Sagen Sie mal, ich sehe Sie jeden Tag hier betteln, wieso so heruntergekommen? Pech gehabt oder keine Lust mehr aufs Leben?

Obdachloser: Wat soll’n det für Fragen sein? Haste noch alle Lattem am Zaun, nüscht besseres zu tun, als mir anzupöbeln? Dabei rappelt sich der Mittfünfziger langsam schwankend auf.

Passant: Wieso, ich habe doch höflich gefragt. Sie müssen mir nicht antworten. Weiter kommt er nicht, weil der Obdachlose ihn heftig schubst, so daß der Passant mit einer vorbeigehenden jungen Frau zusammenprallt.

Jugendliche empört: He, kannste nich aufpassen! Achso, der Penner hat dir wohl wechjestoßen?

Obdachloser brüllt: Paß mal uff, daß ick dir nüscht eene latsche, du Göre!

Eine Streife wird aufmerksam, hält an, zwei Polizisten steigen aus. Einer der Beamten dreht dem Obdachlosen gezielt den rechten Arm hinter den Rücken, schnappt den linken, Handschellen klicken.

Polizist: Guter Mann, wir haben Sie schon eine Weile beobachtet. Sie kommen mal mit auf die Wache, wir nehmen Ihre Personalien auf, verstanden? Zum Passanten gewandt: Wollen Sie Anzeige erstatten?

Passant: Lassen Sie mal, ist ja nicht viel passiert.

Jugendliche: Naja, immerhin haste mir fast umjestoßen.

Obdachloser: Und wenn ick mir weigere?

Polizist: Wir können Sie auch notfalls mit Gewalt in die Streife verfrachten, Ihre Entscheidung. Der Obdachlose winkt ab und folgt den beiden Polizisten mit deutlich hängenden Schultern.

Passant zur Jugendlichen gewandt: Sorry, konnte dich nicht sehen, ging alles viel zu schnell.

Jugendliche: Schon jut. Ick muß mal weiter, vielleicht sieht man sich mal wieda, dann können wir ja mal eenen zwitschern.

Passant: Einen zwitschern? Was bedeutet das?

Jugendliche: Du bist keen jebürtiger Bärlina, wa? Na, eenen Schnaps hinter die Binde jießen! Lachend geht sie zügig weiter.

Passant ruft ihr entrüstet hinterher: Na, aber, in deinem Alter?!

Verstohlen dreht er sich um, ob niemand hinschaut und greift nach dem Plastikbecher mit dem Geld. Eine ältere Dame beobachtet das.

Ältere Dame: Werter Herr, das unterlassen Sie mal schön. Oder wollen Sie, daß die Polizei nochmal anrückt und Sie als Dieb abführt? Überhaupt, was fällt Ihnen ein, das Geld von dem armen Obdachlosen zu nehmen?! Der Passant will den Becher schnell zurückstellen, mit Schamesröte im Gesicht.

Ältere Dame: Lassen Sie mal, können Sie mir geben, ich weiß, wo ich den Mann finde. Der Passant reicht ihn ihr, nickt kurz und entfernt sich schnell.

Vorhang. Umbau zur elften Szene.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 1)

Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 2)

Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 3)

Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 4)

Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 5)

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