Eine Hinfallgeschichte – Jakob Brückmann


flickr.com/ Oh-Berlin.com/ (CC BY 2.0)

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Jakob Brückmann war ein fleißiger und gewissenhafter Beamter, der viel Wert darauf legte, seine ihm übertragenen Arbeiten aufs Beste zu erledigen. Seit seiner Lehrzeit im Bauamt hat er noch keinen Tag gefehlt und selbst in seinem Urlaub ließ er trotz Ermahnungen seines Vorgesetzten es sich nicht nehmen, einmal täglich kurz durch seine Abteilung zu gehen, um nach dem Rechten zu sehen. Konnte man doch nie wissen, ob wirklich alles zu seiner Zufriedenheit bearbeitet wurde. Seine einzigen Makel waren seine über alles geliebte Gründlichkeit und Ordnung.

Als er wieder an einem Urlaubstag in seinem Büro erschien, wurde er, bevor er noch die Gelegenheit hatte, sich an seinem Schreibtisch zu setzen und seine Mitarbeiter der Reihe nach auffordern konnte, über die verschiedenen Baumaßnahmen zu berichten, von seinem Vorgesetzten gerufen: „Herr Brückmann, kommen Sie bitte in mein Büro!“

Etwas verärgert darüber, daß ihm durch seinen Vorgesetzten sein Tagesablauf durcheinandergeriet und in der Gewißheit zu erahnen, warum er in das Büro gerufen wurde, hatte er doch wieder einmal gegen den ausdrücklichen Willen, nein, sogar gegen den Befehl seines Vorgesetzten gehandelt, indem er an seinem Arbeitsplatz erschien, obwohl er seine Urlaubstage zu seiner Erholung nützen sollte.

„Herr Brückmann, Sie wissen doch“, schnaufte sein Vorgesetzter und lehnte sich dabei fast über seinen gesamten Schreibtisch.

„Ich weiß, aber die Arbeiten müssen doch ordentlich und zur Zufriedenheit vollführt werden, und wenn ich nicht…“

„Ja, ja, ja, deshalb freue ich mich, heute Sie hier zu sehen, es gibt da nämlich ein Riesenproblem mit unseren Baumaßnahmen in der Lotte-Haber-Straße. Gestern Mittag war der Bürgermeister persönlich in meinem Büro, er war ziemlich aufgebracht. Brückmann, er zieht nämlich in einem Monat in die Villa Lotte-Haber-Straße/Ecke Pfahlenallee, und Sie wissen doch, erst der Frost und jetzt der viele Regen, die haben bis jetzt noch nicht mit dem Pflastern der Straße begonnen. Der Fricke, der Bauunternehmer, ist krank, sein Vorarbeiter gibt sich optimistisch, sie werden das schon schaffen, sagt er. Herr Brückmann, gehen Sie vor Ort und sehen selber nach, wie weit die mit den Arbeiten sind. Und dann kommen sie morgen und berichten mir, ich werde ihr Kommen morgen sehnlichst erwarten, und sie können von mir aus dann den ganzen Tag hier an ihrem Schreibtisch sitzen!“

Jakob Brückmann war einerseits erfreut darüber, diesen Auftrag von seinem Vorgesetzten bekommen zu haben, konnte er doch damit beweisen, auch ihm fremde Aufgaben zu erledigen, andererseits vermißte er schon jetzt, die Unterlagen von diesem Tag seiner Mitarbeiter durchsehen zu können. Die Lotte-Haber-Straße war überhaupt nicht sein Aufgabengebiet und eigentlich ging ihn die ganze Sache nichts an. Aber er war überzeugt, den Vorarbeiter der Firma Fricke so an die Kandare nehmen zu können, daß wirklich spätestens zum Einzugstermin des Bürgermeisters in seine Villa alle Arbeiten fertiggestellt sind.

Jakob Brückmann wäre nicht Jakob Brückmann, wenn seine innere Einstellung nicht auch seinem äußeren Auftreten entsprechen würde. So war er stets akurat gekleidet, rasiert, gekämmt und seine Körperhaltung entsprach eher einem in den Boden gestampften Pflock, der schnellen Schrittes sich fortbewegte. Auf fast der gesamten Länge des Gehweges, der die Straße zu den zurückliegenden Häusern abgrenzte, lagen besonders in der Nähe der Villa des Bürgermeisters da mal eine Schaufel, da ein Steinhaufen, da mal ein Spaten, da mal eine Schubkarre, da mal ein Erdwall, und wohl sämtliche Arbeiter saßen auf der großen nach oben enger werdenden Steintreppe, die zur Eingangstüre der Villa führte, auf den Stufen und palaverten.

Mit der ihm eigenen Miene des unerschrockenen und gefestigten Mannes, der stets seinen Willen durchzusetzen weiß, sprach er in die Runde: „Wer hat hier für die Arbeit die Oberaufsicht?“ Die Arbeiter wechselten sich vielsagende Blicke, unter anderem auch den, daß man sich erst einigen wollte, wer sich denn angesprochen fühlte. Ein kräftiger mit Schirmmütze und seit Wochen nicht rasierter 50-Jähriger antwortete, ohne sich die Mühe zu machen, aufzustehen: „Wer will das wissen?“

Jakob Brückmanns Erklärungen über seinen Auftrag war noch nicht mal über drei Sätze lang, als der 50-Jährige bedächtig aufstand, einen Blick zur Villa fast wehmütig warf, und Jakob Brückmann aufforderte, mit ihm seitlich von der Treppe auf dem Gehweg zu sprechen. So erfuhr Jakob Brückmann durch den immer leiser sprechenden, aber unruhig blickenden 50-Jährigen, daß alle Arbeiter geflissentlich ihre Arbeit tätigen würden, wenn denn das Fräulein Bürgermeister mit ihrer Gouvernante, beides himmlisch anzusehende reizende Wesen, die Villa verlassen hätten. Leider könnte das mithin erst in den späten Nachmittagsstunden geschehen.

Und weil die zwei Damen an keinem Tag zur gleichen Zeit in die Villa gehen würden und ab und zu auch ein ständiges Kommen und Gehen der beiden die Arbeiter von der eigentlichen Arbeit abhalten würde, zudem des öfteren ja auch noch Anlieferungen in die Villa getätigt würden, somit die Arbeiter doch nicht mit verschmutzter Kleidung den Damen ihre Aufmerksamkeit zuwenden wollten, da sie doch ihre Hilfe so gern in Anspruch nehmen würden. Jakob Brückmann wollte gerade das für ihn sträfliche Verhalten der Arbeiter aufs heftigste kritisieren, als er an der Treppe Gekicher und leicht gedämpfte Männerstimmen zu vernehmen waren. „Sie kommen!“ Gestikulierend ließ der 50-Jährige Jakob Brückmann stehen und beeilte sich, die Treppe zu erreichen.

Als Jakob Brückmann zur Treppe, ausnahmsweise mit gemächlichem Schritt zuging, waren die Arbeiter wie aufgescheuchte Hühner dabei, teilweise mit Stoffen behangen, Kisten und Kartons aus der Villa transportierend, die Damen auffordernd, unten an der letzten Stufe stehen zu bleiben, bis der Wagen vorgefahren wäre. Das mit rotem Teppich benagelte Brett hatte Jakob Brückmann nur noch als Schatten aufgenommen und stürzte am Kopf getroffen vornüber in den Dreck. Die Schreie und das Geschimpfe erreichten ihn wie die Nebelhörner der Schiffe. Er wurde mit kräftigen Armen hochgehoben und seitlich der großen Steintreppe abgelegt, über ihn gebeugt der 50-Jährige und ein Engel, der behandschuht seinen Kopf berührte und mit der anderen Hand mit einem Taschentuch zart über sein Gesicht wischte.

„Das wird schon wieder, wir kümmern uns, liebes Fräulein!“, und schon wurde das Fräulein von ihrer Gouvernante weggeführt, da der Wagen inzwischen vorgefahren war und beide nun mit leicht verdreckten Schuhen und Rocksäumen in den Wagen stiegen. Und weg waren sie. Der 50-Jährige half inzwischen Jakob Brückmann, wieder auf die Beine zu kommen, da Jakob Brückmann sich schlagartig geheilt fühlte durch die Berührung des Engels. Er versicherte, ihm gehe es gut und er würde anderntags nochmal erscheinen, um den Fortgang der Arbeiten zu besehen.

Schwebenden und gleichzeitig schweren Schrittes erreichte Jakob Brückmann seine Wohnung und erschrak beim Blick in den Spiegel, wie er so verdreckt und mit den vielen kleinen Schürfwunden im Gesicht durch die Straßen laufen konnte, ohne sich zu schämen. Ihm war schwindelig, allerdings konnte er nicht genau erklären, ob es auf Grund der Verletzungen oder immer noch vom Anblick des Engels kam.

Am nächsten Morgen erschien Jakob Brückmann in Arbeitshosen, Jacke und festen Schuhen, die er sich von seinem Nachbar, dem Schornsteinfeger Blatze geliehen hatte, vor der Villa. Fritz, dem Metzgerlehrling, den er beim Beobachten der Schornsteinfegertochter erwischte, übergab er einen Brief an seinen Vorgesetzten, in dem er versicherte, die Arbeiten würden pünktlich zum Einzug des Bürgermeisters fertiggestellt sein und er, Brückmann, hätte unerwartet Besuch eines alten Freundes bekommen, der ihn inständig gebeten hätte, ihm doch die Stadt und Umgebung zu zeigen, was er, Brückmann, ihm nicht abschlagen würde können.

Sein Auftauchen auf der Baustelle und das längere Gespräch mit dem 50-Jährigen wurde von den Arbeitern ignoriert, sie nahmen ihn erst richtig wahr, als der 50-Jährige die neue Arbeitseinteilung bekanntgab, so daß sie Jakob Brückmann anerkennend auf die Schulter klopften, als die Abstimmung bereits im vollen Gange war. Jakob Brückmann hatte die Nacht kein Auge zugetan, nicht die kleinen schmerzenden Wunden im Gesicht und seine Beule an der Stirn plagten ihn, sondern der Wunsch, das Fräulein Bürgermeister wiederzusehen und sie so nah bei sich zu haben, als sie sich als Engel zu ihm gebeugt hatte. Sein Plan bestand darin, daß die Hälfte der Arbeiter die Arbeiten an dem Gehweg fortsetzen sollten, während die anderen weiterhin das Hauptmerkmal auf die Hilfsleistungen für das Fräulein Bürgermeister stets bereit sein sollten. Ihre Hilfe würde nur für kurze Handreichungen benötigt, und man würde Rücksicht nehmen, daß sie sich nicht schmutzig machten.

So verbrachte Jakob Brückmann seine letzten zwei Urlaubswochen auf der Baustelle, wobei er sich immer im Hintergrund hielt, wenn das Fräulein Bürgermeister mit ihrer Gouvernante erschien. Die Arbeiten gingen zügig voran, da alle sich beeilten, den Tag schnell zu Ende zu bringen, weil sie dem nächsten Tag entgegenfieberten, an dem sie wieder an der Reihe waren, dem Fräulein Bürgermeister ihre Hilfe angedeihen zu lassen. Jakob Brückmann erlebte diese zwei Wochen wie in Wolken schwebend, sobald der Wagen mit dem Fräulein in die Straße bog, stand er zitternd und schwitzend, sich bemühend, sie in Augenschein zu nehmen, aber gleichzeitig vermied er jeden Blickkontakt, denn er rechnete sich aus, daß er große Chancen hatte, zur Einweihungsfeier geladen zu werden, da es ihm doch zu verdanken war, daß die Straßenarbeiten rechtzeitig fertiggestellt sein würden.

Natürlich hatte er seinem Vorgesetzten durch den Metzgergesellen Fritz täglich einen kurzen Rapport zukommen lassen, in dem er schilderte, daß er auf seinen Ausflügen mit seinem alten Freund es sich trotzdem nicht nehmen lassen konnte, die täglichen Arbeitsfortschritte zu begutachten. Als er wieder in seinem Büro saß, stolzer und öfters mit einem Lächeln auf den Lippen, ließ er keine Mittagspause aus, vor der Villa nach dem Rechten zu sehen. Der 50-Jährige und die Arbeiter freuten sich, ihm ihre Fortschritte zu zeigen, und als es keine Möglichkeit mehr gab, die Arbeit vor der Villa hinauszuzögern, da alles inzwischen auch zur Zufriedenheit des Bürgermeisters, der persönlich erschienen war, fertiggestellt war, schenkten die Arbeiter Jakob Brückmann das Brett mit dem aufgenagelten Teppich, über das das Fräulein in den Wagen zu steigen pflegte.

Das Brett stand nun in seinem Wohnzimmer, natürlich war davor von der Schornsteinfegertochter sorgfältig der Dreck entfernt worden. Des öfteren zärtlich gestreichelt von einem in Träumen versunkenen Jakob Brückmann, der bereits die Einladung zur großen Einweihungsfeier in der Bürgermeistervilla auf seinem Kaminsims zu stehen hatte. Und er wäre ja nicht Jakob Brückmann, wenn er nicht diese Gelegenheit dafür zu nutzen wußte, das Herz der entzückenden Bürgermeistertochter zu gewinnen.

Doris Mock-Kamm

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