Eine Hinfallgeschichte mit Ella


flickr.com/ geopollock/ (CC BY-NC 2.0)

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Ella König wohnt nach dem Tod ihres Mannes und seitdem ihre Kinder ausgezogen sind ganz allein in dem kleinen Reihenhäuschen am Stadtrand. Im Frühjahr feiert sie ihren 60igsten Geburtstag. Sie fühlt sich oft einsam und genießt jetzt die Sommertage, an denen sie in ihrem Garten Unkraut aus den Gemüsebeeten zupft oder ihn liebevoll mit den verschiedensten Blumen schmückt.

Trotzdem langweilt sie sich oft, besonders an Sonn- und Feiertagen, an denen ihre Kinder mit den Enkeln nicht zu Besuch kommen können, und sie an diesen Tagen nicht in ihrem Garten werkeln kann. So bereitet sie sich heute an einem Sonntag noch im Schlafanzug und mit Morgenmantel, unfrisiert, in der Küche ihr Frühstück zu, als es an der Haustür klingelt. Sie öffnet die Türe, ohne nachzusehen, wer draußen steht, sie ist wohl noch nicht ganz ausgeschlafen und erschreckt, als vor ihr ein großer dicker Mann steht.

„Verzeihung, aber können Sie mir einen Liter Milch verkaufen? Ich habe leider vergessen, daß heute Sonntag ist und alle Geschäfte geschlossen haben“, fragt der Mann und dabei grinst er über das ganze Gesicht.

„Aber natürlich kann ich Ihnen Milch geben, vielleicht nicht einen Liter, aber einen halben Liter Milch habe ich sicher übrig!“, strahlt ihn Ella an, angesteckt von dem freundlichen Grinsen des Mannes.

„Warten Sie einen Augenblick.“ Ella macht die Türe hinter sich zu, geht in die Küche und holt aus dem Kühlschrank die Liter Packung Milch heraus, die sie gestern gekauft hat. Sie öffnet die Packung und gießt die Milch in ein leeres Apfelmusglas, denn da paßt genau ein halber Liter hinein. Schnell verschließt sie das Glas, stellt die Milchpackung zurück in den Kühlschrank und eilt mit dem Apfelmusglas zur Haustür. Die Augen des dicken Mannes leuchten auf, als er sieht, daß Ella einen halben Liter Milch mitbringt.

„Was bin ich Ihnen schuldig, liebste Frau?“

„Oh, oh, nein, das ist schon gut so. Aber sagen Sie, Sie wohnen doch nicht hier in der Gegend, ich habe Sie hier noch nie gesehen?“

„Ja, das können Sie auch nicht, ich bin „Phillo, der grinsende Clown“ und ich habe in meinem Wohnwagen hinten in dem Waldstück übernachtet.“

„Ist das wirklich wahr, Sie sind ein Clown? Oh, das finde ich schön!“, freut sich Ella, die immer schon Clowns mochte.

„Werden Sie hier eine Vorstellung geben? Sie müssen wissen, es hat mich schon immer fasziniert, Clowns zuzusehen.“

„Leider nicht gnädige Frau, ich werde morgen in einer anderen Stadt erwartet“, lacht sie Phillo an.

„Vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft. Vielleicht komme ich nächstes Jahr wieder in diese Gegend und kann dann hier im Ort eine Vorstellung geben. Nun muß ich aber gehen, vielen Dank nochmal, und wer weiß, bis nächstes Jahr“, lacht der große dicke Clown und dreht Ella den Rücken zu. Er geht eiligen Schrittes die Straße runter, Richtung Wald. Ella schaut ihm mit enttäuschtem Blick nach, bis sie ihn nicht mehr sehen kann. Dann schließt sie die Tür, lehnt sich eine ganze Weile an sie an und geht dann schweren Herzens in ihre Küche.

Nun hätte sie Zeit zu frühstücken, aber sie ist mit ihren Gedanken ganz woanders. Wohl eine Stunde lang sitzt sie, unfähig etwas zu tun, nur mit ihren Gedanken beschäftigt an ihrem Küchentisch. Ab und zu grinst sie über ihr ganzes Gesicht, rümpft ihre Nase, kneift ihre Augen zusammen, preßt die Lippen aufeinander, und plötzlich schlägt sie sich auf ihre Oberschenkel und springt auf mit den Worten: „Warum eigentlich nicht?“

Schnell wie der Wind, jedenfalls für ihr Alter erstaunlich flink, stürzt sie auf den Dachboden und kramt hier in dieser Holztruhe, dort in dem Karton, öffnet sämtliche Kisten, anfangs achtet sie noch darauf, alles wieder fein säuberlich sortierend in die Kisten zu legen, aber dann kramt sie nur noch alles heraus, bis sie endlich die alten Schwimmreifen ihrer Kinder, die diese immer zum Baden dabei hatten, findet.

Sie pustet die drei Schwimmreifen einen nach dem anderen auf, wobei es ihr schwindelig wird von dem vielen und schnellen Pusten. Ganz außer Atem zwängt sie sich die Schwimmreifen über ihren Kopf und zerrt sie schwer atmend um ihren Bauch. Die Reifen spannen, obwohl sie vom Durchmesser eine stattliche Größe haben, aber sie sind ja auch nicht für einen Erwachsenen gedacht gewesen. Nun steht sie erhitzt und mit drei Schwimmreifen um ihren Bauch nach Luft japsend auf dem Dachboden und freut sich, denn sie hat nur noch eins im Kopf – selbst ein Clown zu sein.

Aus den geöffneten Kisten und den herumliegenden Dingen sucht sie nach Kleidungsstücken, die sie über ihren mit Reifen behängten Bauch stülpen könnte. Sie findet eine weite ausgeleierte Hose und ein buntes Hemd, das die Kinder mal zu Fasching anhatten. Nachdem sie die Hose mit großer Mühe angezogen hat, dabei muß sie sich auf den Boden setzen, denn es ist gar nicht so einfach, mit so einem ungewohnten Bauchumfang etwas anzuziehen und das Hemd trotz seiner Größe am Bauch spannt, dreht sie sich öfters um ihre eigene Achse und jauchzt dabei. Aber mit ihren Schlappen fällt sie prompt hin.

„Es müssen doch noch irgendwo ein paar alte Schuhe meines Mannes sein, wo sind die denn bloß?“ Sie öffnet den alten Kleiderschrank und tatsächlich liegen unten auf dem Schrankboden glänzende schwarze Schuhe, die ihr zwar zu groß sind, aber sie nimmt sich vor, sie später mit Watte vorne auszustopfen. Sehr vorsichtig, denn sie merkt, daß sie torkelt beim Gehen, geht sie sicherheitshalber rückwärts die Treppe ins Obergeschoß herunter und watschelt ins Badezimmer.

Aus dem Badezimmerschränkchen nimmt sie aus der hintersten Ecke, versteckt von Tuben und Cremes, eine blaue Dose mit der Aufschrift: ‚Weiße Gesichtsfarbe für Fasching‘ heraus. Die Dose hatte sie für ihre Enkelkinder für Fasching gekauft, war aber nicht gebraucht worden, so landete sie ungeöffnet in dem Schränkchen. Vorsichtig dreht sie am Deckel, entfernt die Silberfolie ein klein wenig und tupft mit dem Zeigefinger sacht in die weiße Masse. Mit der Fingerspitze verteilt sie ein bißchen Farbe auf ihre Wange. Nochmal nimmt sie eine Fingerspitze für die andere Wange, dann greift sie mit Zeige- und Mittelfinger eine große Portion Farbe und verteilt das Weiß über ihr ganzes Gesicht. Dabei stößt sie Laute aus wie: wüah, jeah, prust, phsst.

Nachdem das Gesicht nun komplett weiß angemalt ist, malt sie mit ihrem Lippenstift einen roten Punkt auf die Nasenspitze und je einen größeren roten Punkt auf ihre Wangen. Ihre Lippenform zieht sie ebenfalls mit dem Lippenstift nach. Die Augenbrauen betont sie mit einem schwarzen Kajalstift. Sie betrachtet sich zufrieden in dem Badezimmerspiegel und findet, daß ihre Haare zwar zerzaust aussehen, aber es genügt ihr nicht und so toupiert sie mit einem Kamm ihre Haare so, daß sie hoch stehen.

Nun ist sie zufrieden und watschelt mit dieser Kostümierung in die Küche, dreht sich immer wieder im Kreis, tänzelt ins Wohnzimmer und schaltet die Musikanlage an. Sie tanzt nach der Musik durch das Wohnzimmer, aber da sie immer wieder aneckt, mal am Sessel, mal am Couchtisch, öffnet sie die Terrassentür und tänzelt in den Garten. Dort schwingt sie sich watschelnd über den Rasen, hüpft über die einzelnen Gänseblümchen, die sich in den letzten Jahren auf dem Rasen verteilt haben, und stürzt der Länge nach hin.

Anstatt aufzustehen, wälzt sie sich mit ihrem dicken Reifenbauch über den Rasen, immer wieder jauchzend. Plötzlich hört sie lautes Lachen und Grölen, am Gartenzaun lehnen und stehen etliche Nachbarskinder und klatschen in die Hände, als sie zu ihnen aufschaut. Ihr Verhalten kommt ihr nun albern vor und sie dreht sich auf den Rücken und steht unter zu Hilfenahme ihrer Arme auf, um schnell ins Haus zu rennen. Aber beim Aufstehen stolpert sie gerade über diese und plumpst wieder auf den Rasen. Die Kinder johlen und schreien: „Nochmal, nochmal. Das ist ja komisch!“

Ella ist nun wütend über ihr Mißgeschick und springt regelrecht auf, dabei rutscht sie aber aus und, oje, fällt wieder hin. Als sie dieses Mal aufblickt, stehen am Gartenzaun inzwischen auch die Eltern der Kinder und lachen mit ihnen über Ella. Nein, sie lachen sie nicht aus, sie sind begeistert von den komischen Bewegungen, die Ella vollführt. Nun denn, sagt sie sich, lege ich mal richtig los und sie schneidet Grimassen, tänzelt schwerfällig wie ein Bär über ihre Gartenbeete und läßt sich nun immer wieder absichtlich auf den Rasen fallen.

Die Nachbarn sind mit ihren Kindern inzwischen in ihren Garten gekommen und beglückwünschen sie für diese amüsante Vorstellung. „Wo haben Sie das bloß gelernt, besuchen Sie eine Artistenschule?“ „Bitte laß dich nochmal fallen!“, fordern die Kinder.

Ella ist erschöpft und ungemein glücklich und verspricht den Kindern für nächstes Wochenende eine Vorstellung. Am nächsten Wochenende stehen am Gartenzaun schon lange, bevor sie sich geschminkt und angezogen hat, eine große Menge Kinder. Inzwischen tritt Ella mindestens einmal im Monat bei den verschiedensten Gelegenheiten als Clown auf und trifft immer wieder auf ein begeistertes Publikum. Bis heute hat sie aber niemandem erzählt, wie sie damals überhaupt auf die Idee kam, und daß das Hinfallen nicht absichtlich war.

Doris Mock-Kamm

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