Eine Hinfall-Geschichte


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Von Frau Klara (nennen wir sie einfach mal so, mir fällt momentan kein besserer Name ein und ich will auf keinen Fall, daß Klara von Euch auf der Straße, im Kaufhaus, im Aufzug, auf dem Spielplatz, beim Schwimmen, auf einer Brücke, im Zoo oder wo sonst auch immer erkannt wird, nur weil Ihr den richtigen Namen von ihr kennt. Denn ich habe ihr versprochen, diesen niemals weiterzusagen) möchte ich erzählen, wie ich sie kennen gelernt habe.

Ich bin viel geschäftlich unterwegs und habe es allerdings am liebsten, bei diesen Reisen möglichst nicht mit den anderen Fahrgästen in Kontakt zu kommen, so habe ich mir ein Abteil ausgesucht, das ziemlich am Ende des Zuges war und von dem ich hoffte, daß ich hier ziemlich ungestört meine Fahrt genießen könnte. Bei den ersten Haltestellen haben sich die zugestiegenen Reisenden in anderen Abteilen einen Sitzplatz genommen, und ich freute mich schon, denn nach dem nächsten Halt würde der Zug eine ziemlich lange Strecke ohne Zwischenstop fahren. Noch größer war meine Freude, als ich beim Heranfahren in den Bahnhof nur einen Bahnangestellten auf dem Bahnsteig stehen sah.

Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, hörte ich auf dem Gang ein Scheppern und Schleifen und Schnaufen. Eine zierliche alte Dame, alt deshalb, weil ihre Haare nicht mehr grau waren, sondern weiß schimmerten, lugte etwas grimmig und wohl leicht verstimmt in mein Abteil, und da der Zug auf der Strecke rumpelte, stieß sie mit ihrem Körper an meine Abteiltür, die sich daraufhin öffnete und purzelte regelrecht in mein Abteil. Sie murmelte so etwas wie „guten Tag“ schwang mit Kraft, woher sie die nahm, war mir nicht erklärlich, eine Koffertasche auf die obere Ablage und setzte sich mit Wucht mir gegenüber an den Fensterplatz, eine etwas zu groß geratene Handtasche, wohl eher auch eine Koffertasche, drückte sie fest an ihren Körper und starrte mit gesenktem Kopf auf den Boden.

Meine Laune war im Eimer und ich versuchte ihre Anwesenheit mit konzentriertem Blick nach draußen auf die vorbeirasende Landschaft, mir doch ein bißchen ein Zufriedenheitsgefühl zu gönnen. Aus den Augenwinkeln beobachtend saß die alte Dame auch nach einer gefühlten Viertelstunde immer noch mit der gleichen grimmig wirkenden Haltung auf ihrem Platz und zeigte kein Interesse, ihre Haltung zu ändern. Mir war das nur recht – aber irgendwie auch beklemmend und schließlich fixierte ich auch den Boden und streckte aus einer Verspannung heraus meine Beine nach vorne. In diesem Moment prustete lachend die Hand vor ihren Mund haltend und mit leuchtend feurig, feuchten Augen, um Luft schnappend, die alte Dame los und vor lauter hemmungslosem Gelächter fiel ihr ihre Tasche auf meine Füße, kurz nachdem ich bemerkt hatte, daß ich in der Hektik meines Aufbruches am Morgen zwei verschiedene Socken angezogen hatte.

Der Aufprall der Tasche auf meine Füße und ihr scheinbar nie mehr enden wollendes durch Glucklaute verstärktes Kichern brachten mich ebenfalls zu einem unkontrollierbaren Lachanfall, der mir die Tränen nicht nur in meine Augen trieb, sondern auch meine Nase zum Triefen brachte.

„Wissen Sie“, vernahm ich die alte Dame. „Wissen Sie, ich…“, begann sie nochmal, aber ihre Stimme versagte ihr wieder und sie prustete erstickte Lachlaute in ihre beiden Hände, mit denen sie versuchte, ihr Gesicht von den Tränen zu befreien. Ich hatte mir gerade eben Taschentücher aus meiner Jackentasche gefummelt, um das selbige zu tun und reichte ihr die Packung, als der Schaffner unser Abteil betrat mit den Worten: „Noch jemand zugestiegen? Fahrkartenkontrolle!“ und dabei entgeistert und hilflos den Kopf schüttelnd uns beide fixierte. Erschreckt durch das plötzliche Auftreten zog ich meine Hand mit der Packung Taschentücher zurück, um in meiner Jackeninnentasche nach meiner Fahrkarte zu greifen, da aber die alte Dame schon mit den Fingern die Packung festhielt, verlor sie ihr Gleichgewicht und fiel vornüber auf meine ausgestreckten Beine. Der Schaffner wollte den Sturz der alten Dame mit einem großen Schritt nach vorne aufhalten, dabei verdrehte er seinen Oberkörper nach links unten und prallte mit seinem Kopf auf meine Schenkel. Schlagartig war es vollkommen still im Abteil.

Durch die Abteiltür drängten sich mehrere Fahrgäste, entsetzte Schreie, aber auch Lachen, murmelnde Geräusche waren zu hören und: „Ist jemand verletzt?“, „Kann ich Ihnen aufhelfen?“, „Drängeln Sie doch nicht so!“, „Was ist denn hier passiert?“, wurde durcheinander gerufen und von hinten quetschten sich immer mehr Menschen in unser Abteil. Der Schaffner war als erstes wieder auf seinen Beinen, wäre aber beinahe durch die hereinströmenden Fahrgäste in den Sitz neben der alten Dame gedrückt worden.

Des Schaffners Stimme dröhnte: „Alles in Ordnung, bitte gehen Sie zurück zu Ihren Plätzen!“, und er fuchtelte mit seinen Armen weit ausholend vor den erstaunten Menschen herum. “Hier gibt es nichts für Sie zu tun!“ Die alte Dame und ich saßen derweil in uns gekehrt mucksmäuschenstill auf unseren Plätzen, und ich erwartete, daß der Schaffner mit seiner kräftigen Stimme ein Donnerwetter auf uns herablassen würde, sobald die letzten neugierigen und helfen wollenden Fahrgäste aus dem Abteil vertrieben waren.

„Halten Sie Ihre Fahrausweise bereit und bleiben Sie auf Ihren Plätzen, die Kartenkontrolle kommt sofort!“ Er lehnte sich gegen die Abteiltür, griff gleichzeitig nach rechts und links und zog die an einer Halterung befestigten Vorhänge vor die Abteilfenster. Sich immer noch gegen die Abteiltür drückend, drehte er sich mit finsterer Miene zu uns, und während er „Wir sprechen uns später!“ ausstieß, grinste er uns beide spitzbübisch an und mühte sich nicht loszulachen. „Es scheint, Ihnen ist wirklich nichts ernsthaftes passiert, ich kümmere mich jetzt besser um die anderen Fahrgäste“, japste er und verließ unser Abteil.

„Entschuldigen Sie“, flüsterten die alte Dame und ich fast gleichzeitig. „Ich…“, fingen wir beide noch mal an. „Nein, bitte Sie zuerst“, sagte ich jetzt mit festerer Stimme. „Nun, ich möchte mich erst mal bei Ihnen entschuldigen für mein Lachen, Sie müssen nicht denken, ich hätte Sie ausgelacht, aber Ihre steife und unnahbare Haltung und dazu diese verschiedenen Socken, eigentlich setze ich mich nie zu einem Mann in ein Abteil, aber ich bin ja direkt hier hereingeflogen und gerade heute habe ich auch noch meine große Tasche dabei, da sind die neuesten Entwürfe meiner Plüschtiere drin, die ich zum Kindergarten von… (darf ich nicht sagen) bringe, damit…“

Sie redete und redete, dann redete und redete ich, dann redeten und redeten wir beide und noch nie in meinem Leben bedauerte ich, als mein Reiseziel aufgerufen wurde, daß ich nun aussteigen mußte. Klara und ich treffen uns seither ganz oft, denn wir fahren jetzt gemeinsam zu unseren Geschäftsterminen.

Doris Mock-Kamm

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