Keineswegs bereit mit anderen den Teller zu teilen


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Außer in Kriegsjahren vielleicht?

Ist es bei Ihnen auch schon vorgekommen, daß Sie unerwartet Besuch bekamen, Sie gerade beim Kaffeetisch saßen oder beim Essen waren? War Ihre Reaktion nicht auch, dem Besuch Kaffee und gegebenenfalls Kuchen anzubieten oder den Besuch zum gemeinsamen Essen einzuladen? Hat Ihre bemessene Essensration nicht für alle ausgereicht? Waren Sie immer noch hungrig? Oder ist der Spruch ein Esser mehr oder weniger, was macht das schon, eingetroffen?

Ist diese Gastfreundlichkeit nur bei Gesellschaftsschichten, denen es nicht an Materiellen mangelt, zu beobachten? Wohl eher nicht, und es ist ebenso nicht nur auf eine begrenzte Anzahl von Volksgruppen üblich. Da die Kolumnistin, also diejenige, die diesen Text verfaßt, es nicht sein lassen kann, Antworten in der Sprache selbst zu finden, nun eine Worterklärung zu diesem Thema. Aus dem spätlateinischen taliare, gleichbedeutend mit spalten, schneiden, zerlegen und lateinisch talea, abgeschnittenes Stück, ist das Wort Teller hervorgegangen. Teller, also ein geteiltes Stück. Wenn ich von etwas, etwas abgeschnitten habe, so bekomme ich, je nach Menge der Schnitte, eine Mehrzahl von eben diesem Etwas. Entweder, um es mir selbst in kleineren Stücken, bleiben wir beim Essen, schmecken zu lassen, oder um es mit anderen zu teilen.

Wer direkt oder indirekt durch Erzählungen die Kriegsjahre in Deutschland miterlebt hat, weiß sicherlich, daß viele Menschen ihre letzten Vorräte mit anderen geteilt haben. Aber es gab auch Menschen, die ihre Vorräte versteckten und sie lieber vergammeln, verschimmeln ließen, anstatt davon etwas abzugeben. Sie waren nicht bereit, ihren Teller mit anderen zu teilen. Sicherlich kann man für beide Verhaltensweisen, der des Gebens und der des Verweigerns, unzählige Argumente finden und damit beide Haltungen relativieren.

Nun, das ausschlaggebende Merkmal für diese Handlungsweisen liegt in Kriegszeiten in der Frage ums Überleben, deshalb ist es sicherlich nicht mit unserer jetzigen Zeit zu vergleichen. Denn ums Überleben geht es wohl nicht, wenn heutzutage viele Menschen anderen nichts oder nur ein bißchen gönnen. Auch ging es in den angesprochenen Kriegsjahren nicht um Fremde, Ausländer, sondern um Nachbarn, Bekannte, Freunde. Ja, sogar Familienangehörige wurden nicht mehr zu Tisch geladen.

Können wir deshalb davon ausgehen, daß den Teller teilen, jemanden zu Tisch bitten, eine persönliche Einstellung zum Leben schlechthin bedeutet? Dann sei diese Schlußfrage erlaubt. Ihr, die Ihr nicht bereit seid, Euer Essen mit anderen zu teilen, erwartet Ihr das Nichtteilen auch von den anderen? Wenn dem wirklich so ist, dann haben nicht nur die einzelnen Personen ein Problem zu lösen, sondern die gesamte Gesellschaft, der sie angehören.

Doris Mock-Kamm

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