Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 4)


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Ein Drama mit offenem Ende

Ein Laubwald, eine Lichtung mit ein paar Baumstümpfen. Auf einem sitzt „Das Gewissen“ und sinniert vor sich hin in weinerlich-ängstlichem Ton.

Das Gewissen: Was habe ich mir dabei nur gedacht, so mir nichts dir nichts stumm und vor allem tatenlos zuzuschauen, wenn zu viele Menschen einfach rücksichtslos diese Welt zerstörten? Und dies nicht erst seit gestern. Nein, nein! Seit Hunderten von Jahren. Und ich, das menschliche Rückgrat, bekomme nichts anderes fertig, als zu barmherzig zu reagieren. Klar doch, etlichen hauchte ich den Mut der Verzweiflung, aber auch des Stärkeren ein, jedoch obsiegte immer wieder das Böse, erschuf Schlichen, meine mühsame Arbeit zu hintergehen.

Die Elfe kommt des Weges daher, leichten Fußes, fast schwebend.

Die Elfe: Was darf ich dort für ein Trübsalblasen vernehmen, lieber Geselle Gewissen? Selbstvorwürfe bringen dich keineswegs weiter. Du wirst niemals die Menschen zähmen in ihrem Drang, emporklimmend die Leiter des Haßes: Laß es, so rate ich dir. Sie verfallen der lieblosen Gier, die schon so viele dahingerafft. Klar, das dich das schafft.

Währenddessen streichelt sie liebevoll sein schwarzes, langes Haar.

Das Gewissen: Danke für deinen lieben Trost, der dennoch nicht weiterhilft. Ich weiß, ich muß da durch, drum ich mich ja hier in den Wald zurückzog, mir über einiges trotz Jammern klar werden sollte. Gerade in letzter Zeit sah ich mit Schrecken, wie nah der Mensch schon wieder vor einem großen Krieg, sie nennen ihn den dritten. Warum nur all das Leid?

Dabei rauft sich das menschliche Rückgrat die Haare, scharrt vor Aufregung mit den Füßen.

Die Elfe: Das ist wohl des Menschen Los, zu erkennen, welche Wege er neu beschreiten muß. Entsprungen aus sicherem Schoß, der Mutter Erde, liebt er zunächst komischerweise Überdruß, zieht stets mit der Herde. Nun denn, andere Zeiten mögen kommen, ich seh sie schon vor mir, etwas verschwommen. Drum hab Geduld und verzehre dich nicht voll Schuld!

Vorhang schließt sich,  laute Punk-Musik von den Sex Pistols „God Save the Queen“ in den Zuschauersaal dröhnt. Umbau zur siebten Szene. Im Hintergrund Straßenlärm, Sid, der Punker, auf der Parkbunk, daneben der MP3-Player liegt, voll aufgedreht den Text mitgröhlend.

Sid: God save the queen, She ain’t no human being, And there’s no future, In England’s dreaming…

Ein genervter Mittsechziger kommt vorbei.

Rentner: Sach mal, kannste nicht den Scheiß mal abstellen?! Is ja nich zum Aushalten. Und vor allem, wat hat denn die Queen damit zu tun, die is doch ne anständige Frau, meine ich mal!

Sid: Wie bitte, die Queen ne Lady? Darf ich mal lachen? Wohl noch nie vom britischen Empire gehört, wa, Opa?! Dat müßtest gerade du wissen, zumindest haste doch die Spuren vom Zweiten Weltkrieg als Kind noch sehen können und den Erzählungen deiner Eltern gelauscht, oder?

Rentner: Ich bin der Horst, Junge. Richtig, meine Eltern ham mir so manches erzählt. Obendrein gab es damals nich son Zeug wie einen MP….Pleier oder wie das Ding da heißt. Wir hatten noch, wenn überhaupt, die ersten Plattenspieler, mein bester Kumpel gar einen Zehn-Platten-Wechsler. Na, da schauste, wa? Da konnte man 10 Single-Schallplatten auf einmal einspannen, die dann nacheinander abspielten. Dann hörten wir den Elvis, Jerry Lee Lewis, später die Beatles, Mann das waren noch Zeiten.

Sid: Mich nennen alle Sid. Kenn ich sogar. Siehste, das ist der Vorteil, die Musik ist zusammengewachsen, so auch die Botschaft heutiger Gruppen, sogar beim Punk. Gerade The Clash, ist so ne Punk-Band, haben dazu beigetragen, wollen unbedingt den Dialog, den Prostest gegen das Establishment, lehnten den Kommerz ab, obwohl sie genauso von ihrer Mucke gut leben konnten.

Rentner: Hat mir neulich auch mein Enkel, der Paul, berichtet. Dennoch dieser keine Punkmusik mag, eher dem Irish Folk lauscht.

Die beiden werden unterbrochen, weil Flüchtling II unvermittelt aufkreuzt.

Flüchtling II: Was hier los sein? Suchen ihr Streit, oder?

Sid lacht ihn aus, springt auf, um ihn herum, dabei im typischen Pogo-Punk-Tanzstil ihn anrempelnd. Horst hat obendrein aus Solidarität den Lautsprecherregler des MP3-Players höher gedreht.

Sid: When there’s no future, how can there be sin? We’re the flowers in the dustbin, We’re the poison in your human machine, We’re the future, your future – na, und wat machste jetzt?

Flüchtling II: He, Alter, ausdrehen den Scheiß. Und du, ich dich schlagen!

Doch dazu kommt Flüchtling II nicht. Kurz nach dem Satz hat ihm Horst eine schallende Ohrfeige verpaßt, so daß Flüchtling II zu Boden stürzt. Bevor dieser aufstehen kann, hat Sid sich kurzerhand auf ihn gesetzt, hält ihn in Schach, dessen beiden Arme auf den Rücken dreht.

Sid: Zwei Möglichkeiten. Entweder wortlos gehen oder wir rufen die Bullen, deine Entscheidung.

Flüchtling II: Was sein Bullen?

Sid: Na, die blauen Männer in Uniform! Die mit dem Schlagstock und der Knarre, den Handschellen hinten am Gürtel, schon mal gesehen?

Rentner: Mit denen ist nicht zu spaßen. Letzte Chance.

Flüchtling II: Okay, okay, ich gehen. Aber wir uns wiedersehen!

Sid läßt ihn los, der Flüchtling verläßt fluchend den Ort. Eine junge Frau begegnet ihm. Als er sie zu sich ziehen will, verpaßt diese geschickt ihm einen Tritt zwischen die Beine.

Junge Frau: Mach dich vom Acker, du Abschaum. Nicht mit mir. Na, wat kiekste so? Wohl noch nie von einer Frau Paroli jeboten bekommen, wa?!

Der Geschlagene krümmt sich und geht wimmernd ab. Der Vorhang schließt sich. Q tritt vors Publikum.

Q: Passiert angeblich überall in Deutschland, in ganz Europa. Und dann stellen sich unsere Politiker vor die öffentlichen Mikrophone dieser Lügen-Medien und verkünden was von Willkommenskultur, die nicht fruchten will bei soviel Vorurteilen. Manche wollen förmlich die Gewalt, zeigen keinerlei Einsicht, fordern, rauben und vergewaltigen gar. Wo bleibt da ein gesundes Augenmaß? Manch Beherzte, oft aus dem subkulterellen Bereich, die wehren sich. Unter dem einfachen Volk gibt es immer noch Glatzen, die Heil schreien. Die sind zwar Ausnahmen, aber man verkennt den Ernst der Lage. Nationalismus sucht sich wieder Wege, um gerade Asylsuchende zu verunglimpfen. Wo wird differenziert, obwohl gerade hierzulande Waffenverkäufe die Flucht etlicher bewirkte?

Q geht ab. Umbau. Die achte Szene möge beginnen.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 1)

Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 2)

Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 3)

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