Wenn Heilsversprecher die Nähe aufgreifen


flickr.com/ panaromico/ (CC BY-NC-ND 2.0)

flickr.com/ panaromico/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Ist stets Vorsicht geboten

Nähe – Aufforderung etwas zu nähen. Nähe – enges Beisammensein. Man muß kein Sprachforscher sein, um zu erkennen, daß diese beiden Begriffe den gleichen Wortstamm haben. Nähen ursprünglich von knüpfen, weben, zusammenbinden, verdeutlicht eine Verbindung durch eine gewiße Art und Weise, mit verschiedenen Materialien, um ein neues Ganzes zu schaffen. Nähe bedeutet, mit jemandem in engen Kontakt zu treten und gegebenenfalls eine geistige, seelische, körperliche, eventuell auf mehreren Ebenen eine Einigung einzugehen.

In der Regel, Ausnahmen bestätigen sich auch hier, suchen und wünschen sich Menschen eine enge Nähe mit Gleichgesinnten. Wenn diese Verbindungen aus welchen Gründen auch immer sich lösen, zerreißen, brechen, hinterlassen sie Spuren, wie auf einem Stück Stoff die Nadeleinstiche. Das kann dazu führen, daß für viele eine neue Nähe in weite Ferne rückt, eine ständige Suche beginnt nach demselben identischen Stoff (Mensch), nach neuen besseren Materialien (Werten) Ausschau gehalten wird.

Nun gesellen sich in solchen Situationen, in denen man sehr oft Hilfe braucht, um nicht zu verzweifeln, wenn die Trennung schmerzhaft war, Menschen in unsere Nähe, die nicht alle nur aus liebevoller Absicht trösten, vermitteln, neue Quellen zum Kräfte schöpfen benennen, sondern gezielt die innere Unruhe nähren mit ihren Ratschlägen. Sinn und Zweck eines solchen Verhaltens ist nicht Hilfe zur Selbsthilfe, sondern die Wegnahme von eigenständigen Heilprozeßen. Diese Masche ist nicht neu, und es gibt zigtausende Abhandlungen zu diesem Phänomen. Religionen, Sekten und andere Organisationen bedienen sich an „trennenden Schmerzfühlenden“, um sie für ihre Meinungen, Ansichten, Glauben zu gewinnen.

Warum ist dies so einfach? Weil jemand, der sich in einem Heilungsprozeß befindet, sehr oft nicht mehr selbst fähig ist, seine Nahrung selbst zuzubereiten. Wenn wir mit einer Grippe im Bett liegen, sind wir froh, jemand in unserer Nähe zu haben, der uns versorgt, weil wir durch Fieber zu geschwächt sind, die einfachsten täglichen Handhabungen zu leisten. Zu diesen Handhabungen gehört die Versorgung durch Nahrung, Medikamente, Tees. Nicht umsonst ist in dem Begriff Nahrung das althochdeutsche nara, bedeutet Heil, enthalten. Nähren, althochdeutsch nerian, heißt Leben retten, erhalten.

Diese Heilsversprecher treten zuweilen auch in der Politik auf, sind aber oft schnell zu entlarven, allerdings in Zeiten, in denen viele ungelöste Fragen sich stapeln, haben sie leichtes Spiel. Und ihre einfach gestrickten, gewebten Argumente übertünchen sie mit Idealvorstellungen von Werten, nach denen sich Mensch sehnt.

Nähe, miteinander sein, Nahrung, Heilung, Rettung. Fehlen zu ihrer Durchsetzung nur noch vermeintlich Schuldige zu finden, die dafür verantwortlich sind, daß man die Nähe vermißt,  Nahrung nicht selbst zubereitet werden kann. Und wie kann es anders sein, diese Schuldigen gibt es, immer. Da nun aber die Hauptverantwortlichen sehr spärlich vorhanden sind, greift man diejenigen an, von denen es viele gibt.

Also werden Volksgruppen, Organisationen, Medien diskreditiert, weil unter ihnen der ein oder andere in verbrecherischer Weise gehandelt hat. Vielleicht verstehen wir die jetzige politische Vereinnahmung besser, wenn wir uns vor Augen halten, wie leicht es ist, alle Pitbulls als mordende killende Rasse darzustellen, weil einige dieser Hunde falsch gehalten worden sind und werden. Weil es einfacher ist, die Taten einzelner auf alle zu übertragen, anstatt differenziert die Hintergründe eines solches Fehlverhaltens zu ergründen. Eine Partei, die vorgibt, im Sinne der Bürger zu handeln, aber die Fähigkeit zur Deeskalation nicht besitzt oder sie aus Zweckgründen nicht anwendet, kann nicht die Lösung der bestehenden Probleme meistern.

Können wir eine Schlußfolgerung aus nähen, etwas verbinden, Nähe, Zusammensein, Nahrung, Heilung ziehen? Wenn eine Verbundenheit sich als instabil erweist, es schwierig ist, die tatsächlichen Fehlerursachen gleich zu benennen und zu lösen, ist es vonnöten, nicht nur dem nächstbesten Vorschlag zur Wiederherstellung oder Ausbesserung der Situation zu folgen, sondern mehrere verschiedene dem Heilungsprozeß dienliche Argumente zu verinnerlichen, als vorgefertigte Lösungen zu schlucken. Diese Medizin könnte bittere Folgen haben.

Doris Mock-Kamm

Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.