Verstehen lernen von Kindesbeinen an


flickr.com/ h.koppdelaney/ (CC BY-ND 2.0)

flickr.com/ h.koppdelaney/ (CC BY-ND 2.0)

Zwischen unbeantworteten Fragen und Kleingeistigkeit

Man muß nicht immer alles verstehen. Schon als Kind lernt man, daß Erwachsene nicht die Allgötter sind, die mit Wissen vollgespickt jede Frage beantworten können.

Aber es gab diverse Unterschiede bei den Erwachsenen, die Fragen nicht sofort beantworten konnten oder mangels Zeitdruck auf eine spätere Antwortgebung verwiesen. Die einen gaben unumwunden zu, die Antwort nicht zu kennen oder sie selbst nie verstanden zu haben. Andere erklärten entweder in sehr kurzen Satzbegriffen die Fragen oder resümierten in minutenlangen Monologen der Erwachsenensprache, beides führte zum Nichtverstehen.

Einige bemühten sich mit Zuhilfenahme eines Lexikons durch Vorlesen des darin erklärenden Textes, eine zufriedenstellende Antwort zu geben. Am liebsten waren wohl die Erwachsenen, die nicht nur ihr bisheriges Wissen zur Frage benannt haben, sondern auch noch in Lexika oder anderen Sachbüchern mit dem fragenden Kind die Fragen erläutert und wenn nötig sich sogar auf eine Diskussion eingelassen haben.

Nun, die Erkenntnis, man muß nicht alles verstehen, ist jetzt als Erwachsener verinnerlicht. Schließlich ist schon ein bißchen Verstehen besser als sich zu verlaufen und sich in Gehirnwindungen zu verrennen. Denn dann kann es ohne weiteres zu folgenschwerem Verstarren des Verstehens kommen. Wenn sich das Verstehen nicht an einem Punkt manifestiert, bis dahin und erst mal nicht weiter, wirft sich zum Verständnis Gutdünken, Gefühlsduselei, gepaart mit Beharrlichkeit hinzu. Das Ergebnis dieser Art von Verstehen ist ein Knäul von Halbwissen einer Frage und kennzeichnet das Wissen von Kleingeistern.

Deshalb kann sich der glücklich schätzen, der beizeiten Menschen um sich hatte, die gemeinsam Fragen erörtert haben, aber ab einem gewissen Punkt die Antwort schuldig geblieben sind, weil jedes Mehr an Verstehen zu diesem Zeitpunkt nur die Kleingeisterei gefördert hätte.

Gönnen wir uns ruhig die Momente des Nichtverstehens, ohne zu verzweifeln und zu hadern, denn wie die Knospen der Blüten braucht der Verstand manchmal unterschiedliche Zeiten, das zu Verstehende zur vollen Blütenpracht auszubreiten.

Doris Mock-Kamm

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Verstehen lernen von Kindesbeinen an

  1. Sylvia Kling schreibt:

    Welch wunderbarer Beitrag, liebe Doris. Ich erinnere mich gerade daran, dass mich mein 12-jähriger, sehr wißbegieriger Sohn häufig Dinge fragt, die ich nicht weiß (gerade im naturwissenschaftlichen Bereich, in welchem ich gar nicht stark bin …). Dann muss ich oft gestehen: „Ich weiß es nicht.“ Dann fragen wir meinen Mann, der fast alles weiß. Der erklärt aber sehr lange und der Kleine hat am Ende fast nichts aufgenommen.
    Manchmal sollte man einfach warten, bis sich aus dem Alltag heraus eine Antwort ergibt.
    Das sind jene Momente, in denen man die Zeit abwarten sollte.

    Herzliche Grüße
    Sylvia

    Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s