Sisyphos – das sind wir im Grunde allesamt


flickr.com/ superscheeli/ (CC BY-SA 2.0)

flickr.com/ superscheeli/ (CC BY-SA 2.0)

Wer kann dem Alltag entfliehen, der uns stets einholt?

Wir erledigen während unseres Lebens ständig wiederholende Aufgaben, es kommunizieren sich wiederholende Themen, frönen wiederholt unseren Vorlieben.

Die täglichen Aufgabenbereiche, das Geschirr spülen, waren wirklich nur wir vier heute zum Essen? Wäscheberge abtragen, Wäsche sortieren, Waschmaschine füllen, Trockner anschmeißen oder Wäsche aufhängen, Wäsche bügeln oder einfach nur zusammenlegen, in den Schränken und Schubladen versorgen. Den Garten pflegen, umgraben, neu säen, Unkraut jäten, Zweige zurückschneiden, Obst und Gemüse ernten, Obst und Gemüse säubern und verlesen, Obst und Gemüse einmachen, Rasen mähen, Mahd kompostieren, Laub rechen. Zur Arbeitsstelle fahren, ähnlich strukturierte Arbeitsabläufe erledigen, freundlich sein, auch wenn es der eigenen Empfindung widerspricht, der Kunde, Gast ist König.

Wir erklären den Kindern immer wieder gleiche Grundsätze, beim Essen nicht schmatzen, den Kopf nicht auf den Arm stützen, Hände waschen nicht vergessen, erklären geduldig die nicht verstandenen Matheaufgaben, widersetzen uns mehr recht als schlecht gegenüber dem Wunsch des Kindes, sich piercen zu lassen, versuchen auf Hinweis zu den noch anderen Mitbewohnern, Verständnis zu erringen, die Musik nicht zu laut aufzudrehen. Diskutieren mit Freunden und Partnern über scheinbar belanglose Themen, steht mir das blaue Kleid besser oder das gelbe mit rosa Blumenblüten, soll ich mir einen Bart stehen lassen, einigen uns nach längerer Debatte, den Urlaub doch lieber in Frankreich zu verbringen, um gleichzeitig den Kindern die Sprache näher zu bringen, lästern über einen als hervorragend angekündigten Film, der sich eher als einmaliges Einschlafmittel eignet, anstatt zu den Filmen zählt, die immer wieder sehenswert sind.

Hat uns mal die Leidenschaft für Fußballspiel gepackt, versuchen wir, falls wir körperlich dazu in der Lage sind, uns mit Spielern auf dem Platz zu treffen, um minutenlang dem Ball unser Geschick zu beweisen oder verpassen keine Übertragung unseres Lieblingsvereins, analysieren mit Freunden die verschiedensten Spielfehler oder bejubeln die Taktik eines Spielers. Sind wir begeisterte Stoffliebhaber, so ist vor uns kein Geschäft sicher, das Stoffe in unterschiedlichen Qualitäten anbietet, Accessoires werden zu Hause gehortet wie Knöpfe, Broschen, Bänder, Modehefte, liegen verstreut in der Wohnung, Gardinen sind selbstverständlich selbst genäht, Krawatten, Röcke, Kissen, Decken zieren nicht nur unseren Haushalt, sondern auch den ein oder anderen Beschenkten.

Wir sind Sisyphos! Wir erledigen unermüdlich mal mit großer Kraftanstrengung, mal mit spielerischer Leichtigkeit den Stein der Aufgaben auf einen Berg zu transportieren, über einen Hügel zu rollen, ihn auf einer Fläche rutschen zu lassen. Wir hadern dabei mit dem Schicksal, sind vertieft in die Aufgabe oder freuen uns über jeden kleinen Zentimeter, den der Stein seinem Ziel näherbringt.

Sisyphos, König von Korinth soll um 1400 v. Chr. gelebt und große Weisheit besessen haben. Mehrere ihm zugesprochene Taten sollen für den Totengott Thanatos den Ausschlag geliefert haben, Sisyphos als Strafe einen Felsblock auf den Gipfel eines Berges zu bringen, der ihm aber immer kurz vor dem Ziel entgleitet und Sisyphos infolgedessen immer dazu zwingt, den Felsbrocken aufs Neue zum Gipfel zu befördern.

Die Sisyphosarbeit als Qual und Strafe hat nicht nur in der Literatur Einzug gefunden, sondern auch im alltäglichen Gebrauch für Arbeiten, die trotz Anstrengungen nie zu Ende geführt werden.

Albert Camus hat in „Die Pest“ durch die beiden Schlußsätze „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ eine neue Interpretation geprägt, die Mitte des 20. Jahrhunderts zur intensiven Auseinandersetzungen zu diesem Thema geführt haben.

Die altindische Legende von Naranath Bhranthan schildet The Madman of Naranam als jemanden, der freudig den Felsblock auf einen Gipfel bringt und ihn absichtlich nach unten rollen läßt, damit er sich an dem Schauspiel erfreuen kann.

Wie immer wir unsere Aufgabenbewältigung sehen, ob als nie endenwollende Strafe, als sinnstiftende Tätigkeit oder als kindliche Beglückung eines physikalischen Gesetzes gleich bleibt, wir sind alle Sisyphos.

Doris Mock-Kamm

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s