An der Schwelle eines neuen Zeitalters


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Melindas Welt gerät aus den Fugen

Nichts verhielt sich jemals mehr wie es einst mal war. So zumindest empfand dies die vierzehnjährige Melinda, als sie durchs Treppenhaus lief, manchmal zwei, drei Stufen auf einmal, stolperte dabei einmal kurz, konnte aber noch rechtzeitig einen Sturz verhindern. Frau Huber aus dem zweiten Stockwerk schimpfte ihr fluchend nach, es sei doch noch Mittagsruhe. Aber dies interessierte die schwarzhaarige Jugendliche nicht im geringsten, sie war obendrein in Gedanken vertieft, zumal gestern ihre erste große Liebe einfach so, ausgerechnet gar per SMS Schluß gemacht hatte.

Amy hatte sie des nachmittags noch getröstet, weil Melinda heulend vor dem Schultor gekauert hatte, diese den Hausmeister harsch abwies, als jener nach ihrem Anliegen fragte. Sie möge Jens ganz schnell wieder vergessen, erklärte Amy, er sei es eh nicht wert gewesen, man munkle, er würde das bei anderen genauso gemacht haben, er sei sogar ein Aufreißer, der sich gern damit brüsken würde, mit wievielen Mädchen er schon gegangen sei. Seine Schulfreunde suchten in der Regel meist auch Rat bei ihm.

Schnell hatte sich am Ende Melinda von ihrer allerbesten Freundin beruhigen lassen, sie sah ein, daß es noch andere, viel interessantere Jungs gäbe. Kaum hatte sie die schwere Eichen-Eingangstür aufgestoßen, empfing die Jugendliche der übliche, laute Verkehrslärm. Zwei Autos bremsten scharf ab, beinahe kam es zu einem Unfall, der Vordermann brüllte aus dem offenen Fenster in Richtung des Fahrzeugs hinter ihm, danach rollte der Verkehr jedoch schnell wieder weiter.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite nahm Melinda plötzlich ihre Mutter wahr, die eigentlich auf Arbeit sein sollte, eine Putzstelle bei den Webers in der Galvanistraße. Doch ihre Mama schlenderte gemütlich in aller Seelenruhe Arm in Arm mit einem viel jüngeren Mann als sie selbst, tauschte verliebte Blicke mit diesem aus. Melindas Atem stockte für einige Augenblicke, ehe sie wutentbrannt zur Kreuzung rannte, da just für Fußgänger die Ampel auf Grün schaltete.

„Nanu, welch toller Mann an deiner Seite, Mama, möchtest du mich nicht vorstellen?“, rief sie von weitem den beiden zu, ziemlich keuchend aus der Puste geraten, da sie die letzten dreißig Meter ganz schnell gerannt war. Martina, so hieß ihre Mutter, schaute entsetzt ihrer Tochter entgegen und erwiderte ziemlich verlegen.

„Marc, darf ich dir meine ältere vorstellen, das ist Melinda. Mach dir nichts draus, sie ist mitten in der Pubertät.“ Kaum ausgesprochen, erhielt Martina einen vernichtenden Blick von ihrer Tochter.

„Aha, man sieht sofort, daß du Tinas Tochter bist“, bemerkte der große Dunkelblonde grinsend, „du gehst wohl noch zur Schule, in die achte Klasse, oder? Du sollst ganz gut in Mathe sein, wie mir deine Mutter erzählte?“

„Was geht den das was an, Mama?“, fragte Melinda ziemlich entrüstet ihre Mutter, wartete keine Antwort mehr ab, sondern kehrte einfach um, suchte schnell das Weite, viele Gedanken schwirrten der Jugendlichen durch den Kopf. Sie mußte an Papa denken, der gerade unterwegs war nach Rom, ein dringendes Geschäft erledigen, während ihre Mama einfach sich einen Lover gönnte! Obendrein einen solch jungen, sie schätzte ihn auf höchstens 35, also somit zehn Jahre jünger als Mutter. Wutentbrannt lief sie in die City, möglichst unter Leute, dachte sie, dann müsse sie sich mehr beherrschen.

Schlimm genug, daß seit drei Tagen inzwischen der fünfte Krieg im Nahen Osten ausgebrochen. Nachdem im Irak und in Syrien schon Kriege liefen, noch im Winter 2016 die USA meinten, sie müßten erneut Libyen bombardieren, war mitten im Frühling ebenso Ägypten involviert, folgten nunmehr im Hochsommer heftige Scharmützel zwischen der Türkei und dem Iran. Erdoğan wollte wohl unbedingt der Welt seinen Wahnsinn beweisen, wissend, daß im Notfall eine NATO ihn schützen würde. Das hatte die Russen erheblich verärgert.

Man spürte regelrecht die knisternd aggressive Spannung, die obendrein von den Systemmedien erst recht angeheizt wurde. Die Lobesbekundungen für die USA waren kaum mehr auszuhalten, zumindest für all jene, die noch einen Restverstand an politischer Kritik sich bewahrt hatten. Auch Melinda war sich zusammen mit ihren Schulfreudinnen- und Freunden einig, wie gefährlich die politische Lage eskalierte, die letzte Hoffung darin bestand, daß Putin weiterhin weise sich zurückhielt. Dies schien sich gerade zu erübrigen, zu heftig provozierte die Allianz der Aggressoren!

Welch komische Zeit, in der sie lebe, dachte Melinda, bemerkte hektisches Treiben in der Stadt. Weiter vorne rannte plötzlich eine Gruppe älterer Jugendliche aus einem Supermarkt, trugen solche billigen Batman-Masken. Schnell war ihr klar, daß sie einen Raub hinter sich hatten, da aufgeregt das Personal auf dem Bürgersteig erschien. Zu spät, die Diebesbande hatte sich gut vorbereitet, fuhr mit quitschenden Reifen in einem schwarzen Volvo davon.

Erschrocken fuhr Melinda herum, weil jemand auf ihre linke Schulter tippte. Es war Amy, die sie wortlos in den Arm nahm. Heulend schluchzte die Vierzehnjährige auf, erzählte ihrer besten Freundin von Mama und deren jüngeren Lover. Amy versuchte sie halbwegs zu trösten, lud sie ein, sie könnten doch eine Pizza essen gehen, dann käme sie wieder auf andere Gedanken. Melinda willigte kopfnickend ein.

Lotar Martin Kamm

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Eine Antwort zu An der Schwelle eines neuen Zeitalters

  1. Beat(e)s Welten schreibt:

    Wie gut, dass es noch Freunde gibt 🙂

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