Keine Spinnerei mit diesem Fitzelchen


flickr.com/ franziskas garten/ (CC BY-NC 2.0)

flickr.com/ franziskas garten/ (CC BY-NC 2.0)

Das Zünglein an der Waage

Manchmal fehlt ein Fitzelchen, um die Waage aus dem Gleichgewicht zu bringen. Beim Backen, Kochen, Einmachen ist es mitunter nicht sehr tragisch, wenn die Mengenangabe nicht hundertprozentig eingehalten wird. Allerdings kann es zu katastrophalen Folgen im medizinischen, chemischen Bereich führen, wenn mit einem Fitzelchen zu viel oder zu wenig dosiert wurde.

Sie wissen nicht mehr, was Fitzelchen bedeutet? Oder denken, es handle sich um ein winzig kleines Stück Papier? Der Ursprung kommt aus der Spinnerei, als noch in so manchem Haus ein Spinnrad oder und ein Webstuhl stand, um entweder als genereller Lebensunterhalt die Familie zu versorgen oder um für den Eigenbedarf die Wolle zu spinnen und zu weben. Fitze sind Garnfäden, die sich unentwirrbar ineinander verdreht haben. Fitzelchen ist ergo das letzte Stückchen, das übrig geblieben ist. Heutzutage ist das Wort fast aus unserem Sprachgebrauch verschwunden, in den Dialekten wird es aber immer noch gesprochen.

Auch wenn das Fitzelchen nicht mehr so häufig als Wort in Gebrauch ist, so ist dennoch das Fitzelchen immer mal wieder nicht da. Bei dem einen fehlt die Farbe, um das letzte Fitzelchen Wand damit zu bestreichen, dem anderen fehlt ein Fitzelchen Pfeffer in der Soße. Manchmal ist das Fitzelchen auch der letzte Funke, der überspringt, und Menschen geraten in Streit. Zurzeit scheint das letzte Fitzelchen überall gleichzeitig zu sein. Auf sämtlichen politischen, wirtschaftlichen, sozialen, religiösen Bereichen ist von dem Fitzelchen noch ein längeres Stück übrig, aber lange kann mit diesem Faden nicht mehr gesponnen werden, geschweige denn gewebt. Das Stück Stoff, das auf diesen Gebieten gewebt wurde, ist an manchen Stellen durchgewetzt, zerrissen, fleckig und porös.

Neue Strukturen, Modelle in humanen, ökologischen, ökonomischen, kulturellen Denkmustern weben an der Gestaltung in oben genannten Bereichen und haben inzwischen genügend Material für eine neue Form des gesellschaftlichen Miteinanders. Wohin schlußendlich diese neue Webart führen kann, wo und wie sie zustandekommt, wird davon abhängig sein, mit wie viel Vernunft und hoffentlich daraus resultierender friedlicher Kraft die Menschen bereit sind, eine andere Gemeinschaftsform zu tragen.

Bleiben wir wunderfitzig (neugierig), das Zünglein an der Waage, damit die Ausgewogenheit nicht aus dem Gleichgewicht gerät.

Ihre

Doris Mock-Kamm

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s