Chapeau – alle Achtung, vor dir zieh ich meinen Hut


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Respektables zur Schau stellen oder einfach nur ein Ritual?

Haben Sie heute schon einen Mann gesehen, der seinen Hut gezogen hat? Vielleicht haben Sie es auch gelesen, gehört. Männer sollen dem Trend verfallen sein, wieder ihren Kopf mit Hüten zu bedecken. Den weiblichen Mitmenschen hat man diesen Gruß des kurzen Hebens des Hutes nicht „aufgesetzt“. Die Männerwelt hat durch diese Handlung angezeigt, jemanden zu kennen, ihn dadurch zu grüßen, jemanden Respekt gezollt, indem man zuerst seine Kopfbedeckung lüftete. Erinnert Sie das auch an Wilhelm Tell von Friedrich Schiller?

Die Geschichte dürfte sicher jedem bekannt sein, Tell verweigert den Gruß zu dem Hut, der auf einer Stange steckt. Damit sein Sohn nicht mit ihm sterben muß, verlangt Landvogt Gessler, daß Tell vom Kopf seines Kindes einen Apfel trifft. Da er den zweiten Pfeil bereithielt, um Gessler zu töten, falls ihm der Schuß nicht gelungen wäre, wird Tell gefesselt und ins Gefängnis überführt. Wilhelm Tell kann sich befreien und erschießt Gessler in einer Hohlgasse.

„Was für ein alter Schmarrn!“, werden jetzt einige denken. Aber haben Sie selbst nicht heute durch ein leichtes Kopfnicken, ein kurz hingeworfenes Hallo jemanden begrüßt, ihm dadurch zu verstehen gegeben, daß Sie ihn erkannt haben, sich freuten, ihn zu sehen? Begrüßungsrituale gibt es in verschiedenen Formen, nach Land und Kultur sogar sehr unterschiedliche und teilweise unserer eigenen „Sitte“ widersprechend. Für oder vor jemanden seinen Hut ziehen, bedeutet, Respekt und Achtung vor dem anderen.

Können Sie sich vorstellen, wie kalt es den Männern in den unbeheizten Kirchen sein muß, wenn sie dort als Zeichen der Ehrerbietung ohne ihre Kopfbedeckung die Messe über sich ergehen lassen, wenn sie von der Natur nicht mehr mit einem Haupthaar ausgestattet sind? Wenn nun junge Menschen wieder „gut behütet“, was für eine schöne Aussage, durch unsere Straßen wandeln, bedeutet das, daß wir öffentlich sichtbar Respektbezeugungen zu sehen bekommen?

Wohl eher nicht. Zu fremd sind wir uns geworden, so daß wir wirklich nicht mehr wissen, wer uns da auf der Straße begegnet. Dieses Ritual bekommen wir nur dann zu Gesicht, wenn Gleichgesinnte, Freunde sich treffen. Und ob diese dann zu ihrer Begrüßung den Hut ziehen, bleibt dahingestellt, denn die Notwendigkeit, jemanden durch Kopf senken (Diener) oder in die leichte Hocke gehen (Knicks), haben wir, bis auf wenige Ausnahmen, aufgegeben. Dies bedeutet aber nicht, durch ein Hallo, Guten Tag, Guten Abend, Hey oder sonstige Begrüßungsformeln sei der Respekt verlorengegangen, er zeigt sich nur in anderer Form.

Solange die Hut tragenden Männer sich nicht anmaßen, Respekt gezollt zu bekommen, aufgrund ihrer Kopfbedeckung oder ihres vermeintlichen Standes in der Gesellschaft, dürfen wir uns getrost an diesem wieder belebten Kleidungsstück erfreuen.

Ihre

Doris Mock-Kamm

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