Interview mit Luzifer


flickr.com/ abstractartangel77/ (CC BY 2.0)

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Nach den vielen schrecklichen Geschehnissen der letzten Monate sah ich mich gezwungen, endlich den Drahtzieher hinter den Kulissen zur Rede zu stellen. Also versuchte ich, ein Interviewtermin bei Luzifer persönlich zu bekommen.

Natürlich war ich verblüfft, dass er mir tatsächlich eine Audienz gewährte. Aber wer weiß, vielleicht spekulierte er auch nur darauf, noch etwas mehr Publicity zu bekommen. Wäre zumindest typisch für solch einen Egomanen wie ihn! Beim Betreten des Raumes war ich recht aufgeregt. Mir schlug mein Herz bis zum Hals. Noch niemals war ein Vertreter der Presse beim Fürsten der Dunkelheit zu Gast gewesen. Und die wenigen Anekdoten von Menschen, die ihn persönlich zu Gesicht bekommen hatten, endeten nicht unbedingt mit einem Happy End.

Als ich mich endlich so weit beruhigt hatte, dass ich mich im Zimmer umsehen konnte, war ich über die Einrichtung sehr verwundert. Das Zimmer war sehr spartanisch eingerichtet. Es gab nur zwei Stühle, einen Tisch und eine Stehlampe. Die Wände waren unverputzt. Eine der Wände war mit einem sehr großen Fenster versehen, hinter dem ein wunderschöner Garten lag. Luzifer saß auf dem linken Stuhl und war in einen schwarzen, wallenden Mantel gehüllt. Die Kapuze war weit über den Kopf gezogen, so dass ich sein Gesicht nur schemenhaft erkennen konnte. Er hob den Arm und bot mir den anderen Stuhl an.

Ich setzte mich und zückte mein Aufnahmegerät. Dann begann ich: „Die Welt steht am Abgrund, wird es nicht langsam Zeit, dass Sie mit Ihren Spielchen aufhören?!“

„Spielchen?“, antwortete er trocken. Seine Stimme wurde lauter. „Nein, ich spiele niemals! Und dass die Welt am Abgrund steht, liegt allein an den Menschen selbst.“

„Wollen Sie damit sagen, Sie sprechen also nicht zu den Gewalttätigen und Selbstmordattentätern?“

Er lachte heißer: „Aber natürlich flüstere ich ihnen Worte zu. Worte, die sie hören möchten. Nur so kann eine neue Weltordnung entstehen.“

In mir begann Wut aufzusteigen. Ich war also wirklich an der richtigen Adresse.

„Dann hören Sie wenigstens damit auf, die Leute zu belügen!“

„Ich lüge nicht“, entgegnete er. Im gleichen Moment fiel ein Lichtstrahl vom Fenster herein und ermöglichte mir einen Moment, sein Gesicht zu sehen. Ein breites Grinsen spiegelte sich darin. „Nur manchmal, wisst ihr, benutze ich eine etwas bildhaftere Sprache. Sinngemäß basiert sie auf folgendem Inhalt: Folge meinem Weg, dann wird die Erde zu einem Paradies, und du wirst von allem Schmerz erlöst sein.“

Von wegen erlöst, dachte ich, und spürte wie die Wut größer wurde. Ich nahm mich zusammen. Gefühle waren im Moment fehl am Platz.

„Aber nicht nur den Extremisten flüstern Sie Worte zu. Immer mehr Menschen werden von Ihnen aufgesucht und indoktriniert – warum sonst sollten Misstrauen und Zwietracht so hell aufflammen wie noch nie zuvor?“

„Och, für dieses Verhalten der Leute muss ich nun wirklich nicht viel tun. Da brauch ich mich nur zurück zu lehnen und der Presse freie Hand zu lassen.“

Abrupt stand ich auf und schrie: „Das glaube ich nicht!“

Doch dann besann ich mich wieder. Ich wusste, dass es einige schwarze Schafe gab, die für eine gute Schlagzeile gerne einmal so das eine oder andere Detail aus ihrem Bericht heraus fallen ließen. Ich setzte mich wieder, atmete tief ein und aus und sagte: „Dennoch, Sie sind es, der die Menschen verführt, geben Sie es doch wenigstens zu!“

„Ich verführe niemanden! Die Menschen haben mich erschaffen, damit ich ihnen bei ihrem größten Problem helfe, das ist die einzige Prämisse meiner Existenz.“

Ich verschluckte mich und hustete: „Helfen???“

Luzifer nickte, ergriff dann mit beiden Händen die Kapuze und schob sie nach hinten. Mir stockte der Atem. Was würde er mir jetzt zeigen? Würde ich jetzt seine Hörner und sein abstoßendes Gesicht zu sehen bekommen? Aber ganz und gar nicht. Einen Moment setzte mein Herz aus. Was da zum Vorschein kam, war ein wunderschönes, filigranes Gesicht, das einen matt silbernen Glanz ausstrahlte.

„Als der Mensch begriffen hatte, dass er Gott nicht gleich ist“, erklärte er leise, „begann immer mehr Ärger in ihm hochzukommen. Er fühlte sich hilflos und ohnmächtig. Mit der Zeit vergaß er langsam auch immer mehr, dass er trotz aller Verschiedenheit zu Gott dennoch unglaublich viel Macht besaß. Und dies entfachte leider in ihm dann zudem das Feuer einer zerstörerischen Wut, deren einziges Ziel es war und ist, die göttliche Vollkommenheit zu vernichten. Aber zum Glück war da noch mehr: Gleichzeitig spürte der Mensch eine tiefe Reue für seine Taten. Er wußte, dass er sich selbst aufhalten musste. Nur wie sollte er das bewerkstelligen?

So erzeugten schließlich einige aus ihrem Schuldgefühl heraus Krankheiten in ihrem Körper, andere verdrängten die Weisheit, die in ihrem Herzen verborgen lag und suchten in der Wissenschaft nach neuem Heil. Und so mancher Mensch versuchte, sich schließlich als hilfloses Opfer darzustellen. Doch dies alles brachte die zerstörerische Wut im Menschen nicht zum Verschwinden. Ganz im Gegenteil. Und so erschufen seine Gedanken mich, damit ich eine Lösung für sein Dilemma finden sollte.“

Ich schloss einen Moment meine Augen. Von Luzifers betörender Ausstrahlung hatte ich ja schon einiges gehört und ich muss zugeben, dieser Engel, der da neben mir saß, war wirklich nicht ohne. Es dauerte wohl einige Sekunden, vielleicht auch Minuten, bis ich mich wieder gefangen hatte. Dennoch hielt ich sicherheitshalber die Augen geschlossen.

„Aber Sie sind es doch“, flüsterte ich, „der die Sehnsucht der Menschen nach Macht anstachelt und sie dazu bringt, noch mehr Zerstörung über die Erde zu bringen.“

„Das kommt alles nur auf die Perspektive an…“

Ich unterbrach ihn abrupt: „Aber Sie zerstören doch mit den Aktionen alles – auch Gottes Schöpfung, die Sie angeblich erhalten möchten!“

Er räusperte sich und schwieg einen Moment.

„Das mag vielleicht auf den ersten Blick so aussehen. Aber die Dosis macht erst das Gift. Ein völlig heruntergekommenes Haus muss ja auch erst entkernt werden, bevor man sich an die Sanierung macht. Da kann es durchaus mal zu Kollateralschäden kommen, aber am Ende steht dann doch das Heilwerden.“

„Heilung?“, hustete ich abermals.

„Natürlich. Mein einziges Bestreben ist es, die Natur und den Planeten zu erhalten. Und das geht nur, wenn der Mensch endgültig von der Erde verschwindet.“

„Nein, Ihre wahre Intension ist es, den wenigen, die auf Sie hören, zur Macht zu verhelfen, damit diese die anderen Menschen unterdrücken können!“

Ich hatte die Augen wieder geöffnet und klammerte mich voller Verzweiflung an die Wut in meinem Bauch. Sie sollte mich vor den Versuchungen Luzifers schützen. Allem Anschein nach probierte er an mir auch einen seiner Tricks, um mich auf seine Seite zu ziehen. Aber das würde ich nicht zulassen.

„Es scheint nur so, als ob ich diesen Fieslingen helfen würde.“

Ich spürte seinen Blick. Er ging mir unter die Haut. Dennoch gelang es mir, mit aller Kraft ihm nicht ins Gesicht zu sehen.

„Denkt doch mal nach! Ein Mensch, der nichts anderes im Kopf hat als Geld und Misstrauen, wird nach seinem Sieg doch wohl niemals plötzlich seinen Mitstreitern vertrauen. Nein, wenn sie alle Kleinbürger vernichtet haben, geht es dann in einem weiteren Kleinkrieg weiter. Und falls dann doch ein Sieger übrig bleiben sollte, wird er allein nicht mehr fähig sein, zu überleben!“

Was er da sagte, brachte mein Herz noch stärker in Wallung. Am liebsten wäre ich aufgestanden und hinaus geeilt. Mir zitterten aber so die Knie, dass ich nicht in der Lage war, mich zu erheben. Ich wußte nicht, ob aus Angst oder aus Wut. In Gedanken schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel und antwortete Luzifer.

„Zumindest hätten Sie dann den ganzen Planeten für sich, dann wären Sie König und Gott zugleich!“

„Nein – nein“, antwortete er gedehnt und seine Stimme bekam von Satz zu Satz eine größere Leichtigkeit. „Wenn der Mensch verschwunden ist, werde auch ich mich auflösen. Denn ich existiere ja nur, weil die Gedanken der Menschen mich hervorgebracht und in all den Jahrtausenden ernährt haben.“

Der ganze Raum begann mit einem Mal heller zu werden. Ich konnte die geballte Kraft eines Engels spüren. „Und ich freue mich unglaublich auf diesen Moment. Denn dann bin ich endlich aus der langen Zeit in Gefangenschaft befreit. Dann bin ich für immer frei, und die Erde wird wieder das Paradies von einst sein.“

© Andrea Dejon

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