Der Lack ist ab – wieso wir nicht alles wegschmeißen


flickr.com/ slightly everything/ (CC BY 2.0)

flickr.com/ slightly everything/ (CC BY 2.0)

Wenn der Schein trügt

Als gewissenhafte Hausfrau oder Hausmann werden Sie sicher dafür Sorge tragen, Ihre auf Vorrat gekauften oder selbst hergestellten Lebensmittel immer mal wieder zu überprüfen, ob das Haltbarkeitsdatum noch nicht abgelaufen ist. Einiges werden Sie vielleicht doch noch verspeisen können, obwohl das Datum Ihnen zeigt, es ist nicht mehr zum Verzehr geeignet.

Das Wort Haltbarkeit benützen wir aber zunehmend auch für die täglich zum Gebrauch benötigten Utensilien, sowie für Kleidung, Möbel, Haushaltsgeräte, oder? Deren Haltbarkeit ist, vieles spricht dafür, absichtlich auf wenige Monate begrenzt. Nicht nur von der herstellenden Industrie, denn die Maschinen in den Fabriken müssen immer laufen, sondern auch durch die Verbraucher selber, animiert durch Werbung, aber auch durch den Drang Neues zu besitzen.

Vielleicht gehören zu Ihrem Haushalt noch die ein oder anderen Erbstücke, die Kommode von den Großeltern, das Hochzeitskleid der Mutter, altes Tafelsilber oder schön gerahmte Bilder, Bücher, ein alter Teppich, erstanden auf dem Flohmarkt, Familienschmuck oder was auch immer als erhaltenswert eingestuft wurde und somit Ihren Haushalt bereichern. Ansonsten sind Ihre Besitztümer neueren Datums und werden von Zeit zu Zeit ersetzt, Kaffee-, Wasch- oder Spülmaschine, Herd, Kinder-, Wohn- oder Schlafzimmereinrichtung werden heutzutage aus den unterschiedlichsten Gründen gerne und öfter ausgewechselt als noch zu Großmutters Zeiten.

Man ist, wie heißt es so schön, up to date. Dazu gehört auch der ständige Wechsel der Bekleidung, nicht nach Sommer- oder Winterkleidung, sondern nach Modewellen, am besten monatlich, denn die Form, Farbe und sogar die Materialien verändern sich in rasender Geschwindigkeit, da will doch keiner hinten anstehen und sich die Möglichkeit nehmen lassen, sich damit zu zeigen.

Wer trägt schon gerne reparierte Sachen, wenn die Reparatur manchmal das Doppelte und mehr kosten kann als ein Neukauf, wenn das neueste Modell einer Waschmaschine, Synonym für andere Haushaltsgeräte, weniger kostet als ein Kostenvoranschlag mit anschließender Reparatur? Wer strickt, häkelt, schneidert Kleidung oder Kissen, Decken, Vorhänge, wenn die Materialien schon ein dreifaches an Kosten verursachen und die Arbeitszeit nicht angerechnet wird, außer Menschen mit Vorliebe für gewisse Hobbys? Das gleiche gilt auch für Holz- und Metallarbeiten und nicht zu vergessen, die zur Herstellung mancher Gegenstände benötigte Fläche.

Scheint fast so, als wären wir verdammt dazu, die Maschinen in den Fabriken laufen zu lassen. Scheint fast so, als wären wir verdammt, den dadurch produzierten Müll anzuhäufen. Scheint fast so, als wären wir verdammt, keinen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden.

Scheint fast so. Aber der Schein kann trügen, wenn er zu strahlend auf eine Fläche trifft, oder das glänzende Material abgekratzt wird. Was wir darunter zu erkennen vermögen, mag der wirkliche Schatz, unser aller Leben sein.

Vielleicht sind Sie dankbar, den Küchentisch oder die Schrankwand nicht längst vernichtet zu haben, wenn Ihre Kinder schon lange ausgezogen sind, aber Sie die Spuren ihrer einstigen Anwandlungen Kratzer auf etlichen Möbeln hinterlassen, eine Erinnerung und mehr wert sind als alles „glänzend Neue“.

Ihre

Doris Mock-Kamm

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kolumne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s