Kurztrip in die weite Welt mit ernüchternden Folgen


flickr.com/ Ken_Mayer/ (CC BY 2.0)

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Verfehlte Suche nach Ruhe und Einsamkeit

Langsam ziehst du dich zurück, magst die Glotze ohnehin schon seit Jahren nicht mehr einschalten, zumal dort sowieso stets derselbe Mist von Trash-TV-Sendungen den Verbraucher verblöden, neben der ständigen Werbung, die einem den letzten Nerv raubt. So gänzlich entziehen jener Dauerberieselung, vermagst du dich dennoch nicht. Die Fortsetzung folgt bei Freunden, Bekannten und Verwandten, draußen in der Öffentlichkeit, in Geschäften.

Und nun, was tun? Abschalten vom Run der Superlative, des Konsums, einfach aussteigen, dies deine Zielrichtung. Einfach die nötige Motivation finden, mag noch angehen, nur das nötige Kleingeld fehlt, um das Land zu verlassen. Oder gibt es etwa hier die Möglichkeit eines Ausstieges? Mitnichten, es sei denn, man begebe sich an äußerst einsame Orte, mitten in Wälder, in die Berge oder in Sumpflandschaften, die Heide, an längst verlassene Gegenden, die kaum eine Seele beflügeln, dort zu verweilen. Die paar Menschen, die dennoch dort leben, beäugen allerdings jeden Fremden akribisch. So wird daraus nichts.

Du schaffst es, irgendwie nach einem dir ewiglang vorkommenden Zeitraum genug anszusparen, um endlich im Last-Minute-Flieger zu sitzen in Richtung Aussteiger-Einöde, Ziel ein warmer Ort, auf der östlichsten größeren Insel Hispaniola in der Karibik, dort die Dominikanische Republik, die jährlich von vier Millionen Touristen aufgesucht wird. Komisch, oder? Zumal auf der relativ kleinen Fläche, die mal gerade etwas größer als das Bundesland Niedersachsen ist, wo aber rund an die drei Millionen mehr Menschen leben. Ganz einfach, du willst ja nicht in die Tourismuszentren, das ersparst du dir lieber, dich reizt viele eher das Gebirge, die dortige Ruhe, Wärme garantiert vorhanden.

Mit der Sprache hapert es manchmal, deine dürftigen Spanischkenntnisse reichen kaum, manchmal kannst du dich auch per Französisch verständigen, bei der Ankunft gar auf Englisch. Eher unwichtig, die weitere Kommunikation, weil du ja Menschen vermeiden willst. Endlich hast du dir eine Hütte im Wald notdürftig gebaut, lebst mit den Tieren, genießt die Ruhe, nur einmal klopft spät abends ein einheimischer Wanderer an deine Türe, fragt neugierig, ob es dir gut ergehe, um danach seiner Wege zu ziehen.

Doch die Rechnung geht nicht auf, ein paar Tage später bebt die Erde, schwere Fahrzeuge hörst du nur wenige Meter weiter entlangfahren, Stimmengewirr, Motorsägen heulen auf, Bäume fallen krachend auf den feuchten Boden, des nachts zuvor war Regen gefallen. Vorbei die Idylle, du hast wohl die Infos in der Regionalzeitung nicht gelesen, die dich sowieso nicht taxiert. In zehn Minuten ist dein Rucksack gepackt, begibst du dich auf den Weg, zurück in die Zivilisation Europas, enttäuscht über die viel zu kurze Zeit. Was erwartet dich daheim? Hektik, Streß, Lärm, unendliche Fragen deiner Bekannten und Verwandten, paar Freunde hattest du vorher eingeweiht. War’s das wert?

Ihr

Lotar Martin Kamm

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Eine Antwort zu Kurztrip in die weite Welt mit ernüchternden Folgen

  1. cource schreibt:

    The lie we live

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