Pazifisten in der Zwickmühle


flickr.com/ msdonnalee/ (CC BY 2.0)

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Kann man für Frieden kämpfen?

Sie hat sicher schon zigmal hintereinander auf die Küchenuhr gesehen, ihre Tochter müßte schon längst aus der Schule zurück sein. Das Essen auf dem Tisch ist schon erkaltet, sie kommt sonst immer pünktlich. Die Türglocke klingelte.

„Wo bleibst du…?“ Sie wurde mit einer körperlichen Wucht ihrer Tochter, die sie nicht für möglich gehalten hatte, zur Seite gedrängt und sah fassungslos wie Sarah den Schulranzen an die Dielenwand schmiß, die Treppe raufstürzte und hörte die Kinderzimmertür zuknallen, als ob ein Auto gegen eine Mauer fuhr. Aus der Starre erwacht, die sie überkommen hatte, ging sie langsam nach oben zu ihrer Tochter ins Zimmer.

Sarah lag quer auf ihrem Bett, traktierte mit ihren Fäusten das Kopfkissen und heulte. Es verging einige Zeit, bis sie es schaffte, ihre Tochter einigermaßen zu beruhigen, ihre linke Wange war leicht angeschwollen und gerötet, ihr Haar zerzaust. Nun saßen beide am Küchentisch. Sarah hatte sich mit ihrer Freundin geprügelt, wobei wohl beide Blessuren davon getragen haben, laut der Schilderung ihrer Tochter.

„Also, ihr habt heute in der Schule über den Krieg in Syrien gesprochen?“

„Ja, und daß Deutschland in den Krieg zieht, die meisten aus der Klasse fanden das blöd. Auch Lena und ich.“

„Aber da seid ihr doch einer Meinung gewesen, warum habt ihr euch denn gestritten?“

„Lena sagte, ein Pazifist muß auch für den Frieden kämpfen. Da hab ich gesagt, ein Pazifist darf nicht kämpfen, sonst ist er kein Pazifist.“

„Woher wißt ihr denn, was ein Pazifist ist? Habt ihr das in der Schule besprochen?“

„Frau Sommer hat gesagt, ein Pazifist ist ein Mensch, der sich für Frieden einsetzt und Krieg ablehnt.“

„Das stimmt!“

„Lena meinte, kein Mensch würde nichts tun, wenn jemand ihn bedroht, also muß der Pazifist auch kämpfen und sich wehren. Da hab ich gesagt, man kann doch auch miteinander reden, sie hat gesagt, ihre Eltern hätten gesagt, man darf sich nicht alles gefallen lassen, und wenn keiner da ist, der hilft, soll ich mich wehren. Da hab ich gesagt, du kannst ja auch weglaufen. Da hat sie gesagt, ich sei feige und selbst schuld, wenn mich einer mal verhaut.“

„Ja, also, man darf sich schon nicht alles gefallen lassen, es muß aber nicht…“

„Ich bin nicht feige, ich will mich nur nicht verkloppen lassen, hab ich ihr gesagt. Dann hat sie gemeint, wir sollten es doch mal ausprobieren.“

„Was ausprobieren?“

„Na, das mit dem Pazifist und nicht wehren! Okay, hab ich gesagt. Lena hat mir daraufhin eine Ohrfeige gegeben und gemeint, ich darf mich nicht wehren, wenn ich wirklich Pazifist wäre. Hab ich auch nicht, aber dann hat sie an meinen Haaren gezogen und nicht losgelassen, ich hab ihr dann gegen das Schienbein getreten und ihr in den Bauch geboxt, sie hat geschrien, ich hab sowieso gewonnen, du Lügnerin, Pazifisten schlagen nicht.“

Das Telephon klingelte.

„Wart mal, laß den kalten Umschlag noch auf der Wange.“

„Ja? Ah, du bist’s, ja, wir reden gerade. Was, Verdacht auf Kieferbruch? Sarah ist auch ziemlich lädiert, aber so schlimm ist es nicht. Es tut mir leid. Was? Lena ist stolz auf ihr blaues Auge, sie hätte gewonnen, sagt sie. Ja, denke auch, wir sollten uns mal alle zusammensetzen…“

Ihre

Doris Mock-Kamm

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3 Antworten zu Pazifisten in der Zwickmühle

  1. Hansolo schreibt:

    …und euch den Film „Gandhi“ ansehen.

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  2. Harry schreibt:

    Liebe Doris,

    eine wunderbare Geschichte, die sich ganz vorzüglich zum Nachdenken, zum Abwägen und zum Prüfen eignet, um der Wahrheit – und somit auch der Lösung des Problems – auf die Spur zu kommen.
    Ohne jeglichen Zweifel ist richtig, was Frau Sommer sagt: „Ein Pazifist ist ein Mensch, der sich für Frieden einsetzt und Krieg ablehnt.“
    Aber wie steht es mit dem Denken (und dem daraus sich ergeben habenden Handeln) von Sarah und Lena? Meiner Ansicht nach liegen beide sowohl richtig als auch falsch. Doch bevor ich mich dazu näher äußere, würde mich interessieren, zu welchem Ergebnis Sie gekommen sind, nachdem Sie sich „zusammengesetzt“ haben.

    LG, Harry

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    • Doris Mock-Kamm schreibt:

      Sehr geehrter Harry,

      wahrscheinlich würden die Eltern von Sarah und Lena bei dem Gespräch auf das gleiche Ergebnis wie Sie kommen, außer jemand würde die Frage nach der Richtigkeit mit einem Machtwort beenden, was dem Durchschlagen des Gordischen Knotens gleichkäme.
      Krieg fängt in den Köpfen an und ist oft das Resultat von Ohnmacht, zudem gaukelt eine schnelle Beendigung eines Disputes ein Ergebnis vor, leider recht häufig eine kurzzeitige Illusion.

      Mit freundlichen Grüßen

      Doris Mock-Kamm

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