Kristalle – Teil 2


flickr.com/ Mister Mastro/ (CC BY 2.0)

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Auch bei diesen blauen Quadraten schienen alle völlig ungebraucht zu sein, da fiel ihm ein, daß einige zurückgefallen waren, als er diese heraushob. So legte er vorsichtig die in seinen Händen liegenden Stücke zu den anderen, die neben der Tonne lagen. Gezielt versuchte er, die Stücke mit den Fingern aus der Masse zu fischen, von denen er überzeugt war, sie herunterfallen gesehen zu haben, was nicht einfach war, und als er einige nun in der Hand hielt, zeigten diese auch keine Gebrauchsspuren. Er griff wieder und wieder in die Tonne, ließ auch absichtlich welche fallen, um dann, nachdem der Haufen neben der Tonne schon stattlich angewachsen war, die blauen Quadrate mit Wucht gegen die anderen zu schleudern, aber sie blieben ohne Kratzer und keine Ecke splitterte ab.

Inzwischen lagen in etwa der Inhalt einer Plastiktüte an quadratischen Glasstücken neben der Tonne, und gerade als er sich vornahm, darauf zu hüpfen, um bei den Stückchen Kratzer und Risse durch seinen Sprung zu hinterlassen, bemerkte er weiße, etwa halb so große Glasstückchen in dem Haufen. ‘Unglaublich’, dachte er und widerstand dem Drang, auf die Glasquadrate zu springen, stattdessen beugte er sich wieder über die Mülltonne, um nachzuprüfen, ob da noch mehr von den weißen Quadraten unter den blauen liegen, als er leicht das Übergewicht verlor, und in dem Moment wußte er, hier komm ich nicht mehr alleine raus. Also zappelte er mit den in der Luft schwebenden Beinen, versuchte mit den Armen sich abzustützen, um seinen Füßen wieder Halt zu geben, als er eine dröhnende stumpfe Stimme hörte: „Was treiben Sie denn da? Jetzt wird schon am hellen Tag aus den Mülltonnen geklaut!“

Und er spürte, wie ihn eine kräftige Hand an den Schultern packte, die andere Hand seinen Kopf Richtung Hals drückte, ihn rauszog und er blitzschnell von seinem Helfer umgedreht wurde, so daß er in die funkelnden auf Kampf lauernden Augen seines Nachbarn sah, der ihn musterte wie einen Aussätzigen.

„Na so was, was treibt Sie denn an, in fremden Mülltonnen zu wühlen?“, stieß Herr Bangrad laut schnaufend aus.

„Die blauen Glasstücke, sehen Sie, die, die da liegen neben der Tonne, unkaputtbar, makellos.“

Und er trampelte und hüpfte auf seinen aus der Tonne geklaubten Glasstückchen auf und ab.

„Da sind noch mehr und weiße, kleinere auch, und sie sind neu, ich habe sie gefunden“, dabei wirbelte er mit seinen Armen auf und nieder wie ein Hampelmann.

„Friedhelm, was ist denn das für ein Lärm, warum schreist du so?“

„Emma, komm her und bring eine Schaufel, nein, eine Schöpfkelle, ach was, einen Eimer, Emma, hast du gehört?“, schrie Herr Bangrad seiner Frau zu.

Während er wie an einem Gummiband hängend immer noch auf den blauen Glasquadraten auf und ab sprang, inspizierte Herr Bangrad den Inhalt der Tonne und fuchtelte seiner herbeieilenden Frau entgegen, sich zu beeilen: „Emma, das mußt du gesehen haben, schau mal, lauter Glasstückchen, gib mir mal den Eimer, damit ich sie aus der Tonne holen kann!“

Emma war nicht nur mit einer Suppenschöpfkelle, einem Eimer und einem Kochtopf gekommen, sondern hatte auch einen Besen unter dem Arm geklemmt, den sie jetzt wie einen Speer auf den immer noch Hüpfenden hielt, bis sie ihren Nachbarn erkannte. Inzwischen hatte ihr Mann schon fieberhaft etliche Eimer Glasstückchen aus der Tonne gefischt und forderte, „nun hören Sie endlich auf zu springen, helfen Sie mir lieber, die Tonne umzustoßen, damit wir alle Glasstückchen einsammeln können!“ Gemeinsam wuchteten sie die Tonne in die Schräglage, und mit Hilfe des Besenstiels konnten sie die Tonne vornüber kippen, so daß die Glasstückchen auf den Boden prasselten. Alle drei jubelten auf.

Vor ihnen lagen aus sämtlichen geometrischen Formen Glasstückchen aller nur möglicher Farbmischungen. Da der Haufen zu groß war, um an die obersten Glasstückchen zu kommen, kletterten sie auf den rutschenden Stückchen nach oben, gelangten aber nicht an die Spitze, weil sie immer kurz davor in die Masse der Glasstückchen abglitten. Emma, die unbedingt die gelben dreieckigen Glasstückchen wollte, wurde immer verzweifelter, weil die beiden Jungs sich mit Hechtsprüngen gegen den Haufen warfen und sich anschließend ihre Beutestücke zeigten, um festzustellen, wer die meisten greifen konnte, ehe er wieder vom Haufen abrutschte. Hanna stand plötzlich hinter Emma und bemerkte: „Wenn du mir welche abgibst, darfst du auch mit meinem neuen Roller fahren!“

Worauf Emma heftigst den Kopf schüttelte, aber anhand der Übermacht der auf dem Haufen springenden und rutschenden Jungs, nickte sie schließlich in einem hoheitsvollen Gesichtausdruck zu Hanna: „Na gut, aber du kriegst nur die blauen!“ So waren die Vier eifrig beschäftigt, möglicht viele der Glasstückchen in ihren Besitz zu nehmen, als eine hohe Frauenstimme ihre Bemühungen unterbrach: “Ludwig, Ludwig!“

Emma, Hanna und Friedhelm starrten sofort auf ihn, der gerade seinen Erfolg mit hochgestreckten Armen ausrufen wollte, weil er dem höchsten Punkt näher gekommen war als Friedhelm. Wie vom Blitz getroffen sackte er in sich zusammen und kullerte seitwärts den Glashügel hinunter, steckte, nein, presste mit aller Kraft die vom Hügel geklaubten Stücke in seine Socken und zeigte mit dem rechten Zeigefinger in Richtung des Rufens, und den linken Zeigefinger legte er auf seine Lippen und verschwand gekrümmt laufend unter dem Gewicht der vollgestopften Kleidungstaschen und Socken, so schnell es in diesem Zustand ging, in die entgegengesetzte Richtung der jetzt dringender und schriller klingenden Stimme: „Ludwig, komm sofort nach Hause!“

Als er den Schlüssel gerade ins Schlüsselloch stecken wollte, meinte er, die Stimme seiner Mutter zu hören, die wieder nach ihm rief. Verdutzt drehte er sich um, ging sogar Richtung Straße zurück, die durch die Gartenhecke ein bißchen verdeckt war und harrte ein Weilchen, schaute sogar die parkenden Autos genau an. Aber nein, kein Auto glich dem seiner Eltern, kopfschüttelnd ging er zur Haustüre zurück, als er wieder seine Mutter rufen hörte, diesmal lauter, deutlicher. Ist sie hinter dem Haus im Garten und warum? Er ging auf das Gartentörchen zu, um zu überprüfen, ob sie wie es sein sollte, verschlossen war. Erstaunt öffnete er die kleine Holztüre, die er und seine Frau während ihres Urlaubs vor zwei Jahren vor dem Müllschredder gerettet hatten und jetzt umrahmt von wilden Rosen und Efeu den Zugang seitens der Straße zu ihrem Garten ermöglichte, und plötzlich spürte er Wasser um sich herum und über ihm, er tauchte.

Und er tauchte auf, schnappte nach Luft und sah seiner Frau direkt in die Augen, die über ihn gebückt mit verzerrtem Gesicht und mit einem Eimer in der Hand fuchtelnd ihn anschrie: „Ich hab dir von Anfang an gesagt, daß eine Vollglashaustüre Schwachsinn ist!“

Doris Mock-Kamm

Kristalle – Teil 1

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