Kristalle – Teil 1


flickr.com/ Mister Mastro/ (CC BY 2.0)

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Er bückte sich lächelnd nach dem glänzenden Stück Glas, das aussah wie ein schiefes Sechseck und meinte, seine Frau zu hören, wie sie ausruft: Schau, was ich gefunden habe, ist das nicht schön? Das Glas fühlte sich in seiner Hand weich und glatt, fast samtig an, es war auf der einen Seite leicht matt und durchdrungen von einem zarten Gelbton. Er blinzelte durch das Glas in die Umgebung und ging schnelleren Schrittes voran, damit er noch rechtzeitig seinen Bus zur Arbeit erreichen konnte.

Das milchig zarte Gelb reflektierte die aufkommende Helligkeit der Morgensonne, und er sehnte sich zurück, ja wohin? In sein warmes Bett, das er heute morgen verlassen hatte, um pünktlich zu seiner Arbeitsstelle zu kommen, zum kumpelhaften Gespräch mit seinem Freund Walter, der ihn durch seine direkte und spitzbübische Art gleichzeitig zum Lachen, Nachdenken bringen konnte, an den himmlischen Augenblick, als seine erste Tochter brabbelnd auf ihn zu schlingerte, er sie auf den Arm nahm und sie glucksend Bapa rief.

Da liegt ja noch ein Stück Glas, rosa, es ist eingedrückt in der Erde, ganz verkrustet, und hier fehlt eine Ecke, abgebrochen, abgeschabt, abgesplittert, ähnelt einem geschliffenen Diamanten, wenn die eine Seite nicht glatt abgerieben wäre. Beim Durchsehen teilt sich die Welt in einzelne Facetten, ähnlich der Bienenwaben, wie hieß das Rohr doch nochmal, durch das ich stundenlang hindurchsah und mich nie satt sehen konnte? Kaleidoskop. Kaleidoskop, ein Geschenk von Onkel Hubert, der sein Geld auf Jahrmärkten verdiente und alles kaufte und verkaufte, das ihm sein unstetes Leben ermöglichte. Oma sagte, alles nur Firlefanz.

Und grämte sich über ihren Sohn, den sie abgöttisch liebte, und Vater sagte einmal, das schlimmste, das Hubert in seinem Leben angestellt habe, sei, daß er erwachsen geworden sei und nicht mehr von Oma wie ein Baby geknuddelt werden konnte, darüber sei sie gram. Wir nannten ihn heimlich Onkel Firlefanz. Wie alt war ich, als sich meine Welt in bunte Lichtfetzen aufteilen ließ? Fünf, sechs, sieben; denn meine Klassenkameraden beneideten mich um meine Weltsicht, und Siggi bot mir auf ewig sein Pausenbrot an, wenn ich ihm das Kaleidoskop schenken würde.

Er blickte abwechselnd mit dem rechten und linken Auge blinzend durch das rosa Kristall, als er sich bewußt wurde, daß er jetzt wohl den Bus verpaßt hatte. Aber nein, da fuhr er gerade um die Ecke, jetzt hieß es, Beine in die Hand und spurten. Irgendwie fühlten sich seine Beine wie Gummi an, und es kam ihm so vor, als ob die Beine im Morast versinken würden, er sie mit äußerster Kraftanstrengung befreien mußte, wobei er das Gleichgewicht verlor und schweratmend hinfiel. Wütend schlug er mit der Faust auf den Boden, der sich kalt und hart anfühlte, schlug nochmal und nochmal, und er fühlte Eis, glattes Eis, poliertes Eis, mühsam geglättet durch seine flinken Bewegungen mit den Handschuhen, die seine Hände den Winter über schützen sollten, aber nach der Politur der Eisfläche, die er sich abgesteckt hatte mit seinem Schal an einem Ende und am anderen Ende mit seinem vollgeschnupften Taschentuch, waren die Innenflächen der Handschuhe aufgeschrubbt.

Die letzten Zentimeter der abgesteckten Fläche rubbelte er mit den bloßen Händen, die vor Kälte steif und rot wurden, deshalb schob er abwechselnd die linke oder die rechte Hand unter seine Achseln, um sie zu wärmen. Sein ganzer Körper war schweißnaß, seine Jacke schon längst geöffnet und trotz der eisigen Kälte war ihm unangenehm warm, nur die Vorfreude auf die Rutschpartie, die ihm bevorstand, beflügelte ihn, nicht aufzuhören, bis er endlich an dem verschnupften Taschentuch angelangt war. Stolz richtete er sich auf, nahm das Taschentuch, das fast steifgefroren war, schnäuzte hinein und befreite auf den Knien rutschend die Eisstrecke mit dem Tuch von kleinen Eisstückchen.

Beim Schal angekommen wirkte die Strecke viel zu klein, obwohl er gewissenhaft zwanzig Schritte abgemessen hatte, also schritt er steif wie ein General bei der Truppeninspektion die Eisbahn ab und siehe da, es waren nur neunzehn Schritte, das empfand er ungeheuerlich und stolzierte die Strecke nochmal ab, bis er merkte, daß sie wieder nicht zwanzig Schritte lang sein würde. Also rannte er über die Strecke hinaus, rief zwanzig und war glücklich. Kurz verschnaufend, die Eisbahn skeptisch beäugend, nahm er Anlauf und schmiß sich wie zum Hechtsprung ins Wasser mit dem Bauch auf die Bahn und rutschte ungefähr ein Drittel der Strecke.

Er rutschte wieder und wieder, bis sein Bruder Sepp vor ihm stand und sagte: „Verdammt, du machst ja das Glas kaputt, wenn du es nicht haben möchtest, dann gib es mir!“
Er starrte seinen Bruder fassungslos und vollkommen aus der Puste an und schrie: „Was willst du denn mit diesem grünen Glas anfangen, sowieso hab ich es gefunden!“, und er streichelte das runde Stück Glas, in dem in der Mitte ein Kreis ausgeschnitten war. Er lugte durch dieses kleine Loch zu seinem Bruder und wollte ihm die Zunge rausstrecken, aber sein Bruder hatte sich schon umgedreht und war weitergegangen. Während er noch durch das kreisrunde Loch in dem Glas seinem Bruder hinterher sah, vernahm er eine freundliche Frauenstimme: „Junger Mann, soll ich Ihnen aufhelfen, haben Sie sich verletzt?“

Erschrocken merkte er, daß er bäuchlings auf dem Boden lag und eine ältere Dame sich sorgenvoll zu ihm herunterbückte.
„Nein, ich denke, es ist alles in Ordnung, ich, ich bin gestolpert, ausgerutscht, das Eis, ich meine der Bus, ich wollte meinen Bus erreichen“, stotterte er und stand etwas unbeholfen auf.
„Na, dann haben Sie aber Glück gehabt, ich dachte schon, Sie hätten sich an dem Glas geschnitten“, mit diesen Worten verabschiedete sich die ältere Frau, nicht ohne vorher ihn von oben bis unten gemustert zu haben. Ihren Augen folgend, registrierte er, daß sein Anzug komplett verdreckt war, und als er den Schmutz abklopfen wollte bemerkte er die grüne Glasscheibe mit dem kreisrunden Loch in der Mitte, die er immer noch festhielt.

‘Meins’, dachte er und grinste, weil er etwas besaß, das sein Bruder nicht hatte und erinnerte sich, Sepp schon seit mindestens einem halben Jahr nicht gesehen zu haben, sie telephonierten in losen Abständen miteinander, und jetzt fiel ihm auf, er war erwachsen, hatte drei Kinder, die bis auf den Jüngsten zu Hause ausgezogen waren. Verwirrt legte er die grüne Glasscheibe auf den Boden, um sich zu säubern und in dem Bewußtsein, so verschmutzt war es besser, wieder nach Hause zu gehen. Nach ein paar Schritten drehte er sich um, weil ihm einfiel, daß er die grüne Glasscheibe nicht mitgenommen hatte, er sie nicht dort liegen lassen konnte, damit nicht ein anderer darüber stolperte, aber insgeheim war sie eine Trophäe und ein Beweisstück, das er seiner Frau vorlegen konnte, falls sie ihm keinen Glauben schenken würde.

Doch schon etwas später kam er sich lächerlich vor, einen Beweis zeigen zu wollen, schaute sich nach einem Mülleimer um, konnte aber nirgends einen entdecken. So nahm er sich vor, das Glas in seiner eigenen Mülltonne zu entsorgen. Als er den Deckel der Tonne öffnete, blinkten ihm lauter kleine blaue, quadratische Glasvierecke entgegen. Er nahm eine Handvoll der kleinen Vierecke, um sie näher zu betrachten, dabei fiel ihm auf, daß das Glas völlig makellos war, keines der kleinen Stücke zeigte einen Hauch von Benutzerspuren, sie schienen frisch aus einem Herstellungsbetrieb zu stammen, und selbst der Wurf in die Tonne hatte ihnen keinen kleinen Kratzer zugefügt. Erstaunt darüber, legte er die Handvoll Glasquadrate neben sich und langte mit seinen beiden Händen wieder in die Tonne, dabei fielen einige der Stückchen wieder zurück.

Fortsetzung folgt.

Doris Mock-Kamm

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