Frau Holles weiße Schneeflöckchen


flickr.com/ Allie_Caulfield/ (CC BY 2.0)

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Faszination zwischen Mystik und Märchen

Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit, du wohnst in den Wolken, dein Weg ist so weit. Wer kennt dieses Lied noch aus Kindertagen, als man staunend aus dem Fenster blickte und die zarten Flocken die Erde bedeckten, Frau Holle wohlweislich die Daunen schüttelte, damit wir hinausstürmen konnten, einen Schneemann zu bauen, mit dem Schlitten die steilsten Abhänge herunterfuhren oder mit den Nachbarkindern die erste Schneeballschlacht ausfochten?

Gibt es überhaupt ein Kind, das widerstehen konnte, die weiße flauschige Pracht mit Hingabe, per geöffnetem Mund die Schneeflocken genußvoll aufzufangen oder auf der Zunge zum Schmelzen zu bringen?

Selbst als Kind empfand man die durch den Schnee verbreitete Stille, wenn durch eine Schneedecke die Umwelt in reines Weiß gepinselt war, als etwas Mystisches, wenn bereits die mannigfachen Märchen, drei Männlein im Walde, Schneeweißchen und Rosenrot, Schneewittchen usw. im Kindergemüt Emotionen ausgelöst haben.

Als Erwachsener sind diese weißen Eiskristalle entzaubert. Wir wissen, wie Schnee entsteht, daß er beim Schmelzen schmutziges Wasser hinterläßt, ärgern uns, wenn die Straßen unpaßierbar werden, stöhnen beim Schneeschaufeln und meckern, wenn er im Tauprozeß als matschige dreckige Brühe die Wege verunreinigt. Das glitzernde Weiß hat seine Mystik verloren, auch weil wir wissen, daß weiß nicht zu den Farben zählt, sondern vielmehr alle Farben in sich vereint. Isaac Newton hat achtunddreißig Jahre, nachdem er als erster Wissenschaftler erkannt hat, daß weiß sich aus Wellenlängen des gesamten Farbenspektrums zusammensetzt, im Jahr 1704 in seinem Werk „Opticks“ dieses Phänomen veröffentlicht.

Was bleibt Erwachsenen noch übrig von der Faszination der schwebenden weißen Eiskristalle, vom mit Puderzucker überstreuten Wiesen und Feldern, vom Knirschen des gefrorenen Schnees beim Spaziergang, außer nach stundenlangem Warten auf den Lift schnell auf Brettern ins Tal zu rasen oder mit dem Snowboard neue persönliche Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen?

Die dunkle Jahreszeit bietet Zeit für Muse, vielleicht ergeben sich Momente der Erinnerung an winterliche Kindheitstage, als der Schnee Ideen für Spiele und Albernheiten hervorgerufen hat. Vielleicht helfen diese Erinnerungen, die kalte und zuweilen triste Jahreszeit besser zu überstehen und die vierte Strophe des Kinderliedes mit schelmischen Gedanken mitzusingen: Schneeflöckchen, Weißröckchen komm zu uns ins Tal, dann bau´n wir den Schneemann und werfen den Ball.

Ihre

Doris Mock-Kamm

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