Egons Liebe


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Egon wollte von klein auf übers Meer fahren,
er traute sich nicht wegen den Gefahren,
die dort lauern könnten unter den Planken,
aber auch wegen des Schiffes Schwanken.

Denn er fürchtete sich vorm Übergeben,
dafür würde er sich ewig schämen.
Tage-, wochen-, monate-, nein, jahrelang
saß er deshalb oft trübsinnig am Strand

und schaute hinauf aufs Meer, das ihn lockte,
doch immer wenn er bereit war, ja, frohlockte,
das Abenteuer zu wagen, seinem Schicksal
endlich zu trauen, kamen die alten Qualen

umso heftiger; zitternd und taumelnd verließ
er den Platz am Wasser, die Angst den Mut verstieß.
Als nun mal wieder in der Stadt Jahrmarkt war,
sah er ein Mädchen mit lockigem rotem Haar.

Sie verkaufte in einer Bude Fische und Hummer,
wie sie so stand, herzzerreißend schön; Kummer
ihn plötzlich plagte, denn er war alt geworden,
und die Stimme versagte schon, beim Guten Morgen

sagen, sobald er das Mädchen sah, deshalb schlich er
immer wieder um die Fischbude herum, bis der Vater
des Mädchens ihn zur Rede stellte, ob dieses Treibens,
da auf einmal prasselten hunderte Worte seines Leidens

nur so aus ihm heraus, die Sehnsucht nach dem Meer,
sein Unvermögen, die rastlose Zeit, das Alter,
das nun schwer auf ihm liege, und nun habe ihn die
Liebe erfaßt, er wisse selbst nicht warum und wie,

er sei ein ehrlicher Bürgersmann und kein Dieb,
und er erbat die Hand der Tochter, die ihm so lieb.
Der Vater hörte stoisch zu, nickte dann und wann,
schüttelte den Kopf, musterte skeptisch sein Gewand.

„Nun, ich sehe und höre, Ihr seid gebildet, Eure Kleider
zeigen, Ihr seid kein armer Mann, aber leider
kann Elverine nur einen Fischermann ehelichen,
der unser Geschäft vom Fischfang bis zum Herrichten

der Ware kennt. Egon stürzte betrübt nach Haus,
im Taumel der Liebe, sein Leben ein Graus,
suchte er mit Schnaps, der Welt zu entfliehen,
doch es wollte nicht glücken, den Gefühlen

ein Ende zu bereiten. Niemand konnte je erklären,
warum er, weit weg von zu Haus und den Schären,
in einem Boot liegend auf dem Meer trieb.
Auf dem Handelsschiff, das ihn fand, blieb

er drei qualvolle Tage und Nächte unter Deck.
Schweißgebadet befreite er sich von all seinem Dreck,
im Delirium kotzte er nicht nur seine Magensäfte
aus, durch geschriene Wortfetzen und Gesten setzte

er auch all seinem seelischen Leid ein Ende.
Des Kochs grobschlächtige, rauhe und starken Hände
umsorgten ihn mit kalten, warmen Wickeln und
flößten ihm mit Kräutern versetzte Suppen in den Mund.

Am vierten Tage erwachte Egon, benommen und doch
glücklich, die Mannschaft bestürmte ihn, bis der Koch
sie alle aus der Kombüse schmiß. In den nächsten Tagen
beantwortete Egon all die ihm gestellten Fragen,

und er wurde immer selbstsicherer, obwohl er zeitweilig
kotzend und elendig fühlend über der Reling hing.
Keiner verübelte ihm dies. Er lernte das Handwerk
der Seeleute, überlebte Stürme, und Glück

umfing sein Herz, als das Schiff nach fast zwei Jahren
beladen mit vielen neuen Waren in den Heimathafen
fuhr. Inzwischen war er muskulös und braungebrannt,
so daß keiner in der Stadt ihn mehr erkannt.

Da er keine Erinnerung mehr hatte, was geschehen,
so machte er sich auf, um nach seinem Haus zu sehen,
bunte Blumen an den Fenstern, spielende Kinder auf dem Hof,
so schlich er fort zu seinem Oheim und erhoffte, dort

Klarheit zu bekommen. Der Oheim war anfangs sehr skeptisch,
aber Egon überzeugte ihn, daß er sein Neffe und kein Dieb.
So erfuhr Egon von seinem Testament, darin war festgehalten,
daß sein ganzes Hab und Gut Elverine mag erhalten,

wenn er nicht binnen eines Jahres zurückgekehrt sein sollte.
Seine Rückkehr verbreitete sich schnell, und auch Elverine wollte
ihn willkommen heißen. Sie stand mit vielen vor der Tür
und als sie Egon sah, umarmte sie ihn und dankte ihm dafür,

was er für sie getan und war glücklich, ihn gesund zu sehen.
Nun, ich weiß, was weiterhin mit den beiden geschehen,
aber ob sie eine gemeinsame Zukunft hatten oder nicht,
überlasse ich Eurer Phantasie, denn dies ist bloß ein Gedicht.

Nafia

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