Manchmal fast schon vorbei

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Manchmal und irgendwie,
fast schon ohnegleichen,
gedankenverloren
gingst du auf die Knie,
meinst, es würde reichen,
kämst davon ganz ungeschoren.

Welch Irrtum du verfallen,
weil Argwohn ihr Sinn,
Profitgedanken das Ziel.
Sektkorken erneut knallen,
Soziales weg, einfach dahin,
ausgerissen mit Stumpf und Stil.

Manchmal und überhaupt,
fast schon der Ohnmacht
äußerst nah,
obwohl ans Gute geglaubt,
wurde bösartiges entfacht,
wie schon so oft geschah.

Welch ständige Wiederholung
Mensch sich gefallen läßt,
opfervoll, fast widerstandslos.
Keine Revolte kommt in Schwung,
auch nicht im Jetzt,
um zu reinigen rigoros.

Manchmal und zu guter Letzt,
fast schon als es zu spät,
erwachen klare Geister.
Verbannen, was aufhetzt,
damit nicht alles durcheinandergerät.
Stoppt Haß, bevor dieser immer dreister!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Bundestagswahl: Nicht die Russen kommen, sondern die Rassisten

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12,6 Prozent Protestwähler ohne Sinn und Verstand

Wenn die Herren Gauland und Höcke frohlocken, weil sich genügend Wähler in diesem Deutschland fanden, die ihnen auf den Leim gingen, dann darf man nicht nur, dann muß man sogar den Abend nach der 19. Bundestagswahl, diesen 24. September 2017, als schwarzen Tag werten, der politischen Korrektheit willen gar als blaunen.

Obwohl genügend Argumente jene AfD als rechtsradikale Partei entlarven, meinten 12,6 Prozent der Protestwähler, sie in den Wind schießen zu müssen, Hauptsache den anderen Parteien habe man es mal so richtig gezeigt. Konzepte nahezu gen Null, außer harte Kante gegen Flüchtlinge, den Sozialstaat am besten gleich abschaffen, Frauen an Herd und Heim schicken. Ein Rückschritt sondergleichen, manch hysterische Befürchtungen wähnen die Blauen in einer Koalition mit der Union. Das wäre mehr als fatal und daher unrealistisch.

SPD genau dort, wo sie hingehört

In die Opposition gleich als stärkste Partei trotz etlicher Verluste. Der große Wahlverlierer, die Union, kann ihren Merkel-Bonus nicht ausspielen, muß den Weg in die Jamaika-Koalition wagen, will sie das Ruder beim Regieren in scheinbar sicheres Fahrwasser führen. Wieso scheinbar? Weil dies sowieso trügerisch angesichts weltpolitischer Herausforderungen, die alles andere als rosig zu bezeichnen wären, denken wir an Trump, Kim Jong-un etc.

Nachdem Die Linke sich wochenlang im Mittel der Prognosen als drittstärkste Partei behaupten konnte, erreichte äußerst ernüchternd und enttäuschend sie knappe 9,2 Prozent trotz Stimmengewinn von 0,6% gegenüber 2013. Die Grünen sind Schlußlicht mit nur 8,9%. Neben jener AfD dürfen die Liberalen sich glücklich schätzen, immerhin verdoppelten sie nicht nur ihr desaströses Ergebnis der letzten Bundestagwahl, sondern erreichten gar 10,7%. Wegen des jungen Herrn Lindner? Unwahrscheinlich.

Viel Tricksereien und Geld im Spiel – Wahlbetrug ein dehnbarer Begriff

Man stelle sich mal kurz vor, jene AfD hätte ein einstelliges Ergebnis erzielt. Der Aufschrei im Lande wäre riesengroß gewesen. Dank freundlicher Unterstützung aus Russland nimmt man das jetztige Resultat doch gern an, was Bot-Netzwerke ohnehin schon lange erfolgreich in den Social-Media anrichten, diente offensichtlich ebenso der Wahlmanipulation, ganz im Stil bösartiger Gerüchte, Erinnerungsvermögen beim Wähler mögen eine Achterbahnfahrt nach der anderen erleben, völlig egal, es zählt die Strategie, die sichtbar aufging.

Mit einem Blick ins AfD-Schwarzbuch sollte ohnehin jedem klar sein, wie simpel Geldflüsse willigen Tricksereien Vorschub leisten, die heftige Wahlwerbung jener AfD deutet drauf hin genauso wie das ominöse Comeback der FDP. Gewisse Herrschaften hätten es gern so, schließlich lockt die Fortsetzung des neoliberalen Wirschaftsdiktats, billige Arbeitskräfte lassen sich mit Flüchtlingsströmen erst recht clever lenken, die „da unten“ gegeneinander ausspielen, während die „da oben“ es sich sehr gut gehen lassen. Ablenkung so weit das Auge reicht, der „Wahltrottel“ merkt’s sowieso nicht.

Ein bedenkliches Fazit

Einer Fraktion wie die Union, die gleich einen Stimmenverlust von 8,6% erleidet, kann man daher keinen Sieg bescheinigen, selbst wenn Angela Merkel es mit der Jamaika-Koalition probieren möchte, eine Minderheitsregierung ausschließt. Schwierige Koalitionsverhandlungen stehen bevor. Aber wir wissen ja, die Grünen zeigen sich kompromißbereit seit Rot-Grün, Hartz IV und Kosovoeinsatz stimmten sie ohne weiteres zu. Politik bleibt ein schmutziges Geschäft, notfalls stehen Neuwahlen an, wobei dann die Rechtsradikalen sehr wahrscheinlich eher zulegen könnten.

Ein Blick ins Ausland dürfte erschrockene Gesichter bescheinigen, nach dieser Nazi-Vergangenheit nimmt eine AfD im Deutschen Bundestag Platz. Möge eine Legislaturperiode ausreichen, um sie sachlich argumentativ zu zerlegen!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Jedes Kreuz gegen die Neue Rechte

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Wählen gehen,
endlich verstehen,
was Demokratie bedeutet.
Rassisten haben vieles eingeläutet,
um Eure Meinung zu verdrehen.
laßt ihren Einzug ins Parlament nicht geschehen.

Am Sonntag die Bundestagswahl
empfinden manche als Qual,
doch die Politik bestimmt unser Los.
Kleingeistige Neonazis sind rigoros.
Auferstanden aus tiefstem Tal
wittern sie ihre Chance wieder einmal.

Wählen gehen,
Hürden bestehen,
bevor die Neue Rechte regiert.
Auf das sie viele Stimmen verliert!
Wer schweigt, – da hilft kein Flehen-,
hat’s vergeigt, fördert Haß säen.

Am Sonntag die Bundestagswahl
alles andere als egal.
Über siebzig Jahre Frieden etwa zu lang?
Mit Nationalisten ist der Krieg erst recht dran!
Jene Rechtsradikale sind keineswegs sozial,
ihre Wiedergeburt ein politischer Skandal.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Die Nation braucht keine Stalker

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Sie beachtet mich einfach nicht,
dabei schreib ich Gedicht um Gedicht,
preise ihre wunderbaren idealen Vorzüge,
schwöre, daß ich sie nie, niemals betrüge.
Kämpfe um sie bei jedem Wortgefecht.
Mache mich traditionell für sie zurecht.

Lese in allen Spuren der Vergangenheit
ihre unverrückbare Selbstverliebtheit,
die ihr wunderbar zu Gesichte steht.
Warum nur lächelt sie über mich, unentwegt.
Ich verteidige ihren angestammten Platz,
den alle Vorfahren für sie geschafft.

Keiner kann mich eines Besseren belehren,
nur sie erreicht mein Herz, mein Streben.
In ihrem Glanze erstrahl´ ich groß und kräftig,
tu alles, damit sie unsterblich bleibt, mächtig.
Trotz alledem, sie reagiert einfach nicht.
Nation, für dich werd´ ich sogar zum Bösewicht.

Ich sink hinab in die dunkelsten Abgründe,
jeden Zweifler, Nörgler an dir ich finde.
Wir sind aus demselben Holz geschnitzt,
dein Geziere eine Tugend, die dich schützt
vor all den Ignoranten, jetzt verstehe ich.
Deine Göttlichkeit lehre ich sie, ich liebe dich.

Als sie diesen Text las, die Nation,
dachte sie an Flucht, danach an Kapitulation.
Doch dann erinnerte sie sich,
auf diese Weise vertreibt man Verehrer nicht.
Persönliche Vielfältigkeit klar definieren,
wahre Liebe braucht niemand hofieren.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Vom Glauben abkommen eine Chance der Selbstfindung?

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Religionen im Widerspruch zur Realität

„Sorglos heile Welt, die sich tagtäglich hier präsentiert, geheiligt seien deine Mittel und Wege, verzeih all die Ungereimtheiten, die den Menschen Leid zugefügt haben, im Namen des Herrn vergib uns all unsere Sünden, Amen.“ Keine Sorge, Sie befinden sich weder in der Bibelstunde noch bei einem Gebet, sondern so ähnlich spielen sich millionenfach gebetsartige Glaubensbekenntnisse ab, die sicherlich auch ganz andere Ausdrucksformen der Um- und Beschreibung anwenden, aber allesamt einem Ziel folgen: der Doktrin des jeweiligen Glaubens.

Es ist noch nicht allzu lange her, daß hierzulande im wesentlichen die Katholische und die Evangelische Kirche unsere Gesellschaft bestimmend gestalteten, andere Religionen bildeten eher die Ausnahme gemessen an den Zahlen ihrer Mitglieder. Hat vor allem die westlich orientierte, industrielle Welt sich trotz vieler Modeströmungen und intensiver Hinterfragungen gänzlich vom Korsett der großen christlichen Glaubensbekenntnisse insoweit befreien können, wesentlich toleranter Andersgläubigen sich gegenüber zu verhalten?

Toleranz scheitert oftmals an der Doktrin mancher Religion

Man sollte sich jede Gesellschaft als ein riesengroßes Gebilde zigfacher Gruppen vorstellen, wobei die Schnittmengen durchaus vielfach vorhanden sind, wer noch weiß, wie sich das in der Mathematik mit der Mengenlehre graphisch dargestellt verhält. Kompliziert wird es, wenn z.B. Vater Moslem und Mutter Christin sind, Tochter zum jüdischen Glauben fand und nunmehr sich in einen überzeugten Punk verliebt, der sich als Atheist fühlt mit einer gewissen Sympathie zum Buddhismus.

Insofern Schnittmengen und Vorurteile, die bewältigt werden wollen, durchaus funktionieren könnten, wenn denn deren Familien-, Freundes- und Bekanntenkreise mitspielen würden. Der Konjunktiv verrät, daß die Ausnahme in der Wirklichkeit äußerst selten toleriert wird.

Was schon sämtliche Philosophen ebenso beschäftigte, die Theologen muß man außen vor lassen, weil sie viel zu engstirnig sich nur innerhalb ihrer religiösen Zugehörigkeit bewegen, bis hin zu Literaten und anderen Künstlern, die Befreiung unserer Glaubensfesseln im Gleichschritt mit dem jeweiligen Zeitgeist zu meistern, vermag bis heute auf den ersten Blick als überwunden gelten, bei genauerer Betrachtung verhält sich dies wesentlich differenzierter bis hin zu gefährlich fanatischen Formen. Nein, die Rede ist nicht gleich vom Islamismus, der ganz besonders seit 09/11 in den Fokus scharfer Beobachtung rückt, sondern mitten unter uns vermehren sich die Reibungsflächen ziemlich unterschiedlicher Religionsgemeinschaften, um den gesellschaftlichen Frieden empfindlich zu stören.

Immer noch Glaubenskriege in den Köpfen der Menschen?

Na klar doch, Kreuzzüge sind Geschichte, so auch die engmaschig verzweigten Machtkämpfe zwischen den alten Königshäusern und den Kirchen, aber übriggeblieben sind die nicht überwundenen gegenseitigen Dogmen und Abgrenzungen der unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften. Solange ein friedliches Miteinander auch tatsächlich praktiziert wird, und dafür gibt es etliche positive Beispiele, die im Großen und Ganzen solche Gesellschaften auszeichnen, herrscht im Alltag eine gewisse Toleranz.

Gleichwohl schwelt dabei einiges, bricht manchmal punktuell aus bis hin zu offenem Schlagabtausch im wahrsten Sinn des Wortes. Mal ganz abgesehen von zunehmender Islamophobie oder treffender bezeichnet als antimuslimischer Rassismus, dürfen wir nicht all die anderen Glaubensgemeinschaften unterschätzen, die für Unmut und Differenzen in unserer Gesellschaft sorgen. Waren es früher die als penetrant empfundenen Zeugen Jehovas, weil sie von Haus zu Haus zogen, um den „ewigen Weltuntergang“ zu prophezeien, muß man jetzt manche Ortsteile als gewöhnlicher Christ oder Nichtgläubiger am besten meiden.

Und was im Kleinen hierzulande die Gemüter bewegt, müssen wir erst recht weltweit beobachten. Die Konfliktherde steigern sich bis hin zu Kriegen, bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen oder Terror. Eines der empfindlichsten und zugleich auch sich stetig zuspitzenden Regionen ist weiterhin der Nahe Osten. Gerade dort treffen viele Weltreligionen aufeinander, wobei im besonderen die Rüstungsindustrien davon profitieren und entsprechend hoch die Nachfrage nach Waffen sich gestaltet.

Die verbale Auseinandersetzung, das Analysieren, Verarbeiten und neugierige Erforschen und Entdecken der unterschiedlichen Glaubensrichtungen bis hin zu Sekten, um auch mal dieses inzwischen verpönte Wort zu benutzen, denken wir nur an die äußerst fragwürdigen Scientologen, zeigt vordergründig zumindest die geistige Reife zur Auseinandersetzung, zumal immer mehr Menschen sich gänzlich vom Glauben abwenden, aber parallel dazu eine Instrumentalisierung stattfindet. Von Aufeinanderzugehen kann folglich nicht die Rede sein. Glaubenskriege haben nach wie vor einen schrecklich hohen Stellenwert.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Helena von gegenüber

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Hans-Peter entschloß sich, spontan seine Patentante Annelie zu besuchen. Ein bißchen gelogen ist an dem Wort spontan die Tatsache, dieser Besuch ist nach Aussagen seiner Mutter längst überfällig, sie wäre es leid, ihn ständig daran erinnern zu müssen, er sei gewiß inzwischen alt genug, um zu wissen, wie wichtig für Tante Annelie der Kontakt sei und wie sehnsüchtig sie darauf warte, ihn persönlich in die Arme zu nehmen, und sie verstehe überhaupt nicht, warum er, obwohl er inzwischen schon mehrere Wochen in Berlin leben würde, nicht einmal Annelie besucht hätte. Du mußt ja nicht gleich den ganzen Tag bei ihr verbringen, hast du völlig vergessen, wie sehr du ihr am Herzen liegst, Hans-Peter?

Er war mit der U-Bahn unterwegs, ihm war die Decke in seiner kleinen 2-Zimmer-Wohnung auf den Kopf gefallen, nachdem er den morgendlichen Aufstehrhythmus, um zur Uni zu fahren, so lange hinaus gezögert hatte, bis er dem Wunsch verfiel, eine Katastrophe möge ihn aus dem Bett katapultieren. Erst als er registrierte, welch Unsinn da soeben durch seinen Kopf flatterte, weil er tatsächlich begann, die unterschiedlichsten Katastrophen bildlich vor sich zu sehen, Meteoriteneinschlag, Fliegergeschwader, die nur sein Haus zum Ziel hatten, Wassermassen, die bis zum zweiten Stockwerk alles umfluteten, Erdbeben, das zielstrebig ein Hochhaus nach dem anderen einstürzen ließ, wälzte er sich tastend ins Bad. Es schien, als ob selbst das kalte Wasser keinen besonderen umwerfenden Aufwacheindruck auf seinem Gesicht hinterließ und schon gar nicht seine fiktiven Vorstellungen wegwischen konnte. Starker Kaffee sollte sein Gemüt wieder zum Vorschein bringen, denn er selbst, Freunde, Bekannte, eher fremde Personen, die ihn nicht gut genug kannten, um sonderlich viel über ihn zu wissen, attestierten ihm eine Seelenruhe, die kein Sturm umwerfen könnte.

Tante Annelie, bei der er über Jahre ein und aus ging, weil sie nebenan wohnte und die Schwester seiner Mutter war, begann irgendwann nach jeder noch so kleinen Aufforderung, etwas zu tun, daran zu denken, immer ein „hurry up“ zuzusetzen. „Hurry up“ fanden dann seine Familie, Freunde so unsäglich witzig, daß nur noch in seltenen Fällen sein richtiger Name genannt wurde. Nicht daß sie ihn Hurry up riefen, so weit ging ihre Hänselei nicht, auch das „up“ verschwand, etwas später, das eine Weile als „ab“ verwandt wurde, zurück blieb der Name Harry. Aus Hans-Peter wurde Harry, und Harry blieb ihm durch die gesamte Kinder- und Jugendzeit, so daß er manchmal glaubte zu meinen, seinen wirklichen Taufnamen nicht mehr zu kennen. Seine Unterschrift hat er mit vielen Übungen so ausgefeilt, daß wer wollte, Hans-Peter las, wer nicht, Harry entzifferte. Das war unwahrscheinlich praktisch bei behördlichen Angelegenheiten.

Die Flucht aus seiner Wohnung führte ihn in den Botanischen Garten, dort erhoffte er sich Ablenkung zu Genüge, würden die Pflanzen nicht helfen, so würde er sich den Zoo einverleiben. Den Botanischen Garten hat er im Stechschritt durchmarschiert, selbst die mit Wärme ihn umfangenden Gewächshäuser konnten ihn nicht bewegen, langsamer zu werden. Der Zoo sollte nun also dafür sorgen, wieder in seine alte Gangart zu treten, auch seine wirren Gedanken zu klären, die in Spuren immer noch damit beschäftigt waren, die Verwüstungen aufzuräumen. Die U-Bahn war nur mäßig besetzt, trotzdem blieb er direkt hinter den Eingangstüren stehen, möglicherweise erhoffte er sich dadurch einen klareren Überblick. Als die Durchsage der nächsten Station mitgeteilt wurde und kaum die Öffnung der Schiebetüren breit genug durchzugehen, stieg er aus, sein Ziel Tante Annelie.

Im ersten Moment war es ihm, als erkenne sie ihn nicht, fürchtete, seine wirren Gedankenwelten wären auf seiner Stirn deutlich abzulesen, als sie ihn herzlich an sich drückte. Sie war nicht mehr gut zu Fuß, nach dem Unfall, bei dem ihr Mann starb und sie selbst schwer verletzt wochenlang in Klinken und Rehabilitationscentren aufgepäppelt wurde. Ihre Kinder erledigten für sie sämtliche kleinere und größeren Besorgungen, in der Wohnung bewerkstelligte sie mit einem Krückstock, an schlimmen Tagen mit einer Art Rollator den Haushalt, außerhalb war sie mit ihrem Rollstuhl unterwegs, den sie „hurry up“ nannte, wie sie ihrem Neffen erklärte, nachdem sie ihn durch den für sie befremdlich wirkenden Bart, oha, ein Hipster in der Familie, erkannt hatte.

Das großzügig geschnittene Wohnzimmer hatte einen offenen Erker, mit umlaufenden Sitzmöbeln, die geradezu einluden, sich an den runden Tisch zu setzen. Ihre vielen Fragen, das stetige amüsierte Lächeln, wenn er antwortete, ließen ihn immer tiefer in die Polster rutschen, er empfand dieses vermeintliche Einsinken als den Rettungsring für seinen Tiefgang der Gefühle und Gedanken. Dies selige Empfinden geriet ab und an in Bedrängnis, weil er aus dem gegenüberliegenden Haus, genauer hinter dem Dachfenster eine junge Frau stehen sah, die ihren Kopf, nach rechts, nach links, hinunter in den Vorgarten, hoch in den Himmel streckte, aber immer nur dann, wenn er nicht hinübersah. Er wußte, sie war da, er wußte, sie vollführte ständig die gleichen Bewegungen und er wußte, dies obere Dachfenster kann keine Wohnung sein, dies war lediglich ein Fenster eines Dachbodens.

„Du siehst sie auch? Das ist Helena, war sie nicht wunderschön! Als wir damals hier einzogen, konnte ich mir nicht erklären, warum ich ständig das Gefühl hatte, in dem Haus gegenüber würde jemand auf dem Dachboden leben. Helena lebte mit ihren Eltern und Geschwistern im oberen Stockwerk, sie war wohl ein Papakind und stand oben am Fenster, um auf ihren Vater zu warten, der endlich aus der Kanzlei nach Hause kommen sollte, damit noch genügend Zeit vorhanden wäre, um sie mit seinen Kindern zu verbringen, bis es Schlafenszeit war. Irgendwann kam der Vater nicht mehr nachhause, er wurde ohne Benennung einer Anklage verhaftet. Alle Bemühungen der Familie und ihr wohlgesinnten Freunden, ihn aus der Haft freizubekommen, scheiterten. Helena muß Stunden dort hinter dem Dachbodenfenster verbracht haben, um Ausschau zu halten, wenn diese Blicke immer noch die Kraft haben, andere Menschen zu erreichen, nur ihren innig geliebten Vater nicht. Die Familie floh, zuerst nach Amerika, später nach Israel. Das Schicksal des Vaters ist bis heute nicht geklärt, vermutlich haben sie ihn zu Tode gefoltert, das Ganze vertuscht. Es gibt keinen Nachweis, daß er in einem Konzentrationslager umgekommen ist, nirgends taucht sein Name auf. Helena hieß in Wirklichkeit Rena, sie kam in den 60iger Jahren in ihre Geburtsstadt zurück, kaufte ihr Elternhaus, zog aber niemals mehr ein. Sie überschrieb das Haus einer Erbengemeinschaft und einer Stiftung zu gleichen Teilen, die es in ihrem Sinne weiterführen. Es dient Familien als Zufluchtsort, wenn sie sich in Zeugenschutzprogrammen befinden oder auf Grund was auch immer, Schutz benötigen. Guck nicht so, das ist wahr. Nur der Name Helena ist von mir ausgedacht.“

„Warum nennst du sie Helena?“

„Harry, lange dachte ich, dies ist alles nur Einbildung, nach Günthers Tod war ich trotz der Fürsorge von Ulrike und Max so oft und viel alleine, der Blick von Helena half mir, mich zu erinnern, Günther kommt nicht wieder, niemals mehr. Ich wollte nicht Helena sein, die nur noch Ausschau hielt nach einem Stück Leben, das für immer verloren war. Helena nannte ich sie, weil mir dieses Gefühl der Wehmut, der Trauer, der Hoffnung, der Liebe passend schien, meinen Gram etwas Gutes Schönes abzuringen. Helena half mir, mich zu retten, noch bevor ich wußte, wer sie war. Oh, das ist sicher Walter, er wohnt seit einigen Wochen gegenüber, machst du ihm bitte auf, Harry? Und was hältst du davon, mit uns gemeinsam eine Runde spazieren zu gehen, auf dem Uferweg entlang des Wannsees kann man nicht nur das Wasser an das Ufer plätschern hören, er eignet sich auch bestens dafür, wirre Gedanken aus dem Kopf zu spülen. Na los, mach schon, hurry up!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Frankreich: Das Land der „Faulenzer“ empört sich

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Macrons unbeholfener Job als Präsident

Manche mögen ihm wohlgesonnen sein, Emmanuel Macron, dem jungen Präsidenten, der es tatsächlich schaffte, Marine Le Pen in die Wüste zu schicken, mit eindeutiger Mehrheit in den Élysée-Palast einzog. Daß dessen absolute Mehrheit vor schwierigen Herausforderungen stehen würde, war absehbar, zumal ein wirtschaftlich neoliberaler Kurs genau das auch von ihm verlangt.

Schon mehren sich die Stimmen, die ihre Befürchtungen zum Kurs der En Marche als bestätigt sehen, obendrein ein Satz von Macron zurecht besonders sauer aufstößt, in dem er bekundet hatte, er werde von Faulenzern, Zynikern und Extremisten nicht zurückweichen und sein Reformprojekt nicht zurückziehen. Nun „sind die Faulenzer raus“, protestieren gegen die bevorstehende Arbeitsrechtsreform.

Parallelen zur Agenda 2010

Was François Hollande nicht gelingen sollte, vermag der Newcomer Macron mir nichts dir nichts durchboxen, eine Arbeitsrechtsreform, die fatal an die Weichen zur Hartz-IV-Gesetzgebung erinnern. Jenem Wirtschaftskurs, importiert aus den USA, der Ami hat’s mal wieder vorgemacht, initiiert mittels Agenda 2010 ausgerechnet von einer SPD unter Herrn Schröder, das Tor zum Niedrig- und Dumpinglohnsektor weit aufstoßend? Heilsbringer für die oberen Zehntausend, Knebelverträge und staatliche Gängelei fürs malochende Volk, Hauptsache die Pfründe jener arroganten Klientel sind gesichert?

Auch ein Emmunel Macron funktioniert lediglich wie ein aufgezogenes Uhrwerk, dem er schnurstracks folgt, während hierzulande gleichwohl die „Suche nach sozialer Gerechtigkeit“ selbst im Bundestagswahlkampf sich erneut als Trugschluß bestätigt. Sie dient einer Augenauswischerei, in Wirklichkeit bestimmt das Wirtschaftsdikat der Großkonzerne soziale Belange und Abhängigkeiten.

Der Kapitalismus stößt nicht nur an seine Grenzen

Er bricht längst zusammen, nur daß ganz besonders neoliberale Politik eisern an ihm festhält, Das dürfen wir in den USA genauso beobachten wie im deutschen Wahlkampf, eine FDP darf bereits wieder über Koalitionen sinieren, bis hin nach Frankreich selbst. Wer als zweitgrößte europäische Wirtschaftsnation mitreden will, hat sich dem weltweiten Wirtschaftsdiktat unterzuordnen. Das gilt somit auch für Macron, der seine Rolle unbedingt brillant umsetzen wird: rücksichtslos und ohne jedwede Gewissensbisse. Wer keine Armut kennt, stets hofiert wurde, für den gibt es schlichtweg keine sozialen Belastungen.

Erneut zeigt sich der wahre Kern des Problems: Raubtierkapitalismus ist per se zerstörerisch, setzt nicht nur seine Ellenbogen zu Lasten aller Benachteiligten ein, sondern schützt Gewinner, Verlierer müssen auf der Strecke bleiben. Pretty Woman war gestern, heute herrscht der Ausverkauf letzter Bestände, morgen schon mögen radikale Systeme ihn per Gewalt erst recht festigen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Spieglein, Spieglein im deutschen Land

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Spieglein, Spieglein im deutschen Land,
wer hat den wahren Retter der Nation erkannt?
Das sind die Braunen im blauen Gewand.

Spieglein, Spieglein im deutschen Land,
wer ist vor demokratischen Wahlen weggerannt?
Ach, das sind Nichtwähler, völlig ausgebrannt.

Spieglein, Spieglein im deutschen Land,
wer zieht durch die Straßen, meist brüllend bemannt?
Da ziehen Montagsspaziergänger, die zusammenfand.

Spieglein, Spieglein im deutschen Land,
wer schwingt zum Hitlergruß ungeniert die Hand?
Es ist derselbe Pöbel wie damals, welch Schand.

Spieglein, Spieglein im deutschen Land,
wer hat wohl politische Leitlinien verkannt?
Die anderen sind die Nazis, wie eklatant.

Spieglein, Spieglein im deutschen Land,
warum schaust du so ohnmächtig und gebannt?
Auch du verachtest sie, leistest Widerstand.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Entziffernde Zeichen

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Beim schummrigen Kerzenlicht
mühte er sich, zu entziffern die Schrift.
Er hatte das Stück Papier gefunden,
mit Schleife zusammengebunden.
Gelblich, fast verschlissen das Papier,
nur Buchstaben, kein Wort stand hier.
Ziffer um Ziffer, akkurat entnommen,
trotzdem blieb der Text verschwommen.
Dies war kein Kreuzworträtselspiel,
Genies gab es zu dieser Lösung nicht viel.
Davon war er absolut überzeugt,
er sah sich schon mit Trophäen überhäuft.
Jubelnde Massen fielen vor ihm auf die Knie,
so einen gescheiten Geist gab es vor ihm nie.

Wenn nur bloß die Schriftzeichen etwas klarer,
nicht so unleserlich, mehr ausdrucksstarker,
dann hätte er das Geheimnis längst gelüftet,
wär er König, nicht ein Niemand, der dichtet.
Bräucht keiner zu wissen, woher der Text stammt.
Er würde ewig schweigen, aber verdammt,
wenn der Urheber plötzlich auftauchen würde?
Bis dahin ist das Original verbrannt, Asche, Erde:
Verflixt, hieraus erschließt sich kein Sinn,
vielleicht halt ich es mal näher an die Kerze hin?
„Gelebt durch viele Zeiten, geflogen, geflattert
durch die Ewigkeit, bis ein Mensch mich ergattert!“
Die Kerzenflamme stob empor, fraß Ziffer um Ziffer.
Bis ans Lebensende dachte er: Stand das da sicher?

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Deutschland am Scheideweg: Nicht nur Mäuse fängt man mit Speck

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Oder mal wieder mit rechtsextremen Dreck

Links zwo drei vier, wohin marschieren wir? In den Tag hinein, nein, nicht nur so zum Schein, sondern ganz gezielt haben wir nach rechts geschielt. Wir haben nichts zu verschenken, weggewischt sämtliche Bedenken, schließlich sind wir doch das Volk, fliegen auf der dunkelsten Wolk’, die sich am Himmel zeigt, all die anderen haben’s wohl vergeigt.

In unserem wunderschönen Germania bestimmen wir die Richtung, alles klar? Von wegen per netter Schlichtung. Ausländer, Flüchtlinge raus, mit denen wird nix draus. Die Grenzen dicht, jetzt ist Schacht im Schicht, wenn’s auch umgekehrt lauten tut, nur so reimt’s sich gut. Mal Hand aufs rechte Herz: Wir kommen, ohne Scherz.

Na, fragt nicht so unbeholfen, nicht wie Trump zum Golfen, in den Deutschen Bundestag, weil der deutsche Wähler uns so richtig mag. Und wenn die Prognosen der Institute Euch Sand in die Augen streuen, Euch somit schlecht betreuen, am Ende nach der Wahl sprechen reale Zahlen eine ganz andere Sprache. Das ist Sache! Als drittstärkste Partei sind wir dann im Plenum mit dabei. Die Welt wird staunen, was wir so zu sagen haben, um Eure miesen Launen davon zu jagen.

Ach, Deutschland wird diesmal blaun? Jawoll, so soll’s sein, das Volk gewinnt wieder an Zutrauen, steht nicht mehr allein. Wir, die AfD, loben nicht nur über’n Klee, sondern lassen Taten folgen, zu lange wurdet Ihr schon gemolken. Deutschland den Deutschen, alle anderen hinweg, wir fordern einen germanisch erstarkten Fleck. Egal ob patriotisch, identitär oder nationalistisch genannt, wir verbannen endlich diese historische Schand’, wollen auch die alten Grenzen zurück, nicht Stück für Stück, sondern sobald wir an der Macht, wär doch gelacht.

Doch Halt, was sehen wir da, die Bundespolitik lehnt uns einfach ab? Ach wat, das schon früher geschah, als die NPD hielt manche auf Trab. Nun sind andere Zeiten, die reichen bei weitem, uns nach vorne zu bringen, wird vieles besser gelingen. Mit Haß und Parolen können wir unverhohlen die Bürger aufhetzen, egal ob wir dabei manche verletzen, Hauptsache an der Macht, auf das es im Lande kräftig kracht.

Per lautem Geschrei sind wir bei Muttis Wahkampfreisen mit dabei. Es zählen keine Argumente, egal ob sich sichere oder keine Rente, wenn wir am Drücker sind, um’s mal zu sagen ganz gelind, dann ist Schluß mit sozialen Geschenken, da könnt Ihr Euch noch zu verrenken, gar von uns ablenken. Bei uns herrscht dann ein scharfer Ton, wer klagt oder beruflich versagt, das hat er nun davon, wird schlichtweg verjagt.

Genau, Sie haben richtig gehört. Gucken Sie nicht so verstört, Sie Oberschlau. Das wird uns doch Kosten sparen, und mit den Jahren gewöhnt sich der doofe Michel sowieso dran, weil er eben nicht anders kann, als gehorsamst vor der Obrigkeit buckeln, immer schön an Muttis Brüsten nuckeln. Ach, ist das schee, bald regiert die AfD.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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